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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-18 · Heft 42 (18.10.1907) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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Än Olückwuntch kur dir Lehrsnttatt. Bon Marti» Salomo,nsky. enn der Lehranstalt anläßlich ihres Festes von allen Seiten Glückwünsche dargebracht werden, so wollen auch wir, die gegenwärtigen Hörer, nicht mit unseren Gedanken zurückhalten über die mater alma, bet wir anzugehören das Glück haben. Glaube jedoch niemand, daß wir hier interne Beziehungen ausplaudern wollen, um, wie das oft geschieht, unser eigentliches Verhältnis zu verschweigen. Nein, wir wollen der „breiten Oeffentlichkeit" gern Einblick gewähren, denn wir sind ein wenig eitel und sehens nicht ungern, wenn man sich für uns interessiert. Die Lehranstalt war ja zu lange das Backfischchen unter den theologischen Seminaren, „das Veilchen, das im Verborgenen blüht", wie sie unser Professor Maybaum, allerdings vor längerer Zeit, richtig genannt hat. Doch wie der Jurist ein Recht auf Fachsimpeln hat, so darf auch der Theologe immer Homiletiker sein. Dieser Ausspruch des verehrten Lehrers ist nämlich ein Text für eine zweiteilige Predigt: a) Die Lehranstalt ist ein verborgenes Veilchen. b) Die Lehranstalt blüht. Die nähere Gliederung bitte ich mir hier zu erlassen. — Aber in der Tat ist mit diesem Wort die Entwicklung unseres Instituts glücklich charakterisiert. Die Anstalt war nie eine Treibhauskultur, sondern ein mutiger Versuch, die geistigen Güter des Judentums auf dem natürlichen Boden der Wissenschaft zur Entfaltung zu bringen. — Dieser Versuch ist geglückt! Zwar haperte es anfangs nüt der Ernährung, das Erdreich war steinig und hart, der schwache Körper mußte mit jedem Würzelchen schwer um seine Erhaltung ringen, aber der Keim war gut und blieb gut, und das hat den endlichen Erfolg gewährleistet. Es fehlte der Lehranstalt schon vor ihrer Gründung nicht an scharfen Beurteilern, und lange Zeit hat sie mehr Kritiker gehabt als „Gönner". Viele haben ihr ein Ende mit Schrecken prophezeit und sie einen Verrat am Judentum genannt- Manche ihrer Gegner haben sich inzwischen gründlich bekehrt und die andern sind des Streites müde geworden. Als Extrakt aus diesen Fehden ist die noch heute vielfach verbreitete Meinung anzusehen, daß die „Hochschule" der Tummelplatz eines extremen Radikalismus sei. Mit der geflissentlichen Propagierung solcher halbverdauten Vorstellungen tut man uns Unrecht. Ich erwähne das hier, nicht weil ich radikale Gesinnung für eine Verdächtigung halte, sondern um nachzuweisen, daß der Geist der Objektivität, der ja immer die Grundlage eines vernünftigen Liberalismus ist, jede eingeschworene Richtung aus der Lehranstalt verbannte. Darum hat man allezeit in ihren Hallen nur jenen gesunden Fortschritt gefunden, der das Schablonenmäßige und Schematische bekämpft. Nicht „schwarz" oder „weiß" war das Feldgeschrei, „wahr und wissenschaftlich" hieß die Parole. Ueber das Originelle in der Lehrverfassung, die Betonung der Wissenschaft, hat man am meisten gelacht und gefällt sich noch heute darin mit der Motivierung, eine so kleine Anstalt könne ja nur ein Zerrbild der Universität sein, und dann weist man darauf hin, daß die Lehranstalt ja schließlich „nur ein Rabbinerfeminar" geblieben sei. Dieses „Nur" ist köstlich. Nichts kann nämlich die Hochschule mehr ehren als das Zugeständnis, daß sie viele Rabbiner ausgebildet