Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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drinnen steht, muß draußen stehen; was nicht geweiht ist, das ist eben ungeweiht; was nicht in dem Kanon ausgenommen ist, ist nicht kanonisch. Das gilt namentlich vom Buche Sirach. Das ist bekanntlich ein von Josua ben Sirach, gegen 200 Jahre v. Ehr., hebräisch verfaßtes und von seinem Enkel ins Griechische übersetztes Buch, nach der Art der „Sprüche Salomons" nur fromme Sitteusprüche enthaltend. Von dem Werke eines Bar-Laana geschieht im Talmud nirgends eine Erwähnung. Es ist dies, wenn nicht vielleicht ein Druckfehler vorliegt, rein eine Erfindung des Autors, der vielleicht an ein anderes Werk vom sogenannten Bar-Kochba gedacht haben mag; das ist aber ein erst im späteren Mittelalter entstandenes Buch. Das einzig Richtige an dieser gelahrt aussehenden Stelle des hebräischen Autors ist, daß tatsächlich die Schriften der Sadduzäer in der zitierten Stelle des Talmud (Sanhedrion 90) angeführt sind und daß den Lesern dieser Bücher der Verlust am ewigen Leben angedroht wird, indem es dort wörtlich heißt: „Folgende Personen haben keinen Anspruch auf das ewige Leben, u. z.: 1. Wer nicht an ein ewiges Leben glaubt. 2. Wer nicht glaubt, daß die Thora auf dem Berge Sinai, vom Himmel herab, offenbart wurde. 8. Die Epikuräer. 4. Wird noch von Rabbi Akiba beigefügt: Wer die Bücher der Sadduzäer liest (Sadduzäer waren bekanntlich eine auch in den Evangelien oft zitierte jüdische Sekte, die nur an das schriftliche Gesetz der Bibel, nicht aber an die mündliche Tradition der Rabbiner glaubte) und wer den Namen „Jehova" nach seinem Wortlaut vollständig ausspricht. Bekanntlich war das den Juden wegen Hochachtung des Namens verboten und sie gebrauchten dafür bloß den Namen „Adonai" (Herr). Das ist der ganze Inhalt der zitierten Stelle; mehr ist in derselben nicht zu entdecken. Ferner spricht sich der Vossische Hebräer bezüglich der Auffassung der Homerischen Bücher seitens der Juden nachstehend aus: „Dieses Urteil über Homer klingt ein wenig sonderbar. Es kanu sein, daß die Rabbiner, wenn sie auch keine Veranlassung fanden, die Werke Homers zu verbieten, es dennoch für opportun hielten, ihren Wert niedrig einzuschätzen. Oder vielleicht muteten sie in der Tat die Gesänge Homers wie eine Art Kriegsnachrichten an! Die Schriften der Epikuräer durfte man lesen, aber nicht studieren. Unter „Lesen" verstanden sie offenbar ein oberflächliches Bekanntwerden mit den in den Büchern niedergelegten Anschauungen, unter „Studieren" ein höheres Eindringen in dieselben. Man sollte sich nur mit den Anschauungen der Epikuräer bekannt machen, uni einem „Ketzer" Rede stehen zu können (Sprüche der Väter II, 14)." Auch diese Darstellung über die Auffassung der Homerischen Werke, über deren höhere oder mindere Wertschätzung seitens der Juden, so gelahrt sie aussieht, entpuppt sich als bloßes Phantasiegebilde des Autors; denn in dem zitierten Abschnitt Werke Synhedrion, wovon ich nicht nur die deutsche Uebersetzung von Dr. Rawicz, sondern auch die hebräische sogenannte „Landauer Ausgabe" vom Jahre 1852, der alle wichtigeren Kommentare beigedruckt sind, eingesehen, geschieht der Homerischen Bücher mit keinem Worte eine Erwähnung. Wo im Talmud der Griechen Erwähnung geschieht, werden sie nur als Ionier bezeichnet. Daß griechische Autoren, namentlich der griechische Philosoph Aristoteles von den jüdischen Gelehrten nicht nur gelesen, sondern auch fleißig studiert wurde, davon gibt der jüdische Philosoph