Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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sein, ein Stück Weltgeschichte von fast 6000 Zähren durchwandert zu haben." e. Aachen, 25. September. Einen schweren Verlust hat die hiesige Gemeinde durch den Tod des Kantors und Rendanten Herrn Moritz Weinberg erlitten. Seinem Berufe treu bis in den Tod, wurde er am Vorabend des Versöhnnngssestes bei Beginn des Gottesdienstes vom Herzschlage betroffen. Obwohl er sich schon den ganzen Tag über nicht wohl gefühlt hatte, wollte er doch an diesem höchsten Läge nicht fehlen. An seinem Betpulte stehend, wollte er eben mit dem Vortrag des Borchu beginnen, da stürzte er wie vom Blitze getroffen tot zu Boden. Zwei in der Synagoge anwesende Aerzte konnten nur den Tod konstatieren. Welch allgemeiner Beliebtheit und Wertschätzung sich Herr Weinberg erfrente, bewies die große Anzahl der Leidtragenden, die sich an dem Trauerznge beteiligten. Am Grabe schilderte Rabbiner Dr. Jaulus in ergreifender Rede die Verdienste, welche sich der Heimgegangene nicht nur als Mensch, sondern auch im Dienste der hiesigen Gemeinde während seiner mehr als 30jährigen Tätigkeit erworben habe. Ehre seinem Andenken! n. Würzbnrg, 25. September. Auf einer Geschäftsreise in Augsburg wurde Kommerzienrat und Magistratsrat Bernhard Hellmann von einem Schlagansall betroffen und blieb sofort tot. Der Verstorbene war seit langen Jahren Mitglied und zweiter Vorstand der unterfränkischen Handelskammer und erster Vorstand des Würzburger Handelsvereins und des fränkischen Weinhändler- Verbandes. In allen diesen Stellungen leistete er Hervorragendes; er war ein Kaufmann von hervorragend volkswirtschaftlichen Kenntnissen, scharfer Auffassungsgabe und energischer Interessenvertretung, namentlich in seiner Brauche, den: Weinhandel, sowie in der Steuergesetzgebung und in Fragen des kaufmännischen Unterrichts leistete er treffende und sachkundige Arbeiten. Nach der „Deutschen Weinzeitung" war Hellmann einer der berufensten Vertreter des deutschen Weinhandels; aus diesem Grunde wurde er auch als Vertreter in das deutsche Weinparlament berufen. Ferner war er wohl das hervorragendste Mitglied des Ausschusses der jüdischen Kultusgemeinde, außerdem gehörte er auch dem Ausschuß des Hilfsvereins der deutschen Juden an. Auch im Magistrat, in welchen ihn das Vertrauender Mitbürger ries, war er ein überaus fleißiges Mitglied, dessen scharfer Verstand und dessen unparteiische, selbstlose Haltung überall Anerkennung fand. Im öffentlichen Leben gehörte er der freisinnigen Partei an und war ein treues, opferbereites Mitglied des freisinnigen Vereins. Für Wohltätigkeits- und humane Zwecke hatte er stets eine offene Hand. Sein Andenken wird von allen, die ihm nahezutreten Gelegenheit hatten, in Ehren gewahrt werden. Die Beerdigung am Sonntag Vormittag gestaltete sich zu einer wahrhaft großartigenTrauerkundgebung ans allen Kreisen der Stadt. An der Bahre gab zunächst Distriktsrabbiner Bamberger etu Lebensbild des Entschlafenen, rühmte dessen hervorragende Charaktereigenschaften, seinen Scharfsinn und seine Wohltätigkeit, wodurch er sich ehrenden Namen in der Mitwelt und für die Zukunft errungen. Es sprachen serner unter Niederlegung von Kränzen Bürgermeister Ningelmann für die Stadtverwaltung, die in dem Verblichenen ein eifriges und hochangesehenes Magistratsmitglied verliert, ferner Fabrikant Heinrich Meyer für die israelitische Kultusverwaltnng, Kommerzienrat Hilcken sür die Handels- und Gewerbekammer. Dr. Kittel für den fränkischen Wein händlerverband, und Inspektor Schulhöser für die Frankenloge. Durch sämtliche Grabreden klang die tiefe Trauer der Beteiligten und die Ueberzeugnng, daß mit Hellmann ein Mitbürger verschied, dessen Stelle und Arbeitskraft nur schwer zu ersetzen sein wird. x Frankfurt a.M., 27. September. Im Saale des Evangelischen Vereinshauses begannen heute vormittag die Verhandlungen des zwölften Internationalen Kongresses für Sountagsfeier Heute wurde über die Ausdehnung der Sonntagsruhe auf die Handlungsgehilfen gesprochen. Im Laufe der Verhandlungen begrüßte Rabbiner Dr. Horovitz-Franksurt a. M. die Bestrebungen des Kongresses, bat aber um Unterstützung eines Gesuches der Rabbiner, welche verlangen, man möge ihnen am Sonntag zirka zwei Stunden Beschäftigungszeit für nur israelitische Angestellte gewähren, die bei verschlossener Tür etwaige Korrespondenz, die infolge des Sabbats sich