Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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489 jüdisches Kind": Eine Braut weigert sich, vor ihrer Verheiratung ihrer schönen Haare zu opfern; im Liebesrausch gestattet sie ihrem Gatten, sie dieses Schmuckes zu berauben; „Die Mutter", „Auch eine Mutter": in der ersten eine Verrückte, der ihr Sohn ein kümmerliches Liebeszeichen gewährt; in der zweiten eine arme Frau, die ihren geistig begabten Sohn zu einem fremden Lehrer zieherr läßt und seine ihr unverständlichen Briefe als Heiligtum aufbewahrt und verehrt. Als Krone des Ganzen erscheint mir ein Beitrag „Das Kind". Dem Baruch Kolak ist seine Frau entlaufen und hat ein Kind zurückgelasfen; er wird von seinen erbarmungslosen Genossen gehänselt, empfindet für das hilflose Wesen weniger Mitleid als Haß, will es, da er keine Kraft hat es zu töten, aussetzen, wird aber durch seine jammernden Rufe: „Mama, Papa" bezwungen und entschließt sich, es zu pflegen und aufzuziehen. Faßt man den Eindruck zusammen, den Aschs Buch macht, so läßt sich seine große Kraft, sein starker Realismus nicht leugnen, und doch steht er hinter seinem englischen Genossen weit zurück. Zangwill ist ein Erzähler, der mit großer Virtuosität über alle Mittel der Technik verfügt, Asch nur ein Stimmungsmensch, der Bilder entwirft und nur eine Farbe auf seiner Palette zu haben scheint. Denn bei ihm ist alles düster und grau; ihm wie seinem Genossen ist der Himmel stets umdüstert, so daß das Blaue nicht durchdringt, die Sonne die Wolken nicht zerstreut; während bei ihm alles zur Tragödie wird, wagt sich bei Zangwill, obgleich er Tragödien zu schreiben beabsichtigt, doch das Lächeln gelegentlich hervor. Zangwill ist ein vollendeter Künstler, der selbst wenn er Befremdliches berichtet, stets Verständnis erzeugt, Asch ist unfertig, und gerade dadurch, weil er seinen Stoff nicht immer bewältigt hat, bleibt er oft ebenso ungenießbar wie unverständlich. Und endlich: bei Asch ist alles fremd, die Welt, in der er lebt und die er beschreibt, ist eine, die wir nicht kennen und in der uns, wenn wir in sie träten, der Atem verschlägt; bei Zangwill sind es zwar Menschen, die anders geartet sind als wir, aber Wesen, die wir nicht nur vermöge der Kunst des Dichters, sondern vermöge ihrer Eigenart begreifen, mit denen wir zittern und weinen, deren Schmerz wir verstehen und an deren Lust wir uns freuen. Cochin und die weißen und schwarzen Juden nun Indien. Von Ernst von Hesse-Wartegg. I. ie weltberühmten Naturschönheiten von Ceylon beschränken sich lange nicht auf die gottbegnadete Insel allein; wer die schmale Meeresstraße, die sie von Süd-Indien trennt, übersetzt und dort die Fürstentümer Travancore und Cochin besucht, wird womöglich noch üppigere Vegetation, noch höhere Berge, ein noch schöneres irdisches Paradies finden, von schöneren, weit interessanteren Menschen bewohnt, die unbeeinflußt vom Weltverkehr ihre altangestammten, höchst seltsamen Sitten beibehalten haben. Aber wie dorthin gelangen? Auf den Karten von Indien, wie sie unsere Atlanten enthalten, sehen sich die Entfernungen keineswegs erheblich an. In Wirklichkeit aber bieten sich dem Touristen dort wochenlange beschwerliche und entbehrungsvolle Reisen dar, umnur beispielsweise von dem berühmten Kap Comorin, der Südspitze von Indien, nach Travancore, oder von Travancore nach der uralten Stadt Calicut, dem ersten Landungsplätze Vasco de Gamas, des Entdeckers von Indien, zu gelangen. Bis vor zwei Wintern war die bequemste und