Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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große Pfützen standen in der engen Straße, Nebel zog wie Rauch aufwärts, die Sonne war gleich einem fadenscheinigen, gelben Fleck an dem grauen, trostlosen Himmel zu sehen, und in dein kleinen Gewölbe herrschte verdrießliche Finsternis. Nur ein dünner, fahler Lichtstreifen fiel herein und beleuchtete kläglich den Staub, der fingerdick auf den Ballen, Zuckerhüten und den großen Flaschen lag, den Schmutz, die Lorbeerblätter, Dattelkerne und Orangenschalen, die den Boden bedeckten, die Spinnweben, die von der rußigen Decke, der großen an derselben befestigten Wage, dem Heringsfaß und dem Fischbein in der Ecke herabhingen, und der ganze Raum war erfüllt mit einem unbeschreiblichen Duft von Gewürz, Südfrüchten, gebranntem Kaffee, Tee und Spiritus, Meersalz, Leinwand und Sirup, den jedoch stets ein scharfer Knoblauchgeruch durchdrang. Und an so einem Tage, in dieser Umgebung, in dieser Atmosphäre saß Barom Hirschbein, die Feder in der Hand, sprachlos vor seiner Rechnung und schwärmte; er hörte weder die ärgerliche Frage seines Herrn, noch die Fußspitze der Edelfrau, die ungeduldig auf den Boden klopfte. Wenn es wahr ist, daß der Jude eine Werktagsseele hat, die jedesmal beim Glanze der Sabbatlampe entschwindet, so ist es sicher, daß diese geschäftliche Seele Barom in diesem Augenblick verlassen hatte, ohne der Feiertagsseele Platz zu machen; er war ganz und gar entgeistert. Während er Zitronen, Tee, Rum, Kaffee, Zucker, Reis und Pfeffer summiert und einen Augenblick emporgeschaut hatte, war an dem Fenster des ersten Stockwerkes gegenüber, hinter Tulpen und Hyazinthen, zuerst eine mit Pelz besetzte Kazabaika und dann zwischen den weißen Vorhängen ein Frauenkopf mit seidenen Scheiteln und Stirnbinde erschienen, und Baroin war in namenloser Verzückung sprachlos geblieben. Er schrieb die Rechnung nicht und hörte die ärgerliche Frage des Kaufmanns nicht, und erwachte erst aus dem Traume, als ihn der letztere hastig bei der Schulter faßte und schüttelte. „Ja, ich bin schon fertig", stammelte er endlich, schrieb die Summe hin, streute den Sand darüber und reichte die gefaltete Rechnung mit einer liebenswürdigen Verneigung der Edelfrau, welche mit einem stolzen Nicken hinausrauschte. „Sie lassen mir die Leut' warten," begann jetzt Godel Mund erbost, „weil Sie suchen die Sterne am Himmel beim hellen Tag; es ist schön, wenn man ist gebildet, aber deshalb sollen Sie mir nicht vertreiben meine Kunden." „Was glauben Sie, Herr Mund", erwiderte Barom gekränkt; sein hübsches, junges Gesicht glühte vor Eifer und seine dunkeln Schmachtlöckchen zu beiden Seiten der Stirne schaukelten heftig hin und her: „Ich wünsche sehr, der Menge zu behagen. Besonders weil sie lebt und leben läßt." Godel Mund war entwaffnet, er lächelte sogar. „Was für ein Kopf", sprach er zu einem neuen Simson oder Goliath gewendet, der eben ein großes Faß hereinwälzte. „Hast Du gehört, Abrahamek?" Barom Hirschbeins große dunkle Augen begannen zu glänzen und dieser Glanz verbreitete sich allmählich über sein Gesicht und seinen schwarzen Merinokaftan und den ganzen staubigen, schmierigen, seltsam duftenden Raum. Während er die Laden des großen Kastens kräftig schloß und jene Zitronen, welche die Edelfrau verschmäht hatte, rasch in Papier wickelte, trat eine hübsche Judenfrau in reichem Pelz, mit schwarzer Perücke und blitzender Stirnbinde, herein und näherte sich ihm mit einem freundlichen Blick. „Sie sind doch immer sieißig," begann sie. „Ich glaube nicht, daß Sie zwei Minuten sitzen im Tag, Herr von Hirschbein." „Abend ward's und wurde Morgen, „Nimmer, nimmer stand ich still" — lautete Baroms poetische Antwort. „Aber was befehlen Sie, meine Gnädige, womit kann ich dienen?" „Ich fürchte, daß ich Sie jetzt störe," fuhr die hübsche Frau fort, „ich kann ja warten." Sie ließ ihre schönell Gazellenangen offenbar nicht ungern auf dem Jüngling haften. „O, ich bitte, ich bin immer beschäftigt," gab Barom zur Antwort, indem er einige Pfefferkörner, die auf der Wage zurückgeblieben waren, in die Lade znrückwarf. „Und so fliehen meine Tage Wie die Quelle rastlos hin. Aber für Sie bin ich immer der ergebenste Sklave." „Ach, Sie haben immer so schöne Ausdrücke," sprach die hübsche Frau schmachtend. „Befehlen Sie also." „Ich möchte einen grünen Samt." Barom nahm eilig drei kleine Ballen ans einem Fach, warf sie auf den Tisch, wickelte den einen auf, hob den Samt mit zwei Fingern empor, so daß er einen umgekehrten, offenen Fächer bildete, und ließ die geschickt gelegten Falten in dem fahlen Lichte smaragdgrün schimmern. Die hübsche Frau prüfte, seufzte, prüfte wieder. „Was kostet da die Elle?" „Sechs Gulden, meine Gnädige," versetzte Barom, „es ist feine Qualität, Seidensamt, echt, ganz rein." „Ich finde ihn etwas teuer," murinelte die Frau, „wie ist der Preis von diesem?" „Dieser hier kostet nur dreieinhalb, er ist auch hübsch," sagte Barom, „aber natürlich nicht rein, viel Wolle, nicht dauerhaft." „Aber sechs Gulden ist viel Geld." „Der Samt ist rein geschenkt für sechs Gulden." „Fünf Gulden werde ich geben." „Aber meine Gnädige —" „So nehme ich diesen zu 3'/V' fuhr die hübsche Frau fort, „er hat auch einen schönen Glanz." „Wie Sie befehlen," sprach Barom gekränkt, „aber Schiller sagt: Was glänzt, ist für den Augenblick geboren. Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren." Die Käuferin zögerte wieder. „Soll ich abschneideu von diesem?" fragte er scheinbar gleichgültig, „und wieviel Ellen befehlen Sie?" „Gott über die Welt," rief sie, „haben Sie eine Eile! Also ich will für den echten Samt fünf Gulden und zwanzig geben." „So will ich das Aeußerste tun, und Ihnen, weil Sie es sind, herabmessen für fünf Gulden und achtzig." Eben trat eine Schar Bauern und Bäuerinnen in langen Schafspelzen herein. „Ich nehme fünf Ellen, wenn Sie zu fünf Gulden dreißig geben, lieber Herr Hirschbein." „Ich kann nicht, ich müßte meinen Herrn bestehlen." „Also 57:2 Gulden, aber keinen Kreuzer mehr." „Ich soll es nicht tun," seufzte Barom, „aber wer kann einer schönen Frau widerstehen. Also fünf Ellen zu fünf Gulden fünfzig Kreuzer." Die hübsche Frau lächelte geschmeichelt. „Also schneiden Sie ab."