anfhäuse, erledigen dürften. Ueber den Erfolg ^dieses Gesuches ist noch nichts bekannt. e. Karlsruhe, 2. Oktober. Die Trauer um unseren geliebten Großherzog ist im ganzen Lande eine allgemeine. Wir Juden Badens haben aber besonders viel verloren. Noch ist es nicht an der Zeit, all der Verdienste zu gedenken, die der edle Fürst sich um die badischen Juden in den letzten fünfzig Jahren erworben hat. Diese gehören der Geschichte an. Der Großherzogliche Oberrat der Israeliten hatte schon am 24. v. M. an Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin nachstehendes Telegramm gerichtet: „Die Gedanken der Israeliten des Landes weilen bekümmert bei Eurer Königlichen Hoheit am Krankenlager. In allen Synagogen wird für den teuren Kranken gebetet. Gott verlängere Seine Tage." Am selben Nachmittag traf hierauf folgende Antwort von der Mainau ein: „Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin lassen für die im Namen der Israeliten des Landes ausgesprochene treue Teilnah ine herzlich danken. Im höchsten Auftrag: v. Babo." — Nun hat der Oberrat natürlich die Veranstaltung besonderer Trauer-Gottesdienste angeordnet. Mit der Erinnerung an das Leben des Verstorbenen verbindet sich aber zuversichtlich die Hoffnung auf das Wirken des neuen Großherzogs von Baden, der sicher dem erhabenen Vorbilde seines erlauchten Vaters solgen und Humanität und Toleranz aus seine Fahne schreiben wird. L. Kaiserslautern, 19. September. In der bekannten Angelegenheit der — von der Kreis- und Staatsregierung abgelehnten — Anstellung eines i sraelitischen Religionslehrers hier hat die hiesige israelitische Knltusgemeinde nunmehr den Antrag gestellt: „Die Anstellung eines israelitischen Religionslehrers mit der Qualifikation und den Rechten eines Volksschnllehrers, dem in erster Linie der israelitische Religionsunterricht in der bisherigen Weise als Obliegenheit zufüllt, der außerdem bis zur wöchentlichen Pflichtstnndenzahl an den Volksschulen mit Ausnahme des christlich eil Religionsunterrichts vertretungsweise mitverwendet werden darf, zu erbitten. Der hiesige Stadtrat beschloß heute diesen Antrag zu unterstützen. x Künzelsan (Württemberg), 22. September. Ein Freudenfest seltener Art konnte die hiesige israelitische Gemeinde begehen durch die Einweihung ihrer neu erbauten Synagoge. An der Feier nahm die ganze Stadt regen Anteil, was durch die Beflaggung der Straßen, sowie durch die von Stadtschultheiß Roder bei der Uebergabe der Synagoge gesprochenen Worte zum Ausdruck kam. Unter Böllerschüssen und mit Musikbegleitung bewegte sich ein stattlicher Zug von dem bisherigen Mieilokal zum neuen Gotteshaus, wo nach einem von Fr. Neumann gesprochenen Prolog an Stelle des durch Krankheit verhinderten Oberamts baumeisters Bauführer Böhlein den Schlüssel an Vorsänger Lehrer Wißmann übergab, der dem Dank und der Freude der israelitischen Gemeinde Ausdruck verlieh. Nun betrat die Versammlung die festlich beleuchteten Räume, lvo die eigentliche Weihe vor sich ging: Chorgesang, dirigiert vom Seminar- Unterlehrer Pacius, Eingangsgebet und Festpredigt von Bezirksrabbiner Dr. Berlinger. Kirchenrat Dr. Kroner überreichte die Wünsche der Oberkirchenbehörde. Im Rappensaal fand ein gutbesuchtes Festbankett statt. Als Redner ließen sich Horen: Lehrer Wißmann, Dr. Berlinger und Dr. Kroner. Gesterreich-Ansarn. A Wien, 29. September. Die Wahlreform, die dem niederösterreichischen Landtag soeben von der christlich-sozialen Partei mit Zustimmung der Regierung aufoktroyiert wird, ist ein Meisterstück der Perfidie. Die Herrschaft dieser Partei wird dadurch sür alle Zeit befestigt — soweit menschliche Voraussicht reicht — und Wien wird zugunsten der Bauerngemeinden des Kronlandes herabgedrückt. Und das nennt man bei uns Wahlreform! Währen unsere Liberalen nicht gar so jämmerlich und schwächlich so wäre vielleicht gerade hier das Gebot zu einer wirksamen Agitation gegen die herrschende Partei anzusetzen gewesen. So geht alles seinen Gang nach dem Wunsch Luegers und nach dem Willen Gaßmanns — und auf der anderen Seite rührt sich keine Hand und öffnet sich kein Mund mehr znm Widerspruch. Wo soll das enden? — Nunmehr ist auch hier eine Zentralstelle für das jüdische Armen wesen geschaffen worden, wie sie bei Ihnen schon lange besteht. Der Kultusvorstand hat seine werktätige Fövderung dieses gemeinnützigen Unternehmens bereits bekundet, indem er der Zentralstelle nebst der Beistellnng der Bureau-