schnellste Art des Reifens von Colombo auf Ceylon nach Travancore die Dampferfahrt nach Tuticorin, und dort mit der Eisenbahn nach der Stadt Tinnevelli, und von Tinnevelli zu Pferd oder im Ochsenkarren über die unwegsamen Gebirge der West-Ghats nach der Hauptstadt von Travancore, nach Trivandram. Als ich mich diesbezüglich bei dem englischen Residenten oder vielmehr Gesandten am Hofe des Maharadscha von Travancore erkundigte, erhielt ich von ihm das folgende Schreiben: „Zwischen Tinnevelli und Trivandram verkehren regelmäßig Ochsenkarren. Wenn Sie den Sirkar Apoutun in Tinnevelli benachrichtigen, so wird er die Fahrt für Sie in Ordnung bringen. Da er nur einen Monatsgehalt von 15 Rupien (etwa 20 Mark) bezieht, so dürfte ihm eine Rupie von Ihnen für seine Mühe sehr angenehm sein. Bringen Sie eine Matratze mit, wenn Sie nicht in dem Karren auf Stroh liegen wollen. Die Ochsen werden alle Stunden gewechselt, und Sie können so in einem Tage etwa zehn deutsche Meilen zurücklegen. Ein zweiter Karren kann Ihren Diener und das Gepäck ausnehmen. Auf der Landkarte ist die Strecke zwischen Tinnevelli und Trivandram nur neunzig Kilometer, aber da es auf dem geraden Wege keinen Paß über die Berge gibt, so müssen Sie den Weg direkt nach Süden, um die Bergketten herum, bis nahe an das Cap Comorin nehmen, was die Entfernung verdoppelt. Der Weg ist über alle Beschreibung schlecht, einsam, ohne irgend welche Unterkunft für Europäer, und durch Räuber unsicher gemacht, so daß ich Ihnen rate, Feuerwaffen mitzunehmen. Ich schließe hier einen Waffenpaß für Sie bei, damit Sie an der Grenze des Königreichs Travancore keinen Schwierigkeiten begegnen . . . ." Zur selben Zeit war die Madras-Eisenbahngesellschaft, eine der bestgeleiteten von Indien, im Begriff, ihr Bahnnetz von Madras bis nach Cochin zu erweitern. Ein großer Teil der Strecke war bereits hergestellt, und ein Erlaubnisschein der Direktion ermöglichte es mir, den Rest, von dem Orte Tritschur aus, durch die paradiesischen Tropenlandschaften des Staates Cochin bis nach der gleichnamigen Hauptstadt in einem Konstruktionszuge zurückzulegen. Cochin gehört mit Mypore und Travancore zu den wenigen noch „unabhängigen" Staaten Süd-Indiens. Sein Fürst, der Radscha Sir Sri Rama Varma, entstammt dem alten königlichen Hause, das bis zum achtzehnten Jahrhundert über ganz Süd-Indien geherrscht hat, und er führt daher auch den königlichen Palankin mit dem Zeremonienschirm, der Lampe und der Conchamuschel in seinem Wappen. Er herrscht über ungefähr dreiviertel Millionen Untertanen, hauptsächlich Hindus, die sich über ein Gebiet von dreieinhalbtausend Quadratkilometern verteilen. Bis vor wenigen Jahren residierte er in der alten Stadt Cochin, die sich auf einer sandigen Landzunge, fast ringsum von Wasser umgeben, an der Meeresküste ausbreitet. Seither ließ er sich in Ernakolam, auf dem Festlande, Cochin gegenüber, einen neuen Palast bauen und übersiedelte mit seiner ganzen Regierung, Ministerien, Gerichtshof und Militär nach dieser hübschen neuen Hauptstadt, wo sich auch der Bahnhof der neuen Eisenbahn von Madras befindet. Cochin wird von Reisenden so äußerst selten besucht, daß man dort kein Hotel nach europäischem Muster erwarten darf. Ich fand in einem Dal-Bungalow Unterkunft, d. h. einein jener von der englischen Regierung unterhaltenen Asylhäuser, die nichts weiter als ein Bettgestell, einen Tisch und einige Stühle enthalten. Mein Diener bereitete die Mahlzeiten und das Bettzeug führt jeder Jndienreisende mit sich. Aber selbst bei so