hat; wenn aber darin zugleich liegen soll, daß wenige „Wissenschaftler" aus ihr hervorgegangen sind, so ist zu erwidern, daß jeder Hörer die Vorzüge bet akademischen Organisation erfahren hat und sich auch zu eigen machen konnte. Die Freiheit der Lehre, die Unabhängigkeit der Lehrer, bei deren Wahl nicht der religiöse Standpunkt, sondern die wissenschaftliche Qualifikation allein ausschlaggebend ist, die würdige Stellung der Schüler, die die Duckmäuserei des Nachbetens verlernten und zur Freiheit im Denken gelangten, haben alle Faktoren der Lehranstalt in wissenschaftlichem Geiste erzogen. So ist es gekommen, daß wer auch immer anderwärts zum „Opfer des Intellekts" gezwungen werden sollte, sich an unsere Reihen schloß; das ^Prinzip der Freiheit hat die Lehranstalt groß gemacht. Und ist es nötig, daran zu erinnern, daß eine ganze Schar gediegener Männer der Wissenschaft aus unserer Mitte hervorgegangen ist, Männer, die würdig und berufen sind, den Stamm unserer Lehrer zu ergänzen und zu erweitern. Ebenso bekannt ist es ja, daß nicht wenige Akademiker, die niemals an jüdische Theologie dachten, sich oft semesterlang wissenschaftlichen Studien an unserer Anstalt widmeten. Ist es nicht wertvoll, wenn diese Männer, die heute im Gemeindeleben der Juden Deutschlands an hervorragender Stelle stehen, stolz darauf sind, der Hochschule angehört zu haben und dankbar bekennen, daß Liebe und Treue zum Judentum durch die Beschäftigung mit seiner Wissenschaft genährt wurden? Wir mögen darum unsere Anstalt noch nicht als einen Ausbund der Vollkommenheit einschätzen. Aber sagen kann man: Sie ist die erste und einzige, die mit dem System der Wisienschaft hinter verschlosienen Türen gebrochen hat. Daruin nimmt sie auch keinen Anstand, Nichtjuden ihre Pforten zu öffnen und, wie das erst jetzt wieder geschehen ist, Gelegenheit zu talmudischen Studien zu geben. Das alles würdigen wir Hörer heute voller Dankbarkeit gegen die, welche einst die Anstalt geschaffen und geleitet haben, und in tiefer Verehrung und Liebe für die Männer, welche uns jetzt Lehrer und Berater sind. Wir sind die Empfangenden, aber wir wollen uns nicht mit dem Nehmen begnügen, wir wollen nicht die Dozenten für die zum Lehramt Verpflichteten und die Kuratoren für den lebendigen Geldschrank ansehen, sondern uns bewußt sein, daß sie unsere wahren Väter sind, denen Dank gebührt, nicht durch ruhmredigen Vorsatz, sondern durch die Tat. Wir wollen gute Juden sein, wir wollen unsere Wissenschaft fördern und ihrer Stätte neue Freunde gewinnen! Liebe, gute Lehranstalt, mein Glückwunsch ist ein Konglomerat geworden. Aber ich weiß, du nimmst das in der Feftesstimmung nicht übel. Wenn man gefeiert wird, sieht man ja alles rosig an, und es ist das schönste Gefühl, wenn man in Wolken wandelt. Eins muß ich dir noch gestehen: Unsere Freude über das neue Haus ist sehr groß, und die lange Bauzeit hat sie nicht gemindert. Als noch die Maurer darin steckten, kletterten wir schon über Balkens und Bretter, als die Tischler und Maler kamen, studierten wir täglich ihre Arbeiten. Nichts ist uns entgangen! Vom Löwenkopf über dem Eingang bis zur Fahnenstange, die Wunder der Marmorhalle, des Fahrstuhls und, mit heiligem Erbeben sei's gesagt, der Bibliothek. Eine richtige Aula haben wir bekommen, große und kleine Hörsäle, und vieles, was ich gar nicht alles erzählen darf. Und darum schließe ich mit dem akademischen Glückwunsch: Vivat, ereseat, lloreat!

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