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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-11 · Heft 41 (11.10.1907) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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484 richten, das Verlassen des Landes denjenigen Auswanderungslustigen zu wehren, die anscheinend Vermögen besitzen. Die Balkanstaaten, vor allein Rumänien, zeigten sich nicht sonderlich entgegenkommend. Gern möchten sie die wohlhabenden Elemente im Land behalten, die vielen Armen lassen sie aber ohne Träne ziehen. Im ganzen, so wird uns von zuverlässiger Seite berichtet, hat die Kommission ans ihrer Studienreise von dem jüdischen Answanderungsmaterial in den beiden genannten Ländern durchaus keinen ungünstigen Eindruck empfangen. Und das ist für die nächste Zukunft sehr wichtig. ßmi aus Veltrrrrich. Ende September. s ist wohl keine Redensart, wenn man den österreichischungarischen Ausgleich, der int letzten Augenblick zustande kam, als ein Schmerzenskind unserer Politik und derer, die sie machen, bezeichnet. Es müssen sehr starke, verborgene Einflüsse sein, die dessen Geburt behinderten. Man geht nicht fehl, wenn man an die Chauvinisten hüben und drüben denkt, die ganz etwas anderes erhofften, als einen Ausgleich. Der Augenblick schien da zu sein, in dem eine vollkommene Trennung der beiden Monarchien ersehnt und erwartet wird. Wer dabei gewinnen soll, ist nicht recht zu sagen. Das ungarische Volk auf keinen Fall. Aber es gibt in Ungarn und Oesterreich gewisse Elemente, die von dem Fischen im Trüben leben. Was wären sie, wenn diese Fischerei aufhörte? Diese Leute lassen den alten Kaiserstaat nicht zur Ruhe kommen, denn das ist ihr Geschäft. Es ist jedenfalls sehr bezeichnend, wie Dr. Lueger, der wieder bei sehr gutem Appetit ist, sich über den so schwer zur Welt gekommenen Ausgleich äußerte. Bringt er Oesterreich nicht ganz erhebliche Vorteile, dann werden sich seine Parteigewaltigen gegen ihn sträuben, die Christlich- Sozialen werden ihn im Parlamente zu Falle bringen. Man sieht schon, wer jetzt das Herrscheramt in Oesterreich übt und wie Lueger, dessen Mahlzeiten auch von den „liberalen" Blättern getreulich verzeichnet werden, wieder bei sehr guter Eßln st ist. Aber auch die Magyaren, die so etwas wie Personalunion herbeisehnen, sind in ihrer Anschauung von -der Luegers und seiner Freunde nicht weit entfernt, man will auch in Ungarn christlichen Sozialismus spielen, und wir befürchten, die Zeit ist nicht sehr fern, da man auch in dem ungarischen Palästina, das schon lange nicht von Milch und Honig für die dortigen Juden fließt, die antisemitische Saite wird laut erklingen hören. Daher haben wir Juden es sehr nötig, auf die Stimmungen zu achten, die gar nicht harmonisch von jenseits und diesseits der Leitha sich hören lassen. Wir sollten wirklich recht aufnrerksam sein und den Flügelschlag der Zeit nicht überhören. Manches Lehrreiche werden wir dann erfahren und uns danach einrichteu. Lernen und nicht vergessen, das sei unsere Parole. So können wir auch viel Lehrhaftes aus dem „Statistischen Jahrbuche der Stadt Wien für das Jahr 1905" erfahren, das soeben erschienen ist. Es ist interessant zu vernehmen, daß seit dem glorreichen Regiment Luegers kein einziger Jude das Bürgerrecht Wiens erhalten hat. Ist dies nicht höchst erbaulich? Und ein anderes Kapitel dieses Jahrbuches, das „Bildungswesen" überschrieben ist, erzählt die klassische Mär, daß unter den 8107 Studenten an der Wiener Universität inr Wintersemester 1905/06 1857 Juden eingeschrieben waren. In derselben Zeit besuchten die Technik unter 2786 Hörern 720 Inden, an der Hochschule für Bodenkultur sind unter 668 Hörern 20 Juden. Nicht nur Steine, auch