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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-04 · Heft 40 (4.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Wer in der Geschichte des Blattes bewandert ist, kennt die richtige Bezeichnung zur Genüge. E. Charlottenburg, 25. September. In der Heilanstalt für Gemüts- und Nervenkranke von Sanitätsrat Dr. Edel wurde in diesem Jahre an den hohen jüdischen Feiertagen ein Gottesdienst unter Leitung eines Vorbeters (aus dem Tempel in der Rykestraße) abgehalten, zu welchem eine Thorarolle zur Verfügung gestellt war. Es konnten etwa 25 Patienten und Patientinnen daran teilnehmen. Es ist auch in Aussicht genommen, den jüdischen Gottesdienst ebenso wie den evangelischen regelmäßig abhalten zu lassen. A. P. Osterode, Ostpr., 2. Oktober. Gestern hat der Vorsitzende des jüdischen Lehrervereins Ostpreußen, Prediger I. Sturmann, fünfzig Jahre seiner berliflichen Tätigkeit vollendet. Ter Jubilar hat es während seiner langen Wirksamkeit als Leiter dieser Vereinigung verstanden, sich die Liebe und Verehrung aller Mitglieder zu gewinnen. Sein aufrichtiges, herzliches Mitempfinden für jede Art Leid, das einem seiner Kollegen aus seinen amtlichen Beziehungen erwachsen, und sein unerschrockenes, warmherziges Eintreten für sie in solchen Fällen haben ihn als einen wahrhaften Freund der Lehrerschaft erkennen lassen. Seine Treue im Amte, seine Tätigkeit als Lehrer und Kultusbeamter, sein bedeutendes hebräisches Wissen neben einer umfassenden allgemeinen Bildung, seine Frömmigkeit und das Würdevolle seines ganzen Wesens und Auftretens machten ihn zum Vorbilde für alle jüdischen Lehrer Ostpreußens und gaben ihm die natürliche Autorität, die es ihm leicht machte, die ganze Beamtenschaft unserer Provinz in Einigkeit und Friedfertigkeit um sich zu scharen und sie zu ernstem, eifrigem Streben für die gesamten Interessen des Standes zu begeistern. Die jüdische Lehrerschaft Ostpreußens verdankt dem Jubilar eine Fülle wertvoller Anregungen und lehrreicher Anweisungen auf methodischem und allgemein-pädagogischem Gebiete, die, in Referaten oder Vorträgen auf ihren Jahresversammlungen geboten, immer die Merkmale praktischer Erfahrung und eigenen tüchtigen Könnens an sich trugen. Aus seinen tiefernsten Darlegungen über die traurigen materiellen Verhältnisse der jüdischen Lehrerschaft Ostpreußens im Jahre 1895 erwuchs auch der Antrieb zur Gründung der so wohltätig wirkenden ostpreußischen Pensionskasse. Sturmanns Wort für die jüdische Lehrerschaft wird auch aus den Verbandstagen der ostpreußischen Synagogengemeinden stets mit Achtung und Wertschätzung ausgenommen. Er steht als Mitglied der Verbands-Schulinspektion zugleich im Ehrendienste des Gemeindeverbandes. Dem Verbände der jüdischen Lehrervereine, zu dessen Vorstand der Jubilar gehört, hängt er mit Treue an und ist bemüht, ihn nach seinen Idealen zur bestmöglichen Wirksamkeit zu fördern. So darf das Jubiläum Sturmanns nicht bloß für den ostpreußischen Lehrerverein, sondern für die gesamte jüdische Lehrerschaft Deutschlands, und wie für seine Gemeinde, so für weitere Kreise der Provinz, als ein besonders sreudiges Ereignis gelten, an dem sie alle mit herzlichen Wünschen für sein ferneres Wohlergehen und eine ihm noch lange vergönnte segensvolle Wirksamkeit im Dienste des Judentums Anteil nehmen. Vou seiten des Lehrervereins aber rufen wir dem teuren Manne zu seinem Jubeltage besonders zu: „Gott leite Dich noch weiter mit liebender Hand! Er labe Deine Seele mit reichen Freuden und stärke Deine Gebeine zu vollkommener Gesundheit, daß Du seiest wie ein getränkter Garten, dessen Wasser nie versiegt!" — Aus dem Lebensgange des verehrten Mannes sei noch folgendes mitgeteilt! Jakob Sturmann wurde am 19. Oktober 1838 als ältester Sohn des Kultusbeamten Baruch Sturmann in Neumarkt (Westpreußenj geboren. Schon in jungen Jahren wurde er von seinem Vater in Bibel und Talmud unterrichtet. Er besuchte zunächst die jüdische Volksschule seiner Vaterstadt, ging dann nach Posen, um zu „lernen", und von dort nach Breslau, wo er für kurze Zeit in die damals mit dem Jüdisch- Theologischen Seminar verbundene Lehrerabteilnng eintrat und zugleich auch Talmud-Vorträge beim Rabbiner G. Tiktin hörte. Im Jahre 1857 bestand er seine Religionslehrer-, dann die Volksschullehrer-Prüfung, für die er sich privatim vorbereitet hatte, am Königlichen Lehrerseminar zu Bunzlau. Am 1. Oktober 1857 nahm er seine erste Stelle als Religionslehrer und Kantor in Lüben (Schlesien) an, wo er bis 1863 verblieb. Von dort wurde er nach Neustadt (Oberschlefien) berufen und kam. am 1. April 1865 nach Osterode, wo er noch heute segensvoll wirkt. Im Jahre 1890 feierte er das Jubiläum ei ner sünfundzwanzigjährigen dortigen Wirksamkeit, und im Jahre 1905 unter großer Beteiligung der ostpreußischen Lehrerschaft sein vierzigjähriges Amtsjubiläum in Osterode. Ein inniges Verhältnis verbindet ihn mit den meisten Mitgliedern seiner Gemeinde, die fast alle seine Schüler waren. Dies zeigte sich besonders auch in den schweren Schicksalsstunden, die er dnrchzumachen hatte, als ihm vor dreieinhalb Jahren seine geliebte Gattin durch den Tod entrissen wurde.' Eine Schar wohlgeratener Kinder und Enkel Hilst ihm sein Alter verschönen und sein Leben glücklich gestalten. Möge er ihnen und uns noch lange erhalten bleiben! ff. Posen, 27. September. Der Neubau der Ritsche - Flatauschen Waisen - Erziehungsanstalt für Mädchen am Guthepark ist unter Dach gebracht und soll Anfang 1908 vollendet sein. Ein Mahnruf des Vorstandes an den bekannten Wohltätigkeitsstnn der Posener hier und auswärts hatte den Erfolg, daß die Mehrkosten des Neubaues gegenüber dem Verkaufserlöse mit dem alten Hause Mühlenstraße so ziemlich gedeckt sind. Die Direktion beabsichtigt in diesen licht- und lustreichen Räumen die Aufnahme einer größeren Anzahl von Zöglingen als bisher. Anmeldungen liegen zahlreich vor, können aber nur Erledigung finden, wenn Spenden und Jahresbeiträge reichlicher fließen,, und wird dringend darum gebeten. — Die Firma D. Scherek Wwe. hat anläßlich der Eröffnung ihres neuen Geschäftshauses 14 hiesigen Wohltätigkeitsanstalten ohne Unterschied der Konfession je 300 Mark gespendet. — Frau Johanna Iadesohn in Wreschen, Gattin des verstorbenen Rabbiners Jadesohn, wird am 9. Oktober d. I. 90 Jahre. Der Tag wird in der Familie und von der Gemeinde mit freudiger Teilnahme begangen werden. Die Jubilarin ist geistig und körperlich noch frisch und interessiert sich sür alles. Möge der Greisin der Lebensabend noch lange verschönt bleiben! 1. Oels, 29. September. Nach langen und schweren Leiden ist am 27. d. M. unser allgemein beliebter Rabbiner Dr.Salomon Chodowskh im 58. Lebensjahre verschieden. Derselbe hat seine Studien in Berlin und Breslau absolviert, promovierte mit einer Dissertation: „Kritik des Midrasch Schir Haschirim nach der Münchener Handschrift Nr. 50 orig. 8", war dann einige Jahre Landrabbiner in Aurich und kam vor etwa 25 Jahren hierher, wo er eine zweite Heimat gefunden und sich wegen seiner Herzeusgüte, Frömmigkeit und Bescheidenheit einen großen Wirkungskreis erworben und in diesem allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen hatte. Das Leichenbegängnis fand heute statt. Ehre dem Andenken des wackern Seelsorgers! Hannover, 20. September. In der vor kurzem stattgehabten Wahl eines Vertreters in die Stadtverwaltung für unseren neueingemeindeten Vorort Hannover-Wülfel wurde trotz einer starken Opposition der jüdische Kaufmann Gustav Neuberg zum Bürgervorsteher gewählt. Welcher Art die gegen die Kandidatur Neuberg gerichtete hetzerische Agitation war, geht aus folgendem Passus in de»n eine antisemitische Kandidatur empfehlenden Flugblatt hervor: „Können wir Neuberg wählen? Nein und abermals nein! Denn wir halten es für eine Schmach, daß ein Ort von 5000 Christen, indem nur zwei israelitische Familien wohnen, sein höchstes Ehrenamt an einen Israeliten der' gibt." Und das Resultat? Der Kaufmann Neuberg wurde mit 65 Stimmen gewählt, während ein zweiter Kandidat 56 und der antisemitische Hofbesitzer Scheilke — 16 Stimmen erhielt. v. Münden, 26. September. Charakteristisch für das friedliche Zusammenleben der Konfessionen hier am Orte ist die Tatsache, daß das „Mündener Tageblatt" in seiner Nummer vom 19. d. M. einen sehr synlpathischen Leitartikel seines christlichen Redakteurs „Am Versöhnungstage der Juden" gebracht hat, in dem derselbe die Eindrücke schildert, die er im Gotteshause der kleinen Gemeinde (ohne Orgel und Chor) am Vorabend des Versöhnungstages von dem weihevollen Gottesdienst und der Predigt des Herrn Lehrers Theodor Wert heim empfangen hatte. „Der begeisterte Artikel schließt mit dem Satze: „Als am Schlüsse die gläubige Gemeinde an ihre Brust schlug und Javeh um Versöhnung nnftehte, verließ sie das Gotteshaus. Auch ich ging hinaus mit dem Bewußt-

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