Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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kärglichem Unterkommen würden gewiß die meisten gern wochenlang hier verweilen, denn Cochin ist an landschaftlichen Schönheiten geradezu eine tropische Schweiz. Von den bis auf zweieinhalbtausend Meter emporsteigenden Bergen der West- Ghats, mit einem undurchdringlichen Urwaldmantel bekleidet, stürzen wasserreiche Flüsse durch romantische Schluchten herab, auf ihrem kurzen Laufe zum Meer rauschende Wasserfälle bildend; ihre Täler verbreitern sich gegen die Küsten zu und entfalten die kleinen, von Kokos- und Arekapalmen beschatteten Hütten der fleißigen Bewohner, die sich vornehmlich mit Reisbau beschäftigen. Die flachen Küsten, von den tief eingeschnittenen, dem Flutspiel des Meeres unterworfenen Flußmündungen vielfach zerrissen, bilde» einen einzigen Palmenwald, von einer Ueppigkeit, wie sonst kaum irgendwo in den Tropen. Den ganzen Küsten des Landes ist eine schmale, weit über hundert Kilometer lange Landzunge vorgelagert, die sich an den Hängen Travancores nach Norden hinzieht, und an ihrem Endpunkte, dort, wo sich die Küstengewässer durch eine schmale Straße mit dem weiten blauen, hier ewig unruhigen Meere vermengen, liegt die alte Stadt Cochin. Ihr gegenüber auf dem Festlande breitet sich die neue Hauptstadt Ernakolam aus, und zwischen beiden, auf einer kleinen Insel des Aestuarinms, erhebt sich die Residenz des englischen Gesandten, der gleichzeitig auch am Hofe des Maharadscha von Travancore das britische Weltreich vertritt, d. h. die Fürsten nach seiner Pfeife tanzen läßt. Bon Ernakolam ließ ich mich durch nackte Malabarleute nach Cochin herüberrudern, oder vielmehr nach der südlichen Vorstadt derselben, nach Matautscheri. Vor den sandigen, von schlanken Palmen beschatteten Ufern schaukelten sich eigenartige Segelschiffe, von einer Bauart, wie wir sie auf alten Bildern kennen, mit hohem Bug und Stern und kurzen, dicken Masten, Fahrzeuge, auf denen die kühnen Seeleute von Malabar die Produkte von Cochin: Reis, Pfeffer, Gewürze und Holz, über den Indischen Ozean bis nach Aden oder in den persischen Golf bringen. Die Hauptstraße von Matautscheri ist ein einziger Basar mit niedrigen Holzhäusern, vor denen die Waren aufgestapelt sind. Zwischendurch drängen sich die schwarzen Hindus mit nackten Oberkörpern, um die Lenden ein bis an die Knie reichendes weißes Tuch geschlungen, Brahminen, an den weißen oder farbigen Streifen erkennbar, mit denen sie Brust und Stirne beschmieren, Nairs, aber auch Christen und Juden. friedliches, sittsames Völkchen, das mit seinen andersgläubigen Mitmenschen und mit den Behörden in Eintracht lebt. Am Ende der stets belebten, farbenreichen Basarstraße von Matautscheri liegt das alte Cochin. Eine solche Stadt hätte ich in den sonnigen Tropen von Indien gewiß nicht erwartet. Hohe Häuser zu beiden Seiten enger, finsterer Gäßchen, halb portugiesisch, halb holländisch, ähnlich wie das Ghetto von Oporto oder das Geschäftsviertel von Pernambuco, oder ein Stück des ältesten Amsterdam mit demselben Schmutz, derselben Feuchtigkeit und Dämmerung. Ringsum strahlte die Tropensonne, leuchteten der ewig tiefblaue Himmel, das blaue unendliche Meer, ringsum die satte Färbung des gelben Strandes, der herrlich grünen Palmen und Bananen, in der Stadt aber nur dämmeriges Grau. Als die Portugiesen im Jahre 1500 hierher kamen und Vasco de Gama zwei Jahre später eine Faktorei gründete, da kannten sie eben noch nicht die Kunst, ihre Wohnungen dem Klima entsprechend zu bauen, und errichteten einfach Häuser in demselben Baustil und von der gleichen Einrichtung wie in Oporto und Lissabon. 