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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-11 · Heft 41 (11.10.1907) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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Name noch nicht zu finden, ebensowenig in dein Konversationslexikon des genannten Jahres, auch nicht in dem Supplement von 1897), der des jüngeren ist neuesten Datums. Beide sind originelle Erscheinungen voll Kraft und Talent, in ihrer Art zum Teil durch ihre Heimat, vielleicht durch ihre Stellung und Entwicklung zu erklären. Von der letzteren weiß ich zu zu wenig, um davon zu reden; das Heimatland und ihr Aufenthaltsort ist gewiß nicht ohne Einwirkung geblieben. Beide sind Schilderer des Ghetto. Sobald man Dichter dieser Art erwähnt, ist man versucht, sie mit deutschen Schriftstellern derselben Gattung zusammen oder richtiger ihnen gegenüberzustellen. Betrachtet man die letzteren, so sieht man leicht, daß unter ihnen keine Einheitlichkeit herrscht, sondern daß die verschiedenen Perioden eigenartige Erscheinungen hervorgerufen haben. Ein geistreicher Mann hat einmal behauptet, in der deutschen Literatur ließen sich bestimmte Perioden unterscheiden, die einem Menschenalter von 30 bis 35 Jahren entsprächen. Dies trifft auf die deutsche Ghettoliteratur nicht zu: man müßte hier eher eine Periodisierung zu je 20 Jahren vornehmen. Den Anfang macht Berthold Auerbach zirka 1840. Die Art, wie er jüdische Gestalten schildert, ist ein dreifache: in Spinoza den jüdischen Weltweisen, den großen Denker, abseits vom Leben und in Unzufriedenheit mit seinen Glaubensgenossen; in den Dorfgeschichten jüdische Bauern, Schlächter, Kleinhändler, die sich in Sprache und Gewandung kaum von den Genossen unterscheiden, in Frieden, gelegentlich sogar in Freundschaft sogar mit ihren Nachbarn leben, wenn auch manchmal der Groll Andersgläubiger gegen sie auftritt; in seinem jüdischen Roman „Dichter und Kaufmann" den in der Aufklärungszeit ausgewachsenen,mit ihren Tendenzen vertrauten, jungen Poeten, der sich aus der Enge herauswindet und häufig unsanft an die Wirklichkeit stößt, aber mehr an den feindlichen Mächten des Lebens als den gegnerisch gesinnten Menschen. Die zweite Periode ist durch die Namen A. Bernstein und L. Kompert bezeichnet: bei dem ersteren eine humoristisch gesärbte, poetische verklärte Romantik vergangener Zustände; bei dem letzteren die glühende Sehnsucht einer vollständigen Verbindung zwischen Deutschen und Juden, das aufklärerische Streben eines mit der ganzen Bildung des Zeitalters erfüllten Mannes, der an den Anschauungen seines Glaubens treu festhaltend, die deutsche Kultur als das gemeinsame Band zwischen Andersgläubigen betrachtete. Diese Assimilations- Hoffnungen erfüllten sich nicht; die rohen Ausbrüche und der latente Widerstand des Antisemitismus belehrten selbst die Gutmütigsten, daß eine Vereinigung noch im weiten Felde lag. So entwickelte sich bei den jüdischen Schriftstellern der Kampfgedanke: Kampf gegen die Zurückgebliebenen, die durch ihre Unkultur jede Vereinigung mit Kulturnationen unmöglich machten, Kampf gegen die Dränger und Bedrücker, die mit Schlauheit oder Gewalt gegen die Juden auftraten. Das ist wenigstens zum Teil die Signatur der Ghettogeschichten von K. C. Franzos. Schon bei ihm zeigt sich ein Zug zum Realistischen, der zwanzig Jahre später weit stärker ausgeprägt erscheint. Aber als 1900, etwa zwanzig Jahre nach Franzos' erster Blütezeit, eine neue Ghettoliteratur bemerkbar wird, da steht sie durchaus unter dem Zeichen des Zionismus. Eine derartig ausführliche Darstellung der deutschen Ghettoliteratur schien mir notwendig, um den vollen Gegensatz anzndeuten, der zwischen den deutschen Ghettodichtern vergangener Perioden und diesen modernen herrscht. Es sind durchaus andere Wesen, von denen Zangwill und Asch berichten, als die, von denen die älteren deutschen Erzähler ähnlicher Art zu sprechen wußten. Die Helden der letzteren sind 487 -- Eingesessene in ihren Ländern, die Persönlichkeiten, von denen die ersteren melden, sind Fremde. Man könnte freilich einwenden : auch in England leben seit langer Zeit Juden, die sich als Engländer fühlen; darauf ist aber zu entgegnen, daß Zangwill von diesen englischen Juden, von dieser, wenn man so sagen darf, semitischen Aristokratie so gut wie gar nicht berichtet; die Personen vielmehr, die er vorführt, sind Juden, die aus dem Osten stammen und die sich in England eine neue Heimat gegründet haben. Zunächst sei kurz der Inhalt beider Bücher angedeutet. Zangwills Buch zerfällt in elf Erzählungen, von denen, wie schon angedeutet, die meisten in England spielen. Eine, deren Schauplatz im Osten ist, Bethula, die Tochter eines Wunderrabbi, ist so seltsam, mystisch-romantisch, daß sic mit einer kurzen Erwähnung abgetan werden kann. Eine andere, „Tagebuch eines Meschmned" führt nach Rußland und lehrt die Verzweiflung eines ehemaligen Juden, der sich in seinen höheren Jahren an die Religion seiner Väter erinnert und zu ihr zurückkehrt, aber zu seinem Schmerz erleben muß, daß sein Sohn, den von seiner Abstammung keine Ahnung zu haben scheint, einer der Führer des fanatischsten Antisemitismus ist. Rußland und Amerika, das Land der Bedrückung und das der Verheißung werden in der sehr merkwürdigen, ergreifenden Geschichte „Das gelobte Land" zusammengestellt. Ein junger Mann Srul reist auf Kosten seiner Braut Mirjam nach Amerika, gründet sich dort eine Existenz, verheiratet sich, während er die zurückgebliebene Braut mit Ausflüchten hinhält; diese, dem Erblinden nahe, reist ihrem Verlobten nach und muß zu ihrem Schmerze erkennen, daß dieser nicht mu° ihr untreu geworden, sondern auch ein Neumodischer, der die alten Gebräuche über Bord geworfen, geworden ist. Gleichfalls nach Rußland führt die Skizze „Die Sabbatbrecherin". Die hundertjährige Frau, die in einem Londoner Hospital liegt, von der diese Skizze berichtet, ist freilich keine Verbrecherin, sondern eine Mutter, die aus Liebe gesündigt. Es ist eine Art Vision oder Traum, der der Totkranken kommt, wie sie vor vielen Jahrzehnten am Sabbat einen Brief geöffnet, der von der Krankheit eines fern von ihr lebenden Sohnes berichtete, und wie sie, nachdem sie diese schmerzliche Nachricht erfahren, zu Fuß ben langen Weg angetreten, um ihr krankes Kind zu sehen. Die übrigen, in England spielenden Erzählungen sind gleichfalls Tragödien oder zum mindesten Tragi-Komvdieu. Eine Geschichte der letzteren Art, „Noahs Arche": die Geschicke eines Armen, der den Prophezeiungen des Betrügers Mordochai Manasse Noah glaubt, nach Amerika auswandert und trotz aller Enttäuschungen auf das von jenem verheißene Reich hofft. Von wirklicher, echter Tragik sind andere Geschichten erfüllt. „Die in Dunkelheit wandeln", die Geschichte eines blind gewordenen Jünglings, der von der Mutter nach Rom geführt wird, in der Hoffnung. daß der Papst, von dem sie dunkle Gerüchte vernommen, ihn heilen kann, und der in der Peterskirche stirbt. Wahrhafte Perlen der Erzählungskunst sind drei größere Geschichten. Der gemeinsame Charakter dieser Erzählungen ist der, daß die Hauptpersonen sterben oder wenigstens in ihrem Lebenszweck Schiffbruch leiden und daß diese Hauptpersonen Frauen sind, die sich hier und in anderen Erzählungen stärker erweisen als die Männer. Die erste, „Uebergang", erzählt von den Geschicken des aus dem Osten ausgewanderten Daniel Pehser, der, nachdem er sich in Portsmouth zu Wohlstand gebracht, nach London übersiedelt, um dort seine fünf Töchter besser zu verheiraten. Dies gelingt, aber die vier verheirateten Töchter, die durch ihre Männer in glänzende Verhältnisse

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