Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wieviel schwere Sorgen mußten da nicht um ihre Erhaltung durchgemacht werden, wieviel Not und Bedrängnis stellten nicht die Fortführung des Instituts irr Fraget Die Annalen der Hochschule und der späteren Lehranstalt wissen von mancher schweren Stunde zu erzählen, in der die Existenz dieser Pflanzstätte der Wissenschaft ernstlich bedroht war, in der es schien, als müßte unrühmlich enden, was unter den günstigsten Vorzeichen geschaffen und begonnen war. Die Männer, denen die Geschicke der Hochschule anvertraut waren, verdienen die höchste Bewunderung für die Aufopferung und Selbstlosigkeit, die sie in den Dienst der guten Sache stellten, die sie befähigte, alle Hindernisse zu überwinden, aller Schwierigkeiten Herr zu werden und ihre Schöpfung lebenskräftig zu gestalten. Und wahrlich, wer die Fortschritte der Anstalt "in den letzten Jahren beobachtet, wird gewahr, daß sie sich durchgesetzt hat, daß ihre Grundlage und ihr Bestand für alle Zeiten gesichert ist. Jeder Freund der Wissenschaft des Judentums, so schrieben wir eben. Sollte es auch solche geben, denen es ernst ist um die Erhaltung des Judentums und die nicht Freunde seiner Wissenschaft wären? Oft genug könnte es den Anschein gewinnen. Die Erfahrung lehrt uns so manchen kennen, der mit ganzem Herzen dem Glauben der Väter anhängt, der dennoch keinen Anteil nimmt an dem Gedeihen unserer Wissenschaft, ihr seine Förderung und seinen Beistand nicht gewährt. Und doch ist die Wissenschaft des Judentums eine Quelle der ewigen Erneuerung seiner Lehre, ein Mittel zur Läuterung seiner Glaubensanschauungen, ein Werkzeug zur Vereinigung der sich bekämpfenden religiösen Richtungen. Die Wissenschaft des Judentums vertieft die Grundlagen unserer Lehre und unseres Glaubens, sie hütet sie vor dem Verfall; der Fortbestand des Judentums ist an die Erforschung seines Schrifttums geknüpft, es müßte an der Zukunft des Judentums verzweifelt werden, wenn die Pflege seines Geisteslebens aufhörte. Die Wissenschaft hat sich auch als ein Schirm unseres Rechts bewährt; Leopold Zunz, der ruhmvolle Begründer der Wissenschaft des Judentums, nimmt gleichzeitig eine hervorragende Stelle ein unter den Vorkämpfern für unser Recht und für unsere Befreiung. Und wie in der Vergangenheit, ist auch in der Gegenwart unsere Gemeinschaft auf die Mithilfe unserer Wissenschaft angewiesen. So oft die innere Not groß, so oft die äußere Bedrängnis hart ist, ertönt der Ruf nach einer rettenden Tat von seiten der Wissenschaft des Judentums! Die Wissenschaft hat ihre Leistungen niemals verweigert, mit Selbstverleugnung haben sich unsere Gelehrten in den Dienst der Gesamtheit gestellt. Nach Dank haben sie nicht verlangt — aber was traurig ist, sie haben ihn in den seltensten Fällen gefunden. Es ist wenig erfreulich, die Stellung des modernen Judentums zur geistigen Bewegung in unserer Mitte zu betrachten. Von all den großen Opfern, die für jüdische Zwecke in unseren Tagen gebracht wurden, sind nur wenige und spärliche Brosamen auf den Tisch der Wissenschaft gefallen. Erst in neuerer Zeit beginnt ein tieferes Verständnis, eine größere Opferwilligkeit für die Förderung unseres Geisteslebens, für die Erforschung unseres Schrifttums sich gellend zu machen. „Unter den vielen Bestrebungen zur Erhaltung und Stärkung des Judentums sollten vor allem jene gefördert werden, welche dafür Sorge tragen, daß die Quellen nicht versiegen, aus denen sich in der ganzen bisherigen Geschichte stets von neuem das jüdische Leben und Denken gekrästigt, gerüstet, beseelt hat." Die Lehranstalt hat die Ungunst der Verhältnisse in ihrer