Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-04 · Heft 40 (4.10.1907) · p. Seite 478

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228785--63868-3297803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

478 jährigen schmerzhaften Herzleiden. Seine Gebeine wurden 1868 im befreiten Venedig'feierlich beigesetzt und am 22. März 1875. fein schönes Standbild daselbst enthüllt, nachdem ihm bereits 1861 ein solches in Turin errichtet worden war. Auch auf dem Monte Pincio in Rom befindet sich sein Denkmal. Sein Freund, der berühmte Maler Ary Schaffer, hat ein treffliches Porträt Manins hinterlasfen. Zum Schluß mag hier aus einem Artikel voll ihm vom 25. Mai 1856 ein sinniges, aus jüdischem Geiste hervorgegangenes Wort über die Religion mitgeteilt werden: „Die lebendige und wahre Kraft aller und jeder Religion beruht auf der unbestrittenen Reinheit ihrer Moral. Diese Reinheit in der Theorie wie in der Praxis, die aufopfernde feurige Liebe für unser Vaterland, ist auch Religion und sie müßte ihre Autorität verlieren, sobald sie in der Theorie oder durch die Tat sich vom sittlichen Gefühl entfernen würde. llusere Hände müssen rein bleiben, wir dürfen nur zu ehrlichen Waffen greifen, wie sie sich für Tapfere schicken." Der Dr?t. Don Ludmilla v. Rehren. ßf~v war einer von denen, die mit ihrer ganzen Seele dem Berufe dienen wollen, den sie sich erwählt haben. Und immer war das große, selbstvergessende Mitleid in ihm gelvesen. Schon als Kind war es in brennendheißen Wogen in ihm aufgestiegen; wenn er Krankheit, Elend, Tod sah, war diese Mitleidswelle gewaltig über ihn hinweggeflntet und hatte ihm bittere Tränen ratlosen Wehgefühls in die Kinderangen getrieben. Und zitternd fühlte er in sich die treibende Sehnsucht derer, die in die Welt geschickt sind, damit die Hoffnung nicht ganz in leidenden Herzen sterbe. Schon sehr früh lernte er auch selbst das Leid kennen. Nicht jenes Kinderlveh, das unter leichten Tränen vergessen wird, sondern die tief schneidenden Schmerzen, die bitterheißen Tränen, die der Spott, die Grausamkeit, die unverdiente Verachtung Hervorrufen. Er begriff nicht, weshalb andere Kinder ihn so oft verhöhnten, weshalb sie zusammenhielten, um sich gegen ihn zn wenden und ihn zu mißhandeln. Weinend flüchtete er zur Mutter, die ihn selbst mit Tränen tröstete. Sie sagte ihm auch, weshalb die andern schlecht zu ihm waren, aber er wollte es lange nicht begreifen. Mit großen, erschrockenen unschuldigen Kinderaugen blickte er voll i Ratlosigkeit in diese lieblose Welt. Er fühlte doch, daß er in sich Liebe zu allen trug, >veshalb erwiderteil sie diese Liebe nur mit Haß? Erst ganz allmählich verstand er, daß sie ihn für schlechter, viel schlechter hielten, als sie alle waren, nicht weil er etwas Besonderes getan hatte, das diese Meinung rechtfertigte, sondern nur, weil er zu jenem Volke gehörte, das alle Völker in einer sonderbaren, unerklärlichen Einmütigkeit als m jeder Hinsicht unter ihnen allen stehend ansahen. Jenes Bolk, das jahrhundertelang Leiden ertragen lvie kein anderes, das aber trotz aller Verfolgung, aller Grausamkeit der anderen, schweigend, wenn auch mit verbissenem Ingrimm im Herze», sich hindurch zwang durch diese feindlichen anderen, um sich auch einen Platz zu erkämpfen an der Tafel des Lebens. Er nahm es hin, daß er leiden mußte nur seiner Väter willen. Zwar gab es auch in seinem Leben eine Zeit, wo der Zorn groß und stark wurde in ihm, aber auch das große Mitleid war wach und stark geworden und besiegte den Zorn wieder. Und das Mitleid wuchs immer mehr und drängte zum Tun. Er wollte versuchen, einer der Mittler zu werden zwischen jenen und diesen, die ewig in Feindschaft und ohne Verständnis sich gegenüber stehen. Er wollte ihnen zeigen, daß es auch hier eine Brücke geben konnte, die von Herz zu Herz führte und die so fest war, daß keine der häßlichen Gewalten dieser Welt sie zertrümmern konnte. — Und er lvurde ein Arzt und glaubte damit das Rechte gefunden zu haben. In einer der großen russischen Städte, in der so oft höchste Zivilisation und niederste Barbarei dicht nebeneinander wohnen, war er geboren und hatte seine Jugendjahre verbracht, und vielleicht hätte er nirgends sonst in der Welt so viel gesehen, was seinen glaubensstarken Mut und sein Wollen so groß hätte werden lassen können. An irdischen Gütern hatte es ihm nie gefehlt; erkonnte in jeder Hinsicht ganz nach freier Wahl handeln, und wenn er wollte, so konnte er in der großen Stadt bleiben, die so vieles bot, nicht nur dem, der nach Freude und Genuß suchte, sondern auch dem, der sich betätigen wollte. Aber ihm war, als wäre das nicht das Rechte für ihn, und er zog fort, ganz weit hinauf nach dem Norden des Reiches, wo ein armes und unwissendes Volk lebte. In der großen Stadt gab es noch so viele andere Helfer, aber hierher wollte niemand kommen, hierher, wo Einsamkeit und Armut herrschten. Es war eine kleine, enge und schmutzige Stadt, in der er jetzt lebte; nichts von Freude und Glück war hier zu finden. Rauh und kalt war das Land, rauh und kalt die Sitten. Ein unfreundliches, geldgieriges Krämervolk wohnte in den Häusern, sie lebten hier nur, weil von allen Seiten die Bauern kamen, um die Felle kostbarer Tiere, die sie in den weiten und tiefen Wäldern ringsum fingen, zu verkaufen. Und unter diesem Volke, diesen Bauern und Krämern, versuchte der junge Arzt jetzt zu wirken. Sie dauerten ihn in ihrer Niedrigkeit, ihrer grenzenlosen Unwissenheit. Und er ging von Haus zu Haus, fuhr von Dorf zu Dorf und lehrte sie, heilte ihre Krankheiten und sagte ihnen, wie sie sich verhalten sollten, um gesund zu bleiben. Einige nahmen ihn gern auf und waren dankbar, andere wieder betrachteten ihn mit Mißtrauen; denn er wollte niemals etwas voic den Armen nehmen und diente ihnen umsonst. Das verstanden sie aber gerade nicht. Eine längere Zeit verging; sein Ansehen mehrte sich und das Zutrauen zu ihm wuchs. Da kam eine große und schreckliche Zeit der Plage über Volk und Land. Aus dem fernen Osten, wo grausam der Krieg gewütet hatte, waren viele heimgekommen, so siech und elend, daß die Ihrigen, die sie frisch und gesund hatten wegziehen sehen, sie nicht wieder erkennen wollten. Und viele von ihnen waren nur heimgekommen, um sich niederzulegen und zu sterben. Mit ihnen war aber auch eine furchtbare Krankheit gekommen, eine von den Schrecknissen, welche hinter dem grausamen und erbarmungslosen Fürsten Krieg herziehen, nicht so gewaltig und machtvoll wie er einherstürmend, aber vielleicht nicht weniger grausam und erbarmungslos in ihrer schleichenden, ungreisbaren Unheimlichkeit. Ganz langsam nur sing es an, hier starb der eine, dort der andere. Aber es währte nicht lange und die Kraukheit griff voll gewaltiger Gier um sich, und von Tag zu Tag steigerte sich das Entsetzen der noch Ueberlebcnden. Anfangs wirkte die Not nur bessernd. Die Menschen schlossen sich so

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.