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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-04 · Heft 40 (4.10.1907) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
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Der große soziale Arzt legte die Sonde an das kranke Italien, denn er wußte, daß jeder Fortschritt ans materiellem Felde auch die nationale Sache stärke. Reformen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens verlangte er, und rüttelte Volk und Regierung durch seine Agitation aus ihrer Lethargie ans. Als der Papst Pius lX. 1846 in einer liberalen Anwandlung die Gefängnisse seines Vorgängers öffnete, eine ausgedehnte politische Amnestie erließ und Verwaltnngsreformen dnrchführte, brauste ein Jubelrnf durch die Halbinsel. Der Geist der Freiheit schritt durch das Land, und als derselbe Papst die Kühnheit hatte, den: allmächtigen Oesterreich, der treuesten Stütze der katholischen Kirche, in der Frage des Besetzungsrechts in Ferrara entgegenzutreten und für die politische Unabhängigkeit Italiens sich zu erklären, da wurde Pio Nono das Feldgeschrei aller Liberalen von den Alpen bis Sizilien. Auch Manin hielt den Zeitpunkt für gekommen, um für die politischen Rechte seiner Landsleute in die Schranken zu treten. Am 21. Dezember 1847 überreichte er nun der venetianischen Zcntral-Kongregation eine Petition, worin der österreichischen Regierung rundweg vorgeschlagen wurde, dem Lombardisch-Venetianischen Königreich eine unabhängige Stellung zu geben. Diese Unabhängigkeit sollte so vor sich gehen, daß ein Vizekönig mit einen: italienischen Ministerium ernannt wurde, und daß getrennte Verwaltungs- und gesonderte finanzielle Stündevertretung, neue Reformen des Heeres und der J-nstiz und Einschränkung der Zensur eingeführt, beziehungsweise als mächtige Bollwerke gegen den Despotismus anfgerichtet würden. Die österreichische Regierung gewahrte mit Schrecken, daß der ihr so gerühmte besonnene Daniele Manin sich als Revolutionär entpuppt hatte, und Fürst Metternich war nicht der Mann, eine solche Herausforderung straflos zu dulden. Auf Befehl von Wien fand eine Haussuchung bei ihm statt, seine Papiere wurden mit Beschlag belegt, und er in das Krinünalgefängnis abgeführt. Der Staatsanwalt erhob gegen ihn Anklage wegen Störung der öffentlichen Ruhe und wegen Verbreitung aufrührerischer Schriften. Diese Verhaftung erregte in ganz Italien das größte Aufsehen, denn was er nrntig aussprach, war nicht seine Privanneinung, sonderi: er gab lediglich den Gefühlen und Empfindungen des ganzen italienischen Volkes beredten Ausdruck; besonders entrüstet war man, als man erfuhr, daß der „Delinquent", der damals au einer schmerzhaften Blasenkrankheit litt, in einem kalten Gefängnis schmachtete und in der Voruntersuchung ganz würdelos behandelt wurde. Die Bevölkerung bekundete ihre Trauer auf die mannigfachste Weise. Sie sagte alle Karnevalsbclustigungen ab, und die Nobelgardisten nahmen ihren Abschied. Eine ungeheure Menschenmenge zog entblößten Hauptes an dem Gefängnis des Freiheitsmürtyrers vorüber. Die Berