Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Lwntr Delegjertenvkrlammlung des jüdilchrn Frauenbundes in Frankfurt a. M. am 7. und 8. Oktober 1907. er zweite Delegiertentag des jüdischen Frauenbundes hat die Existenzberechtigung des Bundes eklatant bewiesen. 85 angeschlossene Vereine haben etwa 42 Delegierte entsandt und etwa noch zehn Vereine ihr Stimmrecht befreundeten Delegierten übertragen. Der große Saal der Frankfurter Loge faßte kaum die Zahl der Zuhörers und am letzten Abend mußten etwa 500 Menschen wegen Raummangels umkehren. Es waren Tage der Anregung. Tage der Beglückung für die daran beteiligten jüdischen Frauen; ein Strom der Begeisterung ging von der Führung des Bundes aus, und man sah, wie das Verständnis für die Sache des Bundes gleich einem elektrischen Strom die Verbindung herstellte zwischen Vorstand, Delegierten und Publikum. Der Begrüßungsabend war ein außerordentlich gemütlicher; da waren es nur Hausfrauen, Freundinnen, Schwestern, die sich im „Mädchenklub" zum fröhlichen Gedankenaustausch, zum Zweck des Kennenlernens zusammengefunden haben. Als die erste Vorsitzende des Bundes, Fräulein B. Pappen heim, in schlichten, bewegten Worten die Anwesenden willkommen hieß, da hatte sie im Sturm die Herzen erobert. Ein sehr hübsches Theaterstück „Oamsu le Tauwo", dargestellt von Mitgliedern des Klubs — meistens arbeitende galizische Mädchen — trug viel zum Gelingen des Abends bei. Der erste Delegiertentag wurde von der 1. Vorsitzenden, Fräulein Bertha Pappenheim, Frankfurt a. M., eröffnet. Rednerin führte aus: Der jüdische Frauenbund soll den Boden bereiten, auf dem alle lebendigen Interessen der Frauenwelt zusammenfließen und soll anderseits diese zu den allgemeinen Interessen des jüdischen Gemeinlebens in harmonische Beziehung bringen. Der Bund soll uns widerstandsfähig und stark machen. Die ganze jüdische Gesetzgebung sei nur ein Ausdruck feinsten sozialen Empfindens, ein Eingehen auf die Bedürfnisse derer, die da mühsam und beladen sind. Das Wort Mizwoh, das zugleich Wohltat und Gesetz bedeute, zeigt, daß dem echt jüdischen Denken charitativ und sozial identisch sind. Viele Einrichtungen seien revisionsbedürftig. Rednerin betont besonders, daß sie nicht an religiöse Nuancen denke, sondern lediglich an Vereinsorganisationen. Der jüdische Frauenbund soll und wird das Mittel sein, Vereine und Leiter zusammenzusühren, Aussprachen zu vermitteln, Leben und Energie hinauszutragen. Der jüdische Frauenbund wird die Frage der osteuropäischen Juden als ein eminent wichtiges Feld seiner Tätigkeit betrachten. In vernünftiger, zielbewußter Armenpflege; in Erziehungs- und Berufsfragen, in Stellenvermittlung und Ansiedlungsfragen können wir Frauen viel Unheil und Herzleid verhüten; in umfassender Weise aber soll die Selbsterziehung, Jugenderziehung, Volkserziehung vom Bund angestrebt werden. Uns Frauen werde die Bundesarbeit lehren, wie notwendig es ist, die Welt kennen zu lernen, wie sie ist und sich zur gegenseitigen Unterstützung die Hände zu reichen und zu wirken durch volle Hingabe, durch Liebe. Rechtsanwalt Dr. Blau begrüßte die Versammlung im Namen der israelitischen Gemeinde Frankfurt, Rechtsanwalt Dr. Merzbach überbrachte die Wünsche der Frankfurt-Loge für guten Erfolg der Verhandlungen. Herr Charles Hallgarten hieß den jüdischen Frauenbund im Namen des israelitischen Hilfsvereins herzlich willkomnren. Nachdem Frau May-Berlin den Geschäftsbericht verlesen, erstattet Frau Dr. Frankl-Berlin den Kassenbericht und knüpft daran noch die Betrachtung, daß viele der jüdischen Frauenvereine sich noch nicht zu der Erkenntnis durchgerungen haben, daß sie alle Glieder einer Kette sind, die von Ort zu Ort den Funken der Erkenntnis leiten soll, und darum schließen sie sich dem Bunde entweder gar nicht an oder bewilligen den kargen Beitrag unwillig oder bedingt auf ein Jahr, die wissen nicht, daß jede Arbeit, getan im Dienste der Vervollkommnung, mehr Nutzen stiftet als manche Einzelunterstützung. Auch müsse betont werden, daß viele Frauenvereine es noch an Pünktlichkeit und Genauigkeit bei Absendung des Geldes und Angaben der Adressen fehlen lassen. Auch dieses müßten wir Frauen lernen, damit nicht nur einige hervorragende Persönlichkeiten unter den jüdischen Frauen uns Ehre