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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-11 · Heft 41 (11.10.1907) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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483 „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und „Verband der Sabbat freunde" in der Person des Herrn Moritz A. Loeb einen Vertreter zu den Verhandlungen entsandt. Ein Herr Hiller, der als Vorsteher des Leipziger Gehilfen- Verbandes sprach, konnte sich nicht damit begnügen, für die Ausdehnung der Sonntagsruhe einzutreten, er leistete sich auch einen ebenso unmotivierten wie sachlich ungerechtfertigten Angriff auf die „orthodox-jüdischen" Kaufleute. Nach Ansicht des Herrn Hiller bilden die Bestrebungen der am Sabbat geschlossen haltenden Kaufleute eine schwere Gefahr für die gesamte Sonntagsruhe, weshalb er die Versammlung auffordert, sich entschieden gegen die Gewährung jeglicher Ausnahme zu wenden. Herr Hiller meint, das Arbeiten am Sonntag dürfte nicht gestattet werden, weil jenen Kaufleuten durch die Möglichkeit der früheren Erledigung der Eingänge den anderen Kaufleuten gegenüber ein Vorteil geboten würde! Als erster Diskussionsredner meldete sich Herr Rabbiner Dr. Horovitz-Frankfurt a. M. als Vertreter des Verbandes deutscher Juden zum Wort, um auf eine Bemerkung des ersten Neferenten zu antworten. Gerade die orthodoxen Juden begrüßten dir Arbeit des Kongresses mit warmer Anerkennung, und er habe an den letzten großen jüdischen Feiertagen während der Gottesdienste die Gelegenheit wahrgenommen und seine Glaubensgenossen ermahnt, ihren christlichen Angestellten doch nach Möglichkeit am Sonntag frei zu geben, damit sie eine richtige Sonntagsruhe bekämen. Es sei nur verlangt worden, daß jene jüdischen Kaufleute an Sonntagen dort, wo völlige Sonntagsruhe herrsche, in geschlossenen Räumen durch jüdische Angestellte die dringendsten Arbeiten erledigen lassen dürsten. Von einer Konkurrenz der jüdischen Kaufleute am Sonntag könnte unter diesen Umständen doch wahrlich keine Rede sein. Wer, wie die Teilnehmer des Kongresses, dafür ist, daß jedem Menschen ein voller Ruhetag gewährt werde, der könne unmöglich gegen Bestrebungen sein, die den Juden die Durchführung ihres Ruhetages ermöglichen wollen. Den gehaltvollen Ausführungen des Redners, die durch die stark begrenzte Redezeit leider nicht ausführlicher sein konnten, folgte lebhafter Beifall. Alsdann ergriff namens der von ihm vertretenen Körperschaften Herr Moritz A. L oeb-Frankfurt a. M. das Wort. Er führte aus, daß der Verband der Sabbatfreunde für Deutschland Aehnliches anstrebe, wie der Internationale Verband für die Allgemeinheit, allerdings für Juden. Der Verband umfasse nach zweijähriger Tätigkeit heute schon mehr als 80 Ortsgruppen mit über 4000 Mitgliedern. Er verfolge das einzige Ziel, die Beobachtung des jüdischen Ruhetages dort, wo sie verloren gegangen sei, wieder einzuführen und wo sie noch bestehe, zu ihrer Festigung beizutragen. Bei dieser Arbeit müsse die gesetzestrene Judenheit, und insbesondere der Verband der Sabbatfreunde, einer Körperschaft, die den christlichen Mitbürgern ihren vollen Ruhetag sichern wolle, die größte Sympathie entgegenbringen. Um so bedauerlicher sei es, wenn aus diesem Kreise Angriffe erfolgten, wie es soeben seitens des Herrn Hiller geschehen sei. Herr Hiller sei dazu um so weniger berechtigt, als er die Materie nicht einmal genügend beherrsche. So gibt er den Juden den Rat, ihre Geschäfte am Samstag Abend zu erledigen. Er weiß also nicht einmal, daß der jüdische Ruhetag erst nach Eintritt der Nacht beendigt ist, wodurch ein Beginn der Arbeiten am „Samstag Abend" im Hochsommer.z. B. erst nach 10 Uhr abends möglich wäre! Wenn Herr Hiller behauptet, eine den jüdischen Kaufleuten gewährte Erlaubnis, am Sonntag zwei bis drei Stunden zu arbeiten, notabene bei verschlossenen Türen, führe zu einer Schädigung ihrer christlichen Konkurrenz, so bedürfe es da keiner ernstlichen Widerlegung. Daß ein Kaufmann, der eben nach 25stündigem Schluffe sein Bureau zu kurzer Tätigkeit öffnet, nicht imstande ist, seinen Konkurrenten, der inzwischen tätig war, auch nur einzuholen, geschweige denn gar zu überholen, liege für jeden Fachmann doch auf der Hand. Es sei denn auch in den