Zahlen reden, und wahrlich diese Ziffern führen eine laute und eindringliche Sprache. So sehr wir uns auch über den Bildungstrieb der Juden freuen, wir fragen, was soll mit allen den absolvierten Universitätshörern geschehen? Bange schauen wir in die Zukunft, denn unwillkürlich fragen wir uns, wie viele von diesen akademisch Gebildeten dem Judentum den Rücken kehren werden, dem Drang der Notwendigkeit gehorchend, wie wir, nicht entschuldigend, hinzufügen wollen. Im Jahre 1905 traten in Wien aus dem Judentum 577 Personen aus, 283 gingen zum Katholizismus über. Von diesen Getauften ist die Mehrzahl (277 Personen) im Alter zwischen 20 bis 30 Jahren. Es sind meist ledige Leute, die ihre Karriere mit der Taufe beginnen. Betrübend ist es, aus dem Jahrbuche zu hören, daß die Frequenz der „Israelitisch-theologischen Lehranstalt" in Wien eine so minimale ist: 26 bis 30 Schüler in den Jahren 1901 bis 1905. Und diese sind meistGalizianer. Wien stellte einen Hörer; wir denken, diese Zahlen reden Bände. Es wird höchst Zeit sein, daß diejenigen, in deren Händen die Interessen des Judentums ruhen (und sie ruhen hier ziemlich sanft!), endlich erwachen und das Gebäude des Judentums, das arg gefährdete, vor weiteren Schäden bewahren. Darum wäre es sehr notwendig, daß unsere Generalgewaltigen, anstatt leere Worte zu machen und uns mit Reden zu verteidigen, die ihnen ja doch nicht von unseren Gegnern geglaubt werden, sich um die Fehler kümmern, die man unleugbar in unserer Mitte begeht. Es scheint in vielen unserer Kultusgemeinden nicht alles so bestellt zu sein, wie man es billig erwarten könnte. Unsummen werden auf Kultuszwecke ausgegeben, die Frage ist aber wohl berechtigt, ob denn auch die Leistungen diesen Riesenbudgets entsprechen! Im Jahre 1905 kostete der Wiener jüdische Religionsunterricht, wir folgen wieder den Angaben unseres Statistischen Jahrbuches, 229 789 Kronen. Eine sehr stattliche Summe, in der Tat. Aber warum hört man so viele Klagen über die Unzulänglichkeit dieses Religionsunterrichts? Sollten alle diese Klagen ganz unberechtigt sein? Kein Zweifel, man weiß, aus welchem Lager diese Unkenrufe meist stammen, aber ein Körnchen Wahrheit wird schon darin liegen, daß, soll der Religionsunterricht heute leisten, was man von ihm mit Recht erwartet, er auf anderer Basis aufgebaut werden müsse. Auch der gottesdienstliche Kultus kostet ein nettes Sümmchen. Aber wie oft muß man es hören, daß dieser für unsere Zeit völlig unzulänglich ist! Ihm wird, ob mit Recht oder Unrecht, das wollen wir hier nicht näher untersuchen, vielfach die Schuld zugeschrieben, wenn sich viele vom Judentum abwenden. Eine traurige Tatsache, die aber bei aller Traurigkeit von ihrer Wahrheit nichts verliert. — Noch einer interessanten Tatsache aus dem Statistischen Jahrbuche werde hier Erwähnung getan, weil sie ein helles Licht darauf wirft, wie wenig oft die Staatsgrundgesetze, welche besagen, die öffentlichen Aemter seien allen ohne Unterschied des Bekenntnisses in gleicher Weise zugänglich, beachtet werden. Die k. k. Konsularakademie zur Heranbildung von Konsulatsbeamten nimmt keine Juden auf. Eine Tatsache ist es, daß sich an dieser Akademie in den letzten fünf Jahren kein Jude befand. Desto stattlicher wird die Zahl der Getauften sein. Eine Erklärung dieses sonderbaren Vorgehens, Juden von einem wichtigen Gebiete, auf welchem sie schon infolge ihrer bekannten Sprachenkenntnisse manches leisten könnten, auszuschließen, wäre wirklich sehr erwünscht. Wir haben oben von der Wiener Rabbinerbildungsanstalt gesprochen; auch in Budapest ist eine solche, deren Vorsitzender, Professor Moses Bloch, nun als Dreiundneunzigjähriger in

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