Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
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477 gefolgt von etwa 200 schtechtbewaffneten Bürgergarden, die sich ihin unterwegs anschlossen. Im Arsenal schüchterte er den österreichischen Admiral Martini so ein, daß er von ihm den Schlüssel zum großen Waffensaal erhielt, und sein Auftreten wirkte so imponierend, daß die italienischen Seesoldaten und Arsenalarbeiter sich ihm anschlosien und ein zum Ersatz heranziehendes Bataillon statt auf die Rebellen, auf seinen Kommandanten schoß. Schon nach wenigen Stunden war das Arsenal in den Händen Manins und der Venezianer. Die österreichische Besatzung mußte kapitulieren. Die italienischen Soldateil, die Kriegsschiffe, das Kriegsmaterial, die vollen öffentlichen Kassen bliebe;; als Erbteil der wiedergewonnenen Republik, die Manin am Markusplatze feierlich proklamierte. Ungeheuer war die Begeisterung der Bevölkerung, als der Sieger, die dreifarbige Fahne in der Rechten, das Ende der österreichischen Fremdherrschaft und die Wiedereinsetzung der republikanischen Staatsverfassung in Venedig verkündigte. Hierauf begleitete ihn das Volk wie einen Vater in seine bescheidene Wohnung, wo seine Gattin, erregt durch die außerordentlichen Vorgänge der letzten fünf Tage, ihm ohnmächtig in die Arme sank. „Morgens als Sklave aufstehen," so schrieb sie bald darauf an eine Freundin, „und abends als Freie sich niederlegen, ein solcher Tag kehrt im Raum eines Menschenlebens nicht wieder." Tags darauf wurde Daniele Manin von dem dankbaren Volke zum Ministerpräsidenten und Minister des Aeußeren ernannt. In diesen seinen Stellungen war er mit rastlosem Eifer bemüht, dem wiedergeborenen Freistaat frische Kräfte zuzuführen und sein Gemeinwesen blühend zu machen. Mit bewunderungswürdiger Tätigkeit entfesselte er die sittlichen, volkswirtschaftlichen und moralischen Kräfte der Repllblik, damit der junge Staatshaushalt eine festere Gestalt annehme, das Gerichtsverfahren ein vernünftiges und gesundes sei und Italien nicht isoliert dastehe. Für das Selbstbestimmungsrecht seiner Heimat suchte er vor allem die Zustimmung und Unterstützung der französischen Republik zu erlangen. In der Zauberstadt der Lagunen führte er, feind allem Theatralischen, die republikanische Regierung mit größter Einfachheit, Nüchternheit, strenger Gerechtigkeit und seltenem Ordnungssinn ein. Nur ganz kurze Zeit, bis zum 3. Juli, stand Daniele Manin als Ministerpräsident und Minister des Auswärtigen an der Spitze der republikanischen Regierung, aber schon diese wenigen Monate genügten, um den schöpferischen Reformator und Herkules der Verwaltung kennen zu lerne». Nachdem sich das Festland für die Fusion Venedigs mit Piemont entschieden hatte, mußte auch die Republik diese Wahl treffen, sollte sie nicht isoliert bleiben. Doch zog Manin der allgemeinen Volksabstimmung die Entscheidung durch eine zu diesem Zweck gewählte Abgeordnetenversammlung vor, und als am 3. Juli im großen Ratssaale des Dogenpalastes der Anschluß an Piemont beschlossen wurde, trat er von seinen Aemtern zurück. In jener großartigen Ratsversammlung gab er von seiner Selbstlosigkeit und seinem reinen Patriotismus aufs neue wahrhaft erhebende s Proben. Er forderte die Anwesenden in einer kurzen, aber beredten Ansprache auf, lieber der Not und nicht dem eigenen Triebe zu gehorchen, das heißt ihre Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer republikanischen Staatsverfassung zu opfern, denn es gelte jetzt, das Vaterland zu retten und keine Zersplitterung aufkommen zu lassen. .In der Tat zog er sich nunmehr ins Privatleben zurück, aufs heftigste von einem Herzleiden ergriffen, das in der Aufregung der letzten Tage ihm unendliche Qualen bereitete m;b später auch die Ursache seines frühen Todes wurde. In jener entscheidenden Ratssitzung gab er zugleich Beweise feines einfachen, bescheidenen Sinnes und seiner selbstlosen Denkungsart. Als der Antrag gestellt wurde, die Versammlung solle erklären, Manin habe sich um das Vaterland hochverdient gemacht, wünschte er keine Anerkennung für sich, denn so lange noch der Feind in Italien sei, dürfe nicht von den Verdiensten eines einzelnen gesprochen werden. Seine Person habe nichts zu bedeuten, das Volk sei alles. Aber nicht lange, nur bis zum II. August, lvährte diese Untätigkeit des großen Venezianers. Der Sieg Radetzkys in der Schlacht von Custozza und der Einzug des österreichischen Generals in Mailand machten der Herrschaft des Königs Karl Albert von Sardinien in Oberitalien ein Ende, so das; er auf Venedig förmlich abdankte. In der höchsten Not wurde darauf Manin am 11. August von dem Volke zum Diktator von Venedig erwählt. Die Lagunenstadt sah in ihm den einzigen Mann, der das von dem Sturm wild hin und her bewegte Staatsschiff wieder in den sicheren Hafen der Ruhe geleiten konnte. Die in den nächster; Tagen wiedereröffnete Abgeordnetenversannnlung bestätigte diese Wahl des Volkes, indem sie ihm feierlich und offiziell die Diktatur übertrug. Gewaltig waren die Anstrengungen, die Manin machte, um den Oesterreichern Widerstand entgegenzrrsetzen. Er nahm zu heroischen Mitteln seine Zuflucht. Aber er verlegte sich nicht allein auf die Defensive Venedigs, sondern schritt auf die Nachricht, daß in Wien die Revolution ausgebrochen sei und in Ungarn ebenfalls Revolution herrsche, zum Angriff über. Nach dem Siege bei Novara am 23. März 1849 war die ganze österreichische Armee in Italien frei gegen Venedig. Die bisherige Zernierung verwandelte sich jetzt in eine regelrechte Belagerung. General Radetzky, der Oberbefehlshaber der österreichischen Streitkräfte, forderte die Venezianer zur Uebergabe auf, ihnen mildernde Bedingnrigen versprechend, aber Manin lehnte entschieden ab. Und nun begann die heldenmütige, aber trotzdem unglückliche Belagerung Venedigs, deren einzelne Phaser; hier nicht geschildert werden können. Die Kapitulation erfolgte nach 17 Monaten der Freiheit und Unabhängigkeit und nach fünfmonatlichem tapferen Widerstand am 24. August 1849. Mit Venedig war nun das letzte Bollwerk der italienischen Unabhängigkeit gefallen, aber der Ruhm, gegen einen übermächtigen Feind glorreich gekämpft und alles getan zu haberr, um das Wohl seines Vaterlandes zu fördern, wird Manin unvergessen bleiben. Die Eroberer verbannten Manin aus seiner Heimat, und dieser begab sich nach Frankreich, wo er ein Asyl fand. Dort bezog er, da er arm war, eine sehr bescheidene düstere Wohnung mit seiner schwer leidenden Tochter und seinem einzigen Sohn. Da er die Hilfe seiner zahlreichen Freunde nicht annehmen wollte, sah er sich genötigt, als Sprachlehrer und Journalist sein Brot zu verdienen. Von Paris ans mahnte er seine Landsleute zur Mäßigung und zur» Anschluß a» Sardinien, von den; er allein die Einigung Italiens erhoffte. Nie verzweifelte er an der Zukunft Italiens. Prophetisch hatte schon im Juli 1840 der Diktator vor; der Bruderhand gesprochen, die Italien dem deutschen Volke einst über die Alpen entgegenstrecken werde. Der große Staatsmann starb an; 22. Septeinber 1857 in Paris, auf fremder Erde. Der Tod erlöste ihn von einen; lang-