1503 legte der portugiesische Admiral Albnquergue das erste europäische Fort in Indien hier an, und rings herum entstand eine portugiesische Stadt. 1663 wurde sie von den Holländern eingenommen, die wieder ihren Amsterdamer Baustil hier einsührten, uiit> so zeigt das alte Cochin dieses eigenartige alt-europäische Aussehen, in das ein paar Hindubanten, ein heiliger, dem Europäer unzugänglicher Brahmatempel und das halb verfallene Schloß des Königs von Cochin seltsame Kontraste bringen. Dieses Schloß wurde noch von dem jetzt regierenden Radscha bewohnt, bevor er seine Residenz nach dem modernen Ernakolam jenseits der Lagune verlegte; aber hier in den Tropen greift die Natur die Werke der Menschenhand immer in schrecklich zerstörender Weise an. Die alten Europäerhänser dieses Stadtteils werden von einem Volksstamm bewohnt, wie man. ihn irgendwo in der zivilisierten Welt, nur nicht in den Tropen von Süd-Indien erwarten würde: von weißen und schwarzen Juden von Cochin. Cochin ist in bezug auf die Anhänger der beiden letztgenannten Religionen die interessanteste Stadt von Indien, ja eine der interessantesten von ganz Asien. Als die Portugiesen unter Vasco de Gama im Jahr 1498 nach diesen Küsten kamen, fanden sie in Cochin bereits indische Christen vor, die, rings umgeben von Hindus, ihren Glauben durch anderthalb Jahrtausende erhalten hatten. Sie schreiben ihre Bekehrung dem hl. Thomas zu, der bekanntlich auch in Indien starb und in Madras beerdigt wurde. Um das Jahr 350 wurde die kleine Christengemeinde durch Einroanderer aus Syrien verstärkt und sechs Jahrhunderte später siedelten sich hier auch Christen aus Bagdad, Ninive und Jerusalem an. Noch heute stehen sie unter zwei Bischöfen, von denen einer, Max Dionysius, die Altgläubigen leitet, der andere, Max Athanasius, an der Spitze der reformierten Syrier steht. Im ganzen gibt es an solchen syrischen, streng von einander geschiedenen Christen an hunderttausend, zu denen noch eine erhebliche Anzahl römisch-katholischer Christen kommen. Eine ganze Reihe von Zeremonien und Gebräuchen aus der Zeit, als sie ein unabhängiges, von den Nachbarfürsten anerkanntes Königreich bildeten, hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, und die englische Regierung tut wohl daran, sie gewähren zu lassen, denn sie sind ein Von Fenltrr?u ffenlter. Von Leopold v. Sacher-Masoch. I. arom Hirschbein war sprachlos und das gerade in dem Augenblick, wo er seinem Herrn, dem Kaufmann Godel Mund, Antwort geben sollte. In dem kleinen, niederen, finsteren Gewölbe, in das sich nur im Sommer hier und da ein Sonnenstrahl stahl, der dann wie eine vergoldete Leiste auf dem Boden lag, stand au dem halberblindeten Fenster ein kleiner Tisch, der wie ein Kahn auf dem Waffer hin- und herschaukelte. All diesem saß Barom und schrieb mit den schönsten Schnörkeln eine Rechnung für die Edelfrau, deren Wagen vor der Türe wartete, während sie selbst auf einem Stuhle saß, den Godel Mund eilig vor dem Ladentisch aufgepflanzt hatte. Es war ein Tag zu Beginn des Winters, der so geschäftsmäßig angetan war, wie ein jüdischer Faktor mit seinem verschossenen Talar, ein Tag, an dem die Stunden dahinschleichen, eine wie die andere und nicht eine von ihnen im Sonnengold und Blumenduft geschmückt hereingeflattert kommt, um ins Freie zu locken. Es hatte geregnet;