Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Draußen aber ging ein schauriger Gast itm — der Haß, der noch kälter war wie der Frost. Und er ließ alle Wärme und alle Liebe in den Herzen der Menschen erstarren. Unhörbar nnd unsichtbar verrichtete er sein Werk über Nacht. In die Träume hinein sandte er Bilder von Mord und Tod, und wo er ein freundliches Lächeln im Gesichte eines Schlafenden sah, da schlich er hinzu, und bald war es verwandelt in Gier und Wut. Als die Menschen am Morgen erwachten, war über Nacht die giftige Saat, die schon lange gesät war, voll zur Reife gekommen. Das Werk des Hasses war vollendet. Aufruhr und Geschrei entstand überall. Ueberall war der Mord und die Roheit in den Straßen zu Hause und Nachrichten schrecklicher Geschehnisse gingen mit Windeseile weiter nnd erhitzten die Gemüter immer mehr zu gleichem Tun. Der junge Arzt sah wohl, daß Schreckliches um ihn her geschah, aber noch immer war er wie blind in seinem Glücke. Und was konnte ihm denn auch geschehen? dachte er. Hatte er nicht allen Gutes getan? Wie konnten die Menschen wirklich schlecht sein, da cs noch möglich war, daß es soviel Seligkeit auf Erden gab? Und er ging heim in sein Haus zu seinem jungen Weibe. Sie schlossen die Türen und waren ganz still und dachten, daß alles am ersten an ihnen vorübergehen würde. Aber in der Nacht wuchs draußen das wüste Geschrei nnd kam auch ihrem Hause immer näher. Aus dem tiefen Schlafe der Arglosigkeit wurden sie erweckt durch gellende, wuterfüllte Stimmen vor ihren Fenstern. Als sie erschreckt auffnhren, hörten sie, wie sie unten schrien: „Macht auf, wir wollen hinein! Uns habt Ihr nicht zur Hochzeit geladen, aber wir sind trotzdem gekommen, um sie noch einmal mit Euch zu feiern. Ihr habt Eure Freude mit uns gehabt, als Ihr Tod und Krankheit über uns brachtet, jetzt wollen wir uns über Euch freuen! Kein Geld habt Ihr genommen, Ihr wußtet wohl warum, jetzt sollt Ihr Eure Bezahlung reichlich bekommen!" Und andere riefen immer wieder dazwischen: „Brecht die Tür ein — sucht sie, schlagt sie tot!" Der junge Arzt blickte hinab auf die Menge unten, aus alle diese Menschen, zu denen er nur mit Liebe gekommen war, die er gepflegt hatte in schlaflosen Nächten, von deren Lager er den Tod Vertrieben hatte. Und als er sie so sah, brüllend, tierischer als Tiere in ihrer Wut, da wußte er, bei ihnen gab es kein Erbarmen. Und er wandte sich zu seinem jungen Weibe, das blaß und stumm ans das Toben draußen lauschte, und sprach: „Wir gehören nicht zu denen, die leben dürfen, um glücklich zu sein — wir beide. Wir durften nur für andere da sein. Einmal in unserem Leben haben wir das vergessen, und die Strafe ist nun gekommen. Sie ist schwer — es ist der Tod!" „Wir können ihn aber uns leichter machen, das dürfen wir . . . Nicht die Schrecklichen dort unten sollen ihn uns bringen. Hast Du Mut, mein Weib?" Sie zitterte und wurde weißer wie die Tücher ihres Lagers. Aber sie dachte daran, daß sie dem gleichen Volke entstammte, wie Judith und die Tochter Jephtas. Und sie richtete sich auf und breitete die Arme gegen ihn zu einer letzten Umarmung. Als unten die Tür krachend zersplitterte und die brüllende Menge die Treppe hinaufstürzte, fiel oben ein Schuß und dann noch einer . . . Literarische Mitteilungen. - — Professor Dr. A. Biach: Moses Maimonides und Moses Mendelssohn in ihrer Bedeutung für die Zukunft des Judentums. Brüx 1906. Julius Ars. Vor uns liegt die vierte Auflage dieses in Prag anläßlich des Maimonides-Jubilüums gehaltenen Vortrages. Eines weiteren Wortes zur Empfehlung bedarf es wohl nicht. Wern: eine Schrift der jüdischen Literatur ohne die Blechmusik und ben Paukenschall der Reklame binnen Jahresfrist die vierte Auflage erlebt, so hat sie den Beweis ihrer Trefflichkeit selbst erbracht. Und wodurch sie diesen Erfolg erzielte? Nun — es ist keine Biographie, kein Zahlen- und Namenmaterial, was der Verfasser uns bietet — das setzt er voraus — sondern der Nachweis wird geführt, daß die Auffassung des Judentums, wie sie in den Schriften der beiden Denker uns entgegentritt, an moderne Ideen mächtig anllingt und deshalb berufen ist, auch für die Zukunft des Judentums und der allgemeinen religiösen Entwicklung eine bedeutsame Nolle zu spielen. An einigen treffenden Beispielen wird dieser Nachweis geführt. Maimonides kennt keine Herabsetzung des menschlichen Denkens im Interesse des Glaubens, ebenso wie auch Mendelssohn das Vorhandensein von Glaubensfesseln in der Thora leugnet, die immer Erkennen und Tun, aber niemals blinden Glauben verlangt. Daher erkennen auch beide die Verbindlichkeit von Dogmen nicht an, die die Hochschätzung der Wissenschaft beeinträchtigen könnten; sie messen den Wundererzählungen nur geringen Wert bei: diese können niemals dazu beitragen, eine erkannte Wahrheit umzustoßen und zu beseitigen. Auch Feinde des Aberglaubens sind beide: insbesondere verwerfen sie jede Art von Astrologie, wofür zum Beispiel Maimonides von einem so bedeutenden Kirchenlehrer wie Thomas von Aquino heftig bekämpft wird. Sie bestreiten das Vorhandensein von Geistern nnd Dämonen, erklären die in dieser Richtung sich bewegenden Erzählungen des Talmud in rationalistischer Weise und können in dieser Beziehung gar manchem Gebildeten unserer Zeit zum Muster hingestellt werden. Endlich weist Verfasser auf die ethische Bewertung und Begründung des Zeremonialgesetzes hin, die bei den beiden Denkern uns entgegentritt — das nicht im geringsten die Denkfreiheit beinträchtigt, aber für den Zusammenhalt und die Erhaltung des jüdischen Stammes von außerordentlicher Bedeutung sei. Es ist im Nahmen eines Vortrags natürlich nicht möglich, alle diese Gedanken ausführlich darzustellen; sie können nur in knappen Umrissen geboten werden. Aber das Interesse, das schon diese kurze Abhandlung gefunden hat, wird den Verfasser, der ja wie wenige zugleich mit dem jüdisch-literarischen und allgemein-philosophischen Rüstzeug versehen ist. hoffentlich dazu veranlassen, in einer ausführlichen Darstellung den Gedaukeninhalt der Werke Maimunis für unsere Zeit nutzbar zu machen. . 8. Fr. ->#<- Sprechlasl. Sehr geehrter Herr Redakteur! in Besucher der in Nummer 39 der Zeitung des Judentums erwähnten Versammlung der Missionsgesellschaft hat mir seine Entrüstung über diese Veranstaltung ausgesprochen. Es wurden dort unrichtige Angaben über das Judentum gemacht, auch der Versöhnungstag wurde in falschem Lichte dargestellt. Nach Ansicht des Herrn, der mir die Versammlung schilderte, waren sehr viele jüngere jüdische Leute zugegen, die den Rednern zujubelten. Finden sie doch dort Scheinargumente und Schlagworte, um die ihnen willkommene Taufe gewissermaßen als begründet und logisch notwendig darzustellen und an zu nehmen. Sollte gegen solche Veranstaltungen nicht vorgegangen werden können? Etwa durch andere Versammlungen oder indem tatsächlich bewanderte Redner in solche Versammlungen geschickt werden? Hochachtungsvoll Berlin, 27. September. Dr. M. G. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion; Max Bauchwitz in Berlin.