Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 40, Berlin, 4. Oktober 1907 Der Gemeindetzote. Drilsge zur „Allxemcinrn Leitung deK Judentums". korrelpondrn?rn und Aachrichtrn. Deutschland. s. Berlin, 29. September. Das statistische Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ist soeben unter dem neuen Titel: „Handbuch der jüdischen Gemeinde-Verwaltung 1907 " erschienen. Der neue Titel will aber nicht eine neue Richtung andeuten, sondern er kündigt vielmehr die Rückkehr des Buches zu seiner alten Form an. Gerade in dieser Form ist das Jahrbuch allen, die mit jüdischen Angelegenheiten zu tun haben, ein absolut unentbehrlicher Führer und Leiter gewesen und wird es sicher auch bleiben. Die Einrichtung ist eine sehr praktische. Das Buch enthält zunächst natürlich die Mitteilungen und Angaben über den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund. Dann folgt das Register der Vereinigungen, die sich über ganz Deutschland erstrecken. Ten Hauptteil, den wichtigsten natürlich, bildet das Verzeichnis der Gemeinden und Vereine im deutschen Reiche. Dieses Register enthält möglichst genaue Angaben über Statistik, Personalstand und Organisation der Gemeinden und Vereine. Es ist, soweit Stichproben ein Urteil gestatten, gut und zuverlässig angelegt. Einige Nachträge über lvichtige jüdische Anstalten und Vereine, statistische Tabellen, behördliche Entscheidungen und Verordnungen bilden den Abschluß des vortrefflichen Handbuchs, das trotz seines großen Umfangs für den sehr billigen Preis von zwei Mark zu haben ist und das sich jeder wird anschaffen müssen, der sich in irgend einer Weise mit den Angelegen" heiten der deutschen Judenheit zu befassen hat. Der Deutsch- Israelitische Gemeindebund verdient herzlichen Dank für die Mühewaltung, die dies Werk verursacht hat. 8. Berlin, 29. September. Das Reichen Heims che Waisenhaus der jüdischen Gemeinde versendet seinen Jahresbericht für die Zeit vom 1. April 1906 bis 31. März 1907. Erzogen wurden in der Anstalt 7O Zöglinge (39 Knaben und 31 Mädchen), entlassen wurden 16 Zöglinge (12 Knaben und 4 Mädchen), von denen sich 3 und 2 einem Handwerk widmeten, 2 zur Mutter zurückkehrten, während die übrigen einen kausmännischen Beruf wählten. Die Gesamtausgaben beliefen sich auf 57 475 Mark, die durch die Zinsen des eigenen Fonds und einen Gemeindezuschuß von 27 670 Mark aufgebracht wurden. Für je einen Zögling betrugen die Gesamtausgaben für das Jahr 804,32 Mark, die Tagesverpflegung stellte sich für den Kopf auf 61,7 Pfennig. Alle Zöglinge besuchten öffentliche Schulen, 13 Knaben und 4 Mädchen städtische höhere Schulen, ein Mädchen eine Privat-Töchterschule, 12 Knaben und 16 Mädchen die Knaben¬ oder die Mädchenschule der jüdischen Gemeinde, die übrigen städtische Gemeindeschulen. Außerdem erhalten die Zöglinge im Hause noch Unterricht im Gesang, Turnen und in der Handfertigkeit. Die ehemaligen Zöglinge haben einen Zusammenhang im Reichenheim- Verein. Die Anstalt steht unter der Verwaltung eines Kuratoriums, dessen Vorsitzender Sanitätsrat Dr. Julius Stern ist, und unter der Leitung des Direktors Dr. Siegmund Feist. 8. Berlin, 26. September. Ein Verband gesetzes treuer Jugendvereine soll begründet werden. Die Vorsitzenden der in verschiedenen Städten bestehenden jüdischen Jugeudvereine sind zusammengetreten und beabsichtigen Austausch der Erfahrungen und gemeinsame Arbeit, um dem jüdischen jungen Manne auch an neuen Stätten der Wirksamkeit Anschluß und freundliche Aufnahme zu sichern, damit er nach des Tages Arbeit mit gleichstrebenden Genossen das jüdische Lebensideal zu erfassen fähig werde und bleibe, anstatt auf falsche Bahnen gedrängt zu werden. Der bezügliche Aufruf ist unterschrieben von den Herren: Edmund Lewh, Vorsitzender des Montefiore-Vereins, Berlin, Isidor Isaak, Vorsitzender des Mekor llliafim-Vereins Hamburg, Markus Hirsch, Vorsitzender des Mekor (Ümstm-Vereins Frankfurt a. M., Hermann Goldschmidt, Vorsitzender des 1"ipherelh Baeburim-Vereins Frankfurt a. M., Gabriel Nathansen, Vorsitzender des Mekor ('.hasim-Vereins