machen, sondern die breite Masse. Fräulein Pappenheim ergriff nun das Wort zu ihrem Referat über „die Sittlichkeitssrage" und wandte sich energisch gegen die Behauptung, daß es eine besondere jüdische Sittlichkeit gebe. Die Rednerin behandelte eingehend als die drei Hauptfragen der Sittlichkeit die Wohn-, Lohn- und Erziehungsfrage. Das gezwungene Nebeneinander in den beschränkten Wohnräumen stumpfe das Schamgefühl ab. Es sei also allgemeine Abhilfe erforderlich. Spezielle Eigenschaften des jüdischen Volkes machten in dieser Frage besondere Maßregeln nötig. Ghettoerinnerungen scheinen es zu sein, die in vielen Gegenden die Juden zum engsten Beieinanderwohnen veranlassen. Da müsse denn Zwang angewandt, nötigenfalls die Unterstützung entzogen werden. Allerdings sei jeder Fall individuell zu behandeln. Im Zusammenhang damit kam die Rednerin auf die Wöchnerinnenheime zu sprechen. Die uneheliche Mutter dürfe nicht bei Hebammen Unterschlupf suchen; sie komme da leicht „unter die Räder". Wöchnerinnenheime seien speziell für unverheiratete Frauen zu gründen. Man habe sich mit Frauenverbindungen anderer Länder zur Erledigung dieser Frage in Verbindung gesetzt. In der Lohnsrage befürwortet die Rednerin die Forderung der fortgeschrittenen Frauen» vereine. „Wir aber," so betont sie, „müssen auch dafür sorgen, daß arme jüdische Mädchen den Antisemitismus nicht verbreiten; wir müssen verhindern, daß durch den Broterwerb vermürbte Mädchen den Bordellwirten irt die Hände fallen." Manche jüdische Arbeitgeber beschäftigen lieber christliche als jüdische Arbeiterinnen. Das fei höchstes Unrecht, denn Arbeit geben sei besser als Almosen geben. Man müsse auch den Arbeiterinnen entgegenkommen, die ihren Sabbat feiern wollen. Rechtskürzung und Rechtsbeugung des Frauenrechts verschulden in vielen Fällen die Prostitution. Die Rednerin erkannte die Verdienste der fortschrittlichen Frauenvereine an, aber sie sprach von „Frauen mit weitem Blick und kurzem Gedächtnis, die gleich den Automobilisten mit rücksichtsloser Zuversicht und zuversichtlicher Rücksichtslosigkeit vorwärts rasen"; sie hätten vergessen, daß sie viel den älteren, ruhig arbeitenden Frauen entnommen hätten. Wie sei es nun mit der Sittlichkeit im Judentum? Die Zahl der jüdischen Prostituierten ' sei gestiegen. Das Familienleben lasse in vielen Fällen zu wünschen übrig. Die Rednerin forderte unter lebhaftem Beifall eine Reform der Stellung der Frauen in der jüdischen Gemeinde. Scharfe Worte sielen gegen jene jüdischen Mütter, die ihre Töchter nur zur Heirat erziehen. Daß in Galizien viele Jüdinnen der Prostitution verfallen, liege besonders in dem Umstand, daß die Mädchen dort nur als Geschlechtswesen geschätzt werden. Das „Rifkele Schipkowitsch" sei typisch. Von den jüdischen Frauen sei zu fordern: Einkehr und Ehrlichkeit gegen sich selbst und Bewußtsein ihrer sozialen Pflichten. Das durchzusühren, sei das Ziel des jüdischen Frauenbundes. (Lebhafter Beifall.) Es wurde beschlossen, den Vortrag im Druck erscheinen zu lassen. Fräulein Deutsch erklärte in der Diskussion, sie stehe als Lehrerin aus dem Standpunkt, daß vor allem der gesunde Menschenverstand zur Geltung komme. Das Höchste sei der Wille. Die Schule müsse den Mut haben, die Kinder auf gewisse natürliche Dinge aufmerksam zu machen. Fräulein B a n e t h - Berlin bestritt, daß die Frauen bei den Juden weniger Rechte haben als die Männer, die hätten nur andere Rechte. Das einzige Parlament, wo die Juden Stimmrecht hätten, sei der zionistische Kongreß. Fräulein Pappenheim erwiderte, die Frau sei im Judentum nur als verheiratete Frau und nur als Mutter von Kindern geschätzt worden. In der Nachmittagssitzung wurde über Stellenvermittlung referiert, zuerst von Frau B. Leiser-Cöln, dann von Frau Bertha Uhlfelder-Franksurt a. M. Referentinnen regen die Gründung eines jüdischen Hausbeamtinnenvereins an. Frau Sidonie Dann-Jrankfurt a. M. berichtete über die Tätigkeit des Vereins für weibliche Fürsorge. In der Diskussion fand Fräulein Berliner-Hannover es richtig, daß sich die Mädchen mehr dem Kaufmannsals dem Dienstmädchenstande zuwendeten; sie könnten als Kontoristinnen mehr sparen, und es käme auch vor, daß nervöse Damen ihre Dienstmädchen 24 Stunden beschäftigten. Allgemeiner Protest dagegen. Frau