Städten, in denen Ausnahmen für die gesetzestreuen jüdischen Kaufleute bereits zugelassen sind, wie München und Posen, niemand eingefallen, hierin eine Schädigung zu erblicken, und die dortigen Kaufleute müßten doch ihre eigenen Interessen mindestens ebensogut kennen als Herr Hiller aus Leipzig. Auch diesen Ausführungen folgte lebhafter Beifall. In seinem Schlußwort versuchte Herr Hiller sich gegen die Angriffe der Herren Rabbiner Dr. Horovitz und Loeb zu verteidigen, doch blieb seine lendenlahme Erwiderung sichtlich ohne Eindruck. * Die russische Regierung braucht Geld! Darum sandte sie Herrn Kokofzeff, den unglücklichen Finanzminister, nach Paris, um den dortigen Bankiers zu versichern, daß gar kein Grund zur Besorgnis wegen Unsicherheit im Russenlande vorhanden sei. Allerdings vergeblich. Und außerdem läßt sie folgende offiziöse Friedenstaube auffliegen: „Zur Zndensrage in Rußland wird berichtet, daß das russische Ministerium des Innern eine Kommission einsetzte, die sich speziell mit der Judensrage zu beschäftigen habe; so kursiere in den beteiligten russischen Kreisen das Gerücht, daß, sobald die dritte Reichsduma ihre Beratungen beginne, dem Plenum auch die Judenfrage unterbreitet werden soll. Eine baldige Lösung der Judenfrage scheint aber selbst den Gönnern der russischen Juden kaum möglich, da diese Arbeit kolossal ist und die Reichsduma sich mit dem ganzen bisherigen offiziellen Material und allem, was über diese Frage in Literatur und Presse erschienen ist, vertraut machen muß. Was die Kernpunkte bei der Lösung der Judensrage in Rußland betrifft, so stellen sich diese wie folgt dar: Die Frage bezüglich der Einschränkungen der Wohnorte der Juden durch die bestehenden Ansiedlungsrayons und außerhalb derselben und des Rechts der Bewegungsfreiheit. Letzteres soll in größerem Umfange zugestanden werden. Dann folgt die Frage über die Rechtsbeschränkung der Juden im Handel, Industrie und beim Erwerb im Ansiedlungsrahon und außerhalb desselben, sowie Beschränkung der Pfand- und Pachtrechte. Die meisten dieser Beschränkungen können jedoch nur gleichzeitig mit den Ansiedlungsrayons abgeschafft werden. Die Frage über die Beschränkung des Studiums der Juden auf einen Prozentsatz zur allgemeinen Zahl der Studierenden gehört in das Ressort des Ministeriums für Volksaufklärung, das diese Frage allmählich zu lösen gedenkt. Die Frage bezüglich der Wehrpflicht der Juden gehört ins Kriegsministerium, und es besteht hier die Absicht, keine weiteren Erschwerungen für die Juden eintreten zu lassen. Bleibt noch die Frage bezüglich der Einschränkungen für die ausländischen Juden; sollten aber die Ansiedlungsrayons aufgehoben werden, dann werden selbstverständlich auch die diesbezüglichen Maßnahmen hinfällig. Die Lösung aller dieser Fragen wird teils voni russischen Ministerrat, teils von der Reichsduma selbst vorgenommen werden, und zwar höchstwahrscheinlich an der Hand eines Gesetzentwurfs, der auf Anordnung Stolhpins vor einiger Zeit ausgearbeitet worden ist." Ist sie nicht geradezu köstlich — diese Blüte russisch-- offiziöser Lyrik? Das Köstlichste ist wohl in dem zweiten Passus der erste angefangene, aber nicht vollendete Satz. Das heißt zu deutsch: der Ansiedlungsrayon wird nicht aufgehoben. Es bleibt alles beim Alten! Darum ist es die wichtige Aufgabe der gesamten liberalen Presse in Europa, jetzt den Vertretern des Kapitals beständig die Mahnung zuzurufen: D i e T a s ch e n z u! 9 Wie wir bereits gemeldet, ist die amerikanische Einwanderungskommission von ihrer europäischen Studienreise schon zurückgekehrt. Sie hat überall bei den europäischen Regierungen Entgegenkommen und Unterstützung gefunden und dem Präsidenten Roosevelt einen umfassenden Bericht überreicht, dessen Schlußfolgerungen sich, zu bestimmten Anregungen verdichtet, in der nächster: Botschaft des Präsidenten lviederfinden dürften. Für uns ist natürlich am interessantesten, welche Eindrücke die Kommission in Rußland und Rumänien empfangen hat. Darüber heißt es nun in dem erwähnten Bericht. Die russische Regierung betrachte die Frage vom reinen Zweckmäßigkeitsstandpunkte. Gegen die Massenauswanderung der Juden und Polen hat sie nichts einzüwenden. Sie dürfte aber auch ihr Augenmerk darauf

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