Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 eng zusammen wie sonst nie. Die Leichen wurden ordentlich beerdigt, die Kranken liebevoll und mit Geduld gepflegt, und mit Gebeten voll Inbrunst drängte das Volk tagtäglich in die Kirchen. Das ganze Land war voller Glockenklang; fast den ganzen Tag hindurch riefen die Glocken überall aus ihren schwingenden Schlünden flehend zum Himmel empor. Fasten wurden anbefohlen, und vor den Heiligenbildern brannten so viele Wachskerzen wie nie zuvor. Aber als alles nichts half und die Krankheit nur immer schlimmer wurde, wuchs das Entsetzen und steigerte sich bis zu Grimm und Wut gegen den Himmel, der so ganz ohne Erbarmen war. Und keiner mochte sich mehr um den andern kümmern, weder um Gesunde, noch um Kranke. Jeder Handel stockte! wer nicht hinaus mußte, verschloß sich in seinem Hause; denn draußen wütete der Schrecken, und die Luft war voll Verwesungsgeruch. Und in den Häusern drinnen saßen Völlerei und Unzucht, ließen sichs Wohlsein und sprachen: „Lasset es euch heute noch gut gehen, esset und trinket noch, was ihr habt und freuet euch; denn morgen müßt ihr vielleicht schon sterben!" Und in all dieser Not, all diesen Greueln ging der junge Arzt geduldig seinen opferwilligen Pfad. Er sah wohl, daß er allein nicht viel ausrichten konnte und bat deshalb wiederholt um Hilfe bei der Obrigkeit. Aber es war viel zu tun im Lande, wer konnte da an die kleine Stadt und die geringen Leute, die in und neben ihr lebten, denken. Endlich wurde wenigstens versprochen, noch einen zweiten Arzt zu senden. Aber auch das dauerte eine ganze Weile, und als diese Hilfe endlich kam, da war es ein Weib. Der junge Arzt nahm überrascht und anfangs fast unwillig den neuen Mithelfer in Empfang. „Sie ist doch noch so jung und so zart," dachte er, als sie ihm entgegentrat, „wie wird sie das alles hier ertragen?" Aber als sie sich die Hände gereicht und sich lächelnd und freudig als Kinder eines Stammes erkannt hatten, und als er sah, daß in ihren dunklen Augen die gleiche Begeisterungsflamme glühte, wie in den seinen, daß sie die gleiche stille Ruhe im Dulden zeigte wie er, da fürchtete er nicht mehr für sie. Und Licht und Freudigkeit schien mit dem jungen Weibe gekommen zu sein. Er hatte das, was er für seine Pflicht hielt, bis jetzt getan, ohne sich von der Schwere Niederdrücken zu lassen und ohne zu seufzen, aber auch ohne jede Freudigkeit. Grau waren ihm die Tage seiner Arbeit erschienen, und er glaubte, das' müsse so sein; denn die Pflicht war eine strenge und ernste Herrin und nur strenge und ernste Menschen konnten ihre Gebote erfüllen. Aber jetzt sah er, daß auch in der Pflicht Freudigkeit sein kann, nicht nur die Freudigkeit des Gehorsambewußtseins, nein, die Freudigkeit einer Seele, die über all diesem Ernsten und Traurigen, weit davon entfernt, ein verborgenes, seliges Leben sich selbst schafft, ein Leben, in dem immer Sonne ist. Und aus diesem Sonnenleben Strahlen hinabsendet in alles Dunkel, um es licht und warm zu machen. So war es, seit das junge Weib an seiner Seite arbeitete, und auch das Schrecklichste schien ihm verklärt durch ihre Nähe. Und als hätten auch mit ihrer Ankunft alle Mittel erst die rechte Kraft erhalten, fing die Krankheit bald darauf an, langsam zu erlöschen. Das Volk atmete auf und wollte wieder ans Leben zu denken wagen. Aber der abziehenden Krankheit folgte ein nicht minder schrecklicher Feind alles Lebendigen: Die Hungersnot. Wer hatte wohl daran denken mögen, zu arbeiten, und das Feld zu bestellen in jener Zeit, wo jeder nur für daS Heute lebte, weil ihn schon der andere Tag vielleicht nicht mehr fand? Die Krankheit war wohl sortgezogen, aber sie war noch nicht erloschen. Sie war nur weiter gegangen. Und diejenigen, die man um Hilfe in der Not des Hungers anrief, die weiter im Lande wohnten, antworteten: „Wir haben jetzt genug zu tun mit unserem eigenen Unglück. Sucht ihr euch Hilfe, wo ihr sie findet, das Reich ist groß. Wir können nicht an andere denken." Und eine dumpfe Ergebung kam über das Volk. Lastend lag sie auf den Herzen. Jetzt wollte niemand mehr Schlemmerfeste feiern, stumpf und gleichgültig lebte jeder dahin, aber tief drinnen, tief in den Seelen lebte eine unterdrückte Wut, ein Haß gegen alles andere, was auch lebte und damit die Not hatte wachsen machen, und dieser Haß wartete nur darauf, hervorzubrechen. Und fern her aus dem Reiche kamen Nachrichten, erregend und aufstachelnd. An vielen Orten hatten diejenigen, die hungerten, sich gewaltsam das genommen, was sie wollten, von denen die mehr hatten und ihre Schätze hüten wollten. Und das Volk hörte gern und gierig darauf. Und noch andere Gerüchte kamen, dumpf und schauerlich in die Ohren klingend: Wir sind ihnen zu viele da, wir. das Volk, ihnen, den Herren. Sie fürchten sich vor uns. Deshalb war diese Krankheit gemacht und über uns geschickt, damit wir sterben und weniger werden. Die Aerzte sind von den Großen nur deshalb zu uns geschickt, um durch ihre Arzneien die schreckliche Krankheit immer mehr zu verbreiten. Darum hütet euch vor den Aerzten! Am schlimmsten sind aber sie, die sich an uns rächen wollen, und die immer mächtiger und reicher werden, je mehr von den andern sterben: Die Juden! Darum tötet die Aerzte und die Juden, damit ihr nicht von ihnen getötet werdet! Auch zu dem jungen Arzte drangen solche Worte, aber sie gingen an ihm vorüber, ohne daß er viel darauf hörte. Als die Seuche langsam erlosch, war über ihn ganz allmählich eine Zeit der immer größer werdenden Müdigkeit und eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Glück gekommen.. Er hatte niemals früher daran gedacht, daß eS für ihn etwas geben dürfe, das besser war, als die anderen es hatten, aber jetzt glaubte er es verdient zu haben. Und war ihm nicht diejenige ohne sein Zutun geschickt worden, die ihm alles geben konnte, was seiner Seele Sehnsucht war? Er wurde lässiger in seinen Pflichten, süße Träume wollten ihn einwiegen und zum erstenmal in seinem Leben wandte er sich unwillig von den andern und dachte, daß er doch auch ein Recht habe, für sich zu leben. In seinen Träumen und seinen neuen Gedanken achtete er gar nicht auf das, was um ihn her vorging. Und als er aus ihrem Munde die Gewißheit erhielt, daß die sehnenden Träume sich erfüllen sollten, sah er erst recht nichts anderes in der seligen Zeit, die nun folgte. Ganz kurz war die Brautzeit — worauf sollte gewartet werden? Und der Tag kam bald, der ihm Erfüllung alles Sehnens brachte. Winter war im Lande, reichlich war der Schnee gefallen, aber in dem Hause des jungen Arztes war der Frühling.