Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 wonach die Orgel als solche nicht nur gestattet, sondern 'Religions- Pflicht zur Erhebung des Gottesdienstes sei. Der Gemeindevorstand habe eine Verpflichtung den Gemeindemitgliedern gegenüber,welche durch die Wahl liberaler Gemeindevertreter ihrer Unzufriedenheit über die Entscheidung dieser Frage bei der letzten Repräsentantenwahl Ausdruck gegeben hätten. Er folgert aus dem Umstande, daß Plätze in der Heidereutergasse-Synagoge frei geblieben, das Bedürfnis sür dieOrgelgegner gedeckt sei. Rechtsanwalt Dr. Cohn bezeichnet die letztere Folgerung als irrig, und erblickt die Ursache des Freibleibens nur in dem allgemeinen Zug der Einwohner nach der Peripherie der Stadt. Er hält die Ablehnung nur für eine reine Verwaltungsmaßregel, weiß dem Vorstand Dank, daß er ohne zwingende Gründe eine Aenderung des bisherigen Zustandes nicht eintreten lassen will und erachtet im übrigen die Errichtung einer Orgel nicht als eine prinzipielle Frage, und nicht als eine Frage, die die jüdische Gemeinde als Wahlparole ausgeben dürfe. Jnstizrat Lilienthal berust sich im wesentlichen auf die oben gegebenen Argumente des Bescheides des Gemeindevorstandes, weist mit Entschiedenheit die Angriffe des Herrn Justizrat Silnon zurück. Ein Plebiszit sei für eine Korporation nach Gesetz und Statut durchaus unzulässig, die Volksstimme dringe durch die Gemeindevertretung zu den Ohren des Vorstandes. Die Errichtung der Orgel sei eine reine Opportunitätsfrage. Es sei nicht dasselbe, eine Synagoge mit einer Orgel zu eröffnen, oder in einer bestehenden, deren Gottesdienst sich bewährt habe, eine Orgel zu errichten. Herr Benas Levh weist den den Liberalen gemachten Vorwurf, die Orgelfrage als Wahlparole zu benutzen zurück, und erklärt die Aufrollung dieser Frage als eine Verpstichtung. die sie den liberalen Wählern gegenüber zu erfüllen hätten, nachdem der Vor' stand die Vorschläge der gemischten Deputation während dreier Jahre unberücksichtigt gelassen habe. Er vermag sich keine Erklärung zu geben über die Wandlung der Vertreter des Gemeindevorstandes, die noch vor vier Jahren ausnahmslos für die Errichtung der Orgel eingetreten seien. Erbringt die Gutachten der Rabbiner in Erinnerung, wonach sowohl von orthodoxer wie von liberaler Seite die Errichtung einer Orgel als dringend wünschenswert bezeichnet wurde. Der „Liberale Verein sür die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" habe bei seiner Umfrage der Anwohner im Norden und Nordosten im Jahre 1903 festgestellt, daß von 741 eingegangenen Antworten 705 sür und 36 gegen die Orgel gewesen seien. Auf Grund einer im Jahre 1905 veranstalteten erneuten Umfrage befanden sich unter 1111 Antworten 816 bejahende, 268 verneinende, also 75 Prozent für und 25 Prozent gegen. Von Inhabern fester Plätze 225 für, 75 gegen, von zeitweiligen Besuchern 386 für, 158 gegen, von Nichtbesuchern 182 für, 35 gegen. Demgegenüber sei die zahlenmäßige Feststellung des Gemeindevorstandes unerklärlich. Keineswegs herrsche bei den Besuchern der Nykestraße-Synagoge eine solche Zufriedenheit, wie sie der Vorstand annehme, dies gehe schon daraus hervor, daß so gut wie gar keine Trauungen dort stattfinden. Damit schloß die Debatte. Bei der namentlichen Abstimmung wurde die eingangs erwähnte Resolution mit 11 gegen 7 Stimmen angenommen. Durch die Annahme der Resolution ist die Orgelfrage von neuem wieder aufgerollt. Irr dringlicher Vorlage wurde alsdann noch dem Religionsverein zu Rixdorf zur Beihilfe für den Ban einer Synagoge 5000 Mk. und dem Religionsverein in Moabit 1200 Mark bewilligt. 8. Berlin, 7. Oktober. Der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" versendet in diesen Tagen mit den „Parallelen" zwischen Christentum und Judentum an alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde sein diesmal besonders reichhaltiges Programm sür das Winterhalbjähr 1907.1908. Es finden die folgenden Vorträge im Oberlichtsaale der Philharmonie, Bernburgerstraße 22/23 statt. Donnerstag, 10. Oktober 1907: Privatdozent Dr. Julius Goldstein-Darmstadt: „Darwinismus und Judentum." Donnerstag, 24. Oktober 1907: Rabbiner Dr. Porg es-Leipzig: „Das wirtschaftliche Leben der Inden im Mittelalter." Dienstag, 5. November 1907: Geheimer Justizrat Professor Dr. Josef Köhler: „Das Recht im Talmud." Dienstag, 26. November 1907: Rabbiner Dr. Felix Perl es-Königsberg: „Judentum und Griechentum." Donnerstag, 16. Januar 1908: Hosrat Professor Dr. Oscar Lenz-Prag: „Die Jllden in Marokko." Donnerstag, 30. Januar 1908: Rabbiner Dr. S. Weisse: Thema Vorbehalten. Donnerstag, 5. März 1908: Landrabbiner Dr. M. Doctor-Kassel: „Die Juden in Amsterdam zur Zeit Rembrandts." Donnerstag, 19. März 1908: Dozent Dr. I. El bogen: „Das Pariser Synhedrium von 1807." Die populär - wissenschaftlichen Unterhaltungsabende finden ebenfalls im Oberlichtsaale der Philharmonie statt und zwar: Dienstag, 3. Dezember 1907: Oberkantor Eduard Birnbaum- Königsberg: „Wie und was unsere Altvordern sangen." (Mit Musikbegleitung). Dienstag. 11. Februar 1908: Dichter-Abend. Donnerstag, 2. April 1908: Frau Irene Triesch: „Rezitation aus der Bibel. Ferner veranstaltet der Verein auch in diesem Jahre Vorträge in Charlottenburg, im Festsaale des Logenhauses, Joachimsthalerstraße 13 und zwar: Donnerstag, 12. Dezember 1907: Rabbiner Dr. S. Hochfeld: „Gedanken über Pädagogik." Dienstag, 9. Januar 1908: Dr. Ernst Cohn: „Darstellungen von Juden und Judentum in der bildenden Kunst." (Mit Lichtbildern). Dienstag, 10. März 1908: Dr. Leopold Hirschberg: „Die Bibel in der Musik." (Mit Musikbegleitung)- Auch in Schöneberg. Rixdorf, Friedrichsberg und anderen Vororten sollen Propaganda-Vorträge abgehalten werden. Die Fortbildungskurse beginnen am Montag den 4. November 1907, in der jüdischen Lesehalle, Oranienburgerstraße 28, und zwar werden unterrichten an jedem Montag Abend: 8^ bis 9'/% Uhr: Prediger Dr. Bleichro de, Franzstraße 7: „Geschichte der Juden von der Vertreibung aus Spanien bis aus Moses Mendelssohn." Jeden Mittwoch Abend: Dozent Dr. Wohlgemuth, Krausnickstraße 3a: 8 bis 9 Uhr Kursus für Fortgeschrittene, Lektüre der Psalmen, Hebräische Sprache. 9 bis 10 Uhr Kursus für Anfänger: Einführung in die hebräische Sprache. -^v. Berlin, 6. Oktober. Der Handwerkerverein ehemaliger Zöglinge des II. Waisenhauses der jüdischen Gemeinde in Pankow, der aus ehemaligen Zöglingen und Erziehern des Hauses besteht, und der es sich zur Hauptaufgabe gemacht hat, das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den ehemaligen Zöglingen zu fördern, gegenseitige Belehrung und gesellige Unterhaltung zu pflegen und insbesondere sich in Notsällen zu unterstützen, hielt am 1. d. M. eine außerordentliche Generalversammlung ab. Der Anlaß dazu gab die bevorstehende Jubiläumsfeier des II. Waisenhauses der jüdischen Gemeinde, das von dem verstorbenen Justizrat Hermann Makower im Jahre 1882 als Erziehungshans Pankow begründet wurde und das somit in diesem Jahre, am 20. Oktober, die 25. Wiederkehr des Gründungstages begeht. Um der Dankbarkeit der ehemaligen Zöglinge gegen das Haus und den Direktor Ausdruck zu geben, hat der Verein beschlossen, eine „Direktor Grunwald - Stiftung" ins Leben zu rufen, deren Zinsen dazu dienen sollen, ehemaligen Zöglingen bei ihrem späteren Fortkommen, insbesondere zu ihrer Ausbildung und Selbständigmachung behilflich zu sein. s. Berlin, 6. Oktober. Heute ist hier nach langem Leiden der rühmlichst bekannte Sanitätsrat Dr. Livius Fürst gestorben. Er war der älteste Sohn des Professor Julius Fürst in Leipzig und hat als Fachschriftsteller wie als Dichter Bedeutendes geleistet. Seine Studien über die jüdischen Aerzte in Italien, seine Nachdichtungen des jüdischen Minnesängers Süßkind von Trimberg und des italienischen Poeten Immanuel ben Salomo sind ganz ausgezeichnet. Fürst war zuerst praktischer Arzt und Privatdozent an der Universität in Leipzig, dann lebte er hier in Berlin. Ehre seinem Andenken! a. Frankfurt a. O., 2. Oktober. Gestern beging hier Kommerzienrat Paul Men de die Feier seines 50jährigen Jubiläums als Mitinhaber des Bankhauses L. Mende, dessen Seniorchef er jetzt ist. Mit ungewöhnlichem Wissen und außerordentlicher Arbeitskraft ausgerüstet, ist er es nicht zum wenigsten gewesen, der die alte Firma zu immer größerem Ansehen geführt hat. Sein bewährter Rat und seine treue Arbeit haben ihm Anerkennung und Hochachtung nicht nur bei seinen Mitbürgern, sondern auch weit über die Mauern unserer Stadt hinaus erworben. Auch in der eifrigen Fürsorge um das Wohl seiner Vaterstadt und ihre gedeihliche Entwicklung hat sich Kommerzienrat Mende große Verdienste erworben. Schon im Jahre 1863 in die Stadtverordnetenversammlung berufen, hat er in den verschiedensten Kommissionen und Deputationen eine umfangreiche und ersprießliche Tätigkeit entfaltet und seine ganze