Leipzig, Elias Rzeszewski, Vorsitzender des Lescliaun Lirnmudim-33erem§ Posen, Benjamin Wolfs, Vorsitzender des Vereins Ghewras Bachurim, Nürnberg. s. Berlin, 29. September. Abermals wird eine jüdische Vergnügungsreise nach Palästina von dem Reisebureau „Tabor", F. A. Grabewski & Co., in Jerusalem veranstaltet. Die Reise beginnt am 15. Oktober 1907 ab Budapest. Das Neiseprogramm ist sehr reichhaltig und die Preise sind verhältnismäßig sehr niedrig bemessen. Der in drei Sprachen herausgegebene Prospekt des Reisebureaus „Tabor" enthält nähere Angaben über die Reise. In ihm sind auch Anerkennungsschreiben von Vereinen und Privatpersonen enthalten. Die Reiseroute ist sorgfältig gewählt und lautet: Budapest, Belgrad, Sofia, Adrianopel, oder Bukarest-Constanza-Konstantinopel, Dardanellen, Smyrna, Rhodos, Cypern, Beyrut, Libanon, Damaskus, Liberias, Kolonien, Haifa, Nablus, Jerusalem, Jericho, Hebron. Mizpah, Kolonien in Judäa, Port-Said, Kairo, Alexandrien, Athen, Budapest. Die Preise stellen sich wie folgt: für die erste Klasse 950 Kronen, für die zweite Klasse 790 Kronen und für die dritte Klasse 600 Kronen. In diesen Preisen sind die Kosten für die Fahrt, Hotels, Verpflegung, Ausflüge, Entree und sonstige Neisespesen mitinbegrifien. Anmeldungen wolle man an den Reisemarschall Herrn A. Grajewski, Budapest. Hotel Royal richten. 22 Berlin, 29. September. Antisemitische Blätter brachten in dieser Woche unter der Spitzmarke „Blutige Keilerei in der Synagoge" die nachfolgenden Mitteilungen: „Eine Schlägerei während des Gottesdienstes machte gestern in der Crenndierstraße polizeiliches Einschreiten erforderlich. Tortselbst befindet sich eine Bethalle einer kleinen jüdischen Privatgemeinde, die anläßlich des Laubhüttenfestes Gottesdienst abhält. Während desselben betrat gestern vormittag ein Mann den Betraum mit den Worten: „Ich will den Schlüssel haben." Der Unbekannte wurde hinausgedrängt. Während nun ein Teil der Gottesdienftbesucher annahm, daß der Fremde eine Störung der Zeremonien beabsichtigt hatte, waren andere der Ueberzeugung, daß der Mann geisteskrank sei. und diese Meinungsverschiedenheit gab angeblich die Veranlassung zu einer blutigen Schlägerei, die sich nunmehr aus dem Hofe des Grundstückes zwischen den mit Gebetmänteln versehenen Männern ab spielte. Auch Frauen mengten sich hinein, und bald wälzte sich ein großer Knäuel von prügelnden und schreienden Juden am Boden. Hausbewohner benachrichtigten die Revierwache in der Alten Schönhauser Straße von der ungewöhnlichen Szene, und es wurden drei Schutzleute entsandt, die durch energisches Eingreisen der Prügelszene ein Ende bereiteten. Der seltsame Vorfall, bei welchem verschiedene Personen blutende, wenn auch ungefährliche Verletzungen erlitten hatten, dürfte nach ein gerichtliches Nachspiel zur Folge haben." — Auch wenn diese bisher übrigens nicht dementierten Nachrichten übertrieben sein sollten, bleibt noch genug übrig, um einen Skandal und Chilul Haschern ohnegleichen zu begründen. Wann wird endlich einmal dem groben Unfug dieser improvisierten Betlokale, gegen deren marktschreierische Ankündigungen selbst nichtantisemitische Blätter schon Front gemacht haben, ein Ende bereitet werden? 22 Berlin, 2. Oktober. Wie weit die Frömmigkeit der „Kreuzzeitung" geht, das lehrt uns die folgende Notiz in ihrem lokalen Teile recht deutlich: „Die gestern abgelaufenen jüdischen Feiertage haben zwar einen allgemeinen Geschäftsschluß der jüdischen Firmen und damit eine sehr merkbare Veränderung im Bilde der Geschäftsstraßen gebracht, die Geschäftsruhe war jedoch keineswegs so streng, wie die geschlossenen Läden es hätten vermuten lassen. Stellenweise mußten die christlichen Angestellten sogar sehr stramm arbeiten, und der feiernde jüdische Chef stellte durch den Fernsprecher ihre Anwesenheit und Arbeit sest. Die jüdischen Angestellten hatten natürlich Urlaub. Streng wurde darauf geachtet, daß die Arbeit der Christen in jüdischen Geschäften nach außen nicht zu merken war." Eine nähere Bezeichnung für diese Notiz ersparen wir uns.