Geschichte genugsam erfahren. Obwohl jahrzehntelang die Gründung eines ähnlichen Instituts dringend gefordert war, fand sie doch nicht die Förderung, die es ihr ermöglicht hätte, ihr Programm vollinhaltlich zu erfüllen. Als ein unabhängiges Institut wurde sie ins Leben gerufen; ihre Erhaltung sollte ausschließlich von einem zu diesem Zwecke gegründeten Verein bewerkstelligt werden. Ihre Aufgabe war es, eine Pflanzstätte der Wissenschaft zu werden, die, unbeeinflußt von dem Streite der religiösen Parteien, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse des praktischen Lebens in der reinen Forschung ihr Ziel verfolgte. Dieser Ausgabe konnte sie aber nur dank der Lehrkräfte genügen, die sie im Verlause ihrer Entwicklung gehabt hat. Männer wie Geiger und Steinthal, wie Cassel und Lewy, wie Frankl, Müller und Schreiner hätten jeder Universität zur Zierde gereicht. Und auch die gegenwärtigen Dozenten erfreuen sich hohen Ansehens in der Gelehrtenwelt. Sie sind mit heiligem Eifer bemüht, die großen Ideale, die die Lehranstalt seit je auf ihre Fahne geschrieben, in die Herzen der Hörer einzupstanzen und nehmen an der Entwicklung und Förderung der Wissenschaft des Judentums freudigen Anteil. Wer sich über den Geist, der in der Lehranstalt herrscht, genauer unterrichten will, der lese die eben erschienene Festschrift von dem Dozenten Dr. I. El bogen zur Feier der Einweihung des neuen Hauses, das die Lehranstalt in dieser Woche beziehen wird. In dieser ausgezeichneten Arbeit, die von echt historischem Geiste durchweht ist und überall den Geschichtsschreiber von Beruf und Sachkenntnis durchblicken läßt, lernen wir die ganze Entwicklung kennen, die die Lehranstalt durchgemacht hat, von den ersten Anfängen bis auf diesen Tag. Wir lernen aber auch die Mühen und Sorgen kennen, die die vortrefflichen Männer erfüllten, welche seit jener Zeit mit unermüdlichem Eifer und nie ermüdender Hingabe an der Spitze des Kuratoriums standen und die Teilnahme weiterer Kreise für die Anstalt zu erwecken suchten. Die Teilnahme, die diese Bestrebungen fanden, war eine äußerst geringe, und die Lehranstalt war gezwungen, ihr Programm nach mehr als einer Seite einzuschränken. Es hat langer Kämpfe bedurft, ernste Krisen mußten ausgehalten werden, bis die Existenz der Anstalt gesichert war, bis die Zahl ihrer Freunde so gewachsen war, daß an ihrem Fortbestand nicht mehr gezweifelt zu werden brauchte. Es hat lange gedauert, bis ihr Vermögen diejenige Höhe erreicht hat, die für eine ungestörte Fortführung des Instituts Gewähr leistet. Die Anstalt zieht jetzt in ihr eigenes Heim ein; auf ihrem eigenen Boden steht sie fest begründet. Aber noch immer kann sie nicht sagen, daß sie am Ziele ihres Strebens bereits angelangt ist, daß alle die Wünsche erfüllt find, die den trefflichen Gründern vorschwebten. Noch immer ist die Zahl der Lehrstühle an der Anstalt ans das notwendigste beschränkt, noch immer muß der Unterricht nach Maßgabe der vorhandenen Mittel eingerichtet werden. Im Interesse der Anstalt und im Interesse unserer Wissenschaft wäre es zu wünschen, daß die Reihe ihrer Freunde und Förderer sich weiter vermehre, daß ihr Bestand unabhängig wird von der schwankenden Grundlage der Jahresbeiträge, daß sie durch die Erträgnisse des eigenen Vermögens sich erhalten, ihren Aufgaben in vollem Umfange gerecht werden kann! Das sei der Wunsch, den wir der Anstalt in ihr neues Heim mitgeben, daß sie erstarke und an Kraft gewinne zu Ehren des Judentums und seiner Wissenschaft, der sie bis jetzt in treuer Hingabe gedient und der sie auch ferner eine Heimstätte und ein Mittelpunkt aller Forschung bleiben möge!