Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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kommen, entfremden sich dem Vater. Die jüngste, die einen Christen liebt, entsagt, da sie erkennt, welchen Schmerz sie durch ihre Liebe dem Vater bereitet, der Sehnsucht! ihres Herzens. Eine wundervolle Geschichte, in der die Charaktere des dem väterlichen Glauben treu gebliebenen alten Mannes und des jungen, den neuen Ideen zugänglichen Mädchens, die eben nur gleich sind in der Liebe, die sich aufopsern will, es bei dem Vater aber nicht vermag, in ausgezeichneter Weise kontrastieren. Sehr schön, wenn auch der Heroismus hier noch weiter getrieben wird, ist die Geschichte „Unheilbar". Eine todkranke Frau, die schon lange Zeit im Krankenhaus liegt und vergeblich ihr Ende ersehnt, verlangt von ihrem lebenskräftigen Manne, der sich während der Krankheit seiner Gattin eine Geliebte genommen, den Scheidungsbries; setzt es durch, daß dieser seine Geliebte heiratet, und zeigt den fast übermenschlichen Mut, diese zweite Gattin zu empfangen und zu segnen. Als die bedeutendste Erzählung, zugleich die längste des ganzen Bandes, erscheint mir die „Hüterin des Gewissens". Es ist der Lebenslanf einer Lehrerin, die an Ueberanstrengung zugrunde geht, die sich für ihre törichte Mutter, ihren gewissenlosen Vater, ihren leichtsinnigen Bruder aufopfert, und anstatt Dank von denen zu erlangen, denen sie ihre angestrengte Tätigkeit gewidmet, von ihnen verlacht und verspottet wird. Hier sind die Schlechten oder mindestens die Angefaulten Sieger im Lebenskampf; die einzige Tugendhafte wird das Opfer ihrer Mühen; der Novellist, der sich hier mit der Rolle des Chronisten begnügt, steht natürlich auf Seiten der Unterliegenden, nicht der Sieger. Namentlich in den letzterwähnten Geschichten macht sich eine Eigenheit geltend, die Zangwill von dem gleich näher zu charakterisierenden Asch unterscheidet, das ist der groteske Humor, die Satire. Humor und Satire kommen in manchen der erwähnten Studien vor. Sehr fein und ganz lustig ist in „Der Uebergang" die Art, wie die jüdischen Mädchen verspottet werden, die sich zu äußerlich feinen, englischen Damen entwickeln; die Ironie, mit der bei allem Mitleid der einzige Gläubige des Betrügers Noah in „Noahs Arche" charakterisiert wird, besonders aber in der zuletzt erwähnten größten Arbeit „Die Hüterin des Gewissens", die wahrhaft groteske Art, in der die schlechten Menschen sich als Tugendbolde gerieren: der untätige Bengel, der sich kein Gewissen daraus macht, die mühsam erarbeiteten Groschen der Schwester zu verprassen, die weinerliche Mutter, die immer darüber seufzt, daß ihre Tochter sich als Lehrerin Plagen muß und es doch als selbstverständlich erachtet, sich ein behagliches Leben aus dem Gehalt jener Arbeiten zu gestalten; der jämmerliche Vater, der die Seinen verläßt, sich von einer Dirne aushalten läßt und dann, als wenn nichts geschehen wäre, zu der Gattin zurückkehrt und die Tochter, die eine wahre Heldin gewesen, als eine Unwürdige betrachtet, die ihm, der doch eigentlich ein Verworfener ist, sich aber für einen ganz guten Kerl hält, Schande bereitet hätte. Außer dieser sehr merkwürdigen Eigenheit ist noch etwas anderes für Zangwill charakteristisch. Seine Juden, die im Ghetto leben, sind doch eben darin nicht eingeschlossen. Sie sind es nicht, teils dadurch, daß sie sich an englische Verhältnisse zu gewöhnen wissen, englische Sprache und englische Sitten annehmen, sie sind es aber auch dadurch nicht, daß sie bei aller Eingezogenheit und Abgeschlossenheit doch von der Berührung mit Christen nicht zurückschrecken. Dafür sehr bezeichnend ist jene vorhin erwähnte Reise einer jüdischen Frau zum Papste nach Rom, ganz besonders aber die gleichfalls schon hervorgehobene Liebe eines jüdischen Mädchens zu einem christlichen Manne, die allerdings entsprechend dem Charakter des ganzen Buches, tragisch endet. . Im Gegensatz dazu muß man sagen: die Juden, die Asch vorsührt, sind eben nur Juden. Mögen sie in Galizien, Polen, Rußland wohnen, sie sind keine Galizier, Polen, Russen und wollen es gar nicht sein. Sie sind und bleiben Juden, die zufällig in den genannten Ländern wohnen. Die übrigen Bewohner dieser Gegenden sind ihre Herren oder ihre Knechte; aber sie sind ihnen fremd und bleiben ihre Feinde. Sie unterscheiden sich von ihnen wie die frommen Juden aller Länder, nicht nur durch ihre Gebräuche und die religiöseir Anschauungen, sondern sie legen einen Wert darauf, von ihnen getrennt zu sein durch ihre Tracht und ihre Sprache. Die 14 in Aschs Band vereinigten Nummern lassen sich schwer mit einem bestimmten oder 'gemeinsamen Namen bezeichnen. Es sind Skizzen. Erzählungen, Naturschilderungen, Momentaufnahmen. Bilder aus einer fremden Welt, die uns seltsain anmuten, mitunter unheimlich dünken. Zeigt sich irgendwo Humor, so erregt er nicht Lächeln, sondern befremdetes Staunen. „Aus vornehmer Familie": ein Fuhrknecht, der ein halbgebildetes Mädchen aus besserer Familie heiratet, und dadurch völlig entwurzelt wird, weil er sich seinen ehemaligen Genossen, die ihn nur spöttisch als Meister anerkennen, entfremdet und in seiner neuen Familie, in der er doch nur als Eindringling aufgefaßt wird, nicht recht heimisch werden kann- Oder „Ein Paar". Ein Witwer und eine Witwe, die sich im Alter mit einander vermählen und sich ebenso der Vergangenheit wie der Gegenwart schämen. Oder der „Chasen mit dem Chor": herumziehende Musiker, die in einer kleinen Gemeinde gefesselt werden, aber mit einer Liebhabervorstellung elend durchfallen. Neben diesen sogenannten Humoresken, denen doch das Groteske mangelt, das ergötzt und das Lächeln in Tränen das zur Wehmut zwingt, stehen Momentbilder, die man eher als Aufnahmen eines Dilettanten, denn als fertige Bilder eines Künstlers bezeichnen kann. „Das Kolaer Gäßchen": schwere Prügeleien zwischen kräftigen Judenburschen und christlichen Raufbolden, wobei die Gestalt eines riesigen Viehtreibers und dessen hochangesehenen Vaters, sowie einer christlichen Magd, die jenem Burschen treu ergeben ist, sehr realistisch gezeichnet wird; „Alte Leute": zwei Ehepaare, die aus langjähriger Gewohnheit das Fischergewerbe weiter treiben, obgleich sie von ihren in Amerika lebenden Kindern reichliche Unterstützung erhalten, die ihnen ein behagliches Leben gestatten würde; „Der Wunderrabbi": ein Maggid, der einen in einem Momente, da er und die ganze Gemeinde verzückt dastehen, pfeifenden Knaben, den sonst alle als schlimmsten Verbrecher zu verfolgen bereit sind, als einen Heiligen erklärt, der die über allen schwebenden bösen Mächte vernichtet. Außer vielen Humoresken und Momentskizzen, Naturschilderungen: „Auf dem Wege nach Schemenitz", in welcher der Eindruck der Natur in ihrer Großartigkeit und Lieblichkeit aus ein unverdorbenes Gemüt dargestellt wird; „Der Eilbote": der Tod eines zu schneller Botschaft Ausgeschickten in der erregten Natur. Bei solchen Skizzen bewundert man die Kraft des Beschreibenden, aber man wird das Gefühl der Befremdnng nicht los. Wie man bei den Humoresken nicht lächeln kann, bei den Momentbildern nach dem wahrhaft Künstlerischen sich sehnt, so fühlt man auch bei diesen Naturschilderungen mehr Erstaunen als wirkliche Bewunderung. Wahrhafte Ergriffenheit erzeugen eigentlich nur drei Beiträge des Bandes: „Ein