Maimonides den besten Beweis; denn dieser Philosoph, der einen hebräischen Konunentar zur Mischna geschrieben und in derselben dreizehn Glaubensartikel festgestellt hat, die heute noch in jedem jüdischen Gebetbuche ausgenommen erscheinen, dieser Philosoph hat in seinem berühmten Werke „More Nebnchim" „Wegweiser der Juden" die ganze Philosophie des Aristoteles ins Hebräische übertragen. Ebenso hat auch der bekannte Philosoph Moses Mendelssohn, der Freund Lessings, anfangs des 19. Jahrhunderts die griechische Philosophie des Plato ins Deutsche übertragen. Das sind feststehende Tatsachen die selbst Rohling nicht in Abrede stellen wird. Auch das ist feststehend, daß der klassische Historiker Josefus Flavius, der das Werk „ve bello Judaeo“ geschrieben, Jude war. Von Philo und den Alexandrinern gar nicht zu reden. Es ist also evident, daß die Juden die fremden Sprachen, wie die arabische, auch die griechische und lateinische Sprache, eifrig studierten und die Uebertragung anderer Sprachen ins Hebräische gefördert haben. Es mag vielleicht vorgekommen sein, daß polnische oder russische Rabbiner in ihrem religiösen Fanatismus das Lesen nichtjüdischer Bücher mit dem Verluste des ewigen Lebens bedroht haben; aber diese Androhung hat niemandem geschadet und die denkenden Juden niemals abgehalten, ihren Geist an den Geisteswerken aller Sprachen zu schärfen. Wenn schließlich der Artikelschreiber der „Vossischen Zeitung" auch die „Sprüche der Väter 14" zitiert, so ist nur so viel richtig, daß dort allerdings die Stelle vorkommt: „Rabbi Eliefer sagt: Studiere sorgfältig die Lehre (Thora), damit Du das wissest, was Du dem Epikuräer antworten kannst, damit Du wissest, für wen Du Dich mühst, wer Dein Herr ist, der Deine Arbeit lohnt." Das ist der ganze Inhalt der zitierten Stelle. Das Recht der freien Forschung war bei den Juden immer gewahrt. Der Talmud sprach vielnrehr den Grundsatz aus, daß nur gelehrte Priester, nicht aber die unwissenden einen Anspruch auf die Hebe haben und daß ein ungelehrter Priester dem Löwen gleicht, der gefräßig das ihm zugeworfene Fleischstück verzehrt, ohne sich darum zu kümmern, ob es frischweg von der Herde oder von einem Aase herrührt, ob es etwa aus reiner oder aus unreiner Quelle stammt. Gerade die Stelle, die ich zu meiner Ueberraschung beim Suchen im zitierten Kapitel 90 des Abschnitts Synhedrion vorfand, und zwar dort, wo die Talmudisten über die Unsterblichkeit debattieren und sich bemühen, aus der Bibel, und zwar aus der Stelle bezüglich der Priesterhebe, den Glauben an die Unsterblichkeit abzuleiten, also gerade die Stelle, aus der der Autor des Artikels den jüdischen Index ableiten will, gerade diese Stelle spricht den Grundsatz der freien Forschung, des Gedankens, den hohen Wert eines wahrhaft gebildeten und nicht eines blind folgenden Priesterstandes klar und lebendig aus. Einen jüdischen Index hat es nie gegeben. Lsngwill und pich. Von Professor Ludwig Geiger. 3srael Zangwil?) und Schalom Asch') sind den Lesern dieser Blätter keine unbekannten Namen; belletristische Beiträge beider haben schon in diesen Spalten Raum gefunden. Der Ruhm des Engländers ist älter, wenn auch keineswegs alt (in Winter und Wünsches Jüdischer Literatur von 1895 ist sein!) Tragödien des Ghetto von Israel Zangwill nach dem englischen Original, deutsch von Dr. Hanns Heinz Evers autorisierte Ausgabe. Berlin 1907, Verlag Siegfried Cronbach, 456 Seiten. 2) Bilder aus dem Ghetto von Schalom Asch. Uebertragung von Stesania Goldenring. S. Fischer Verlag, Berlin 1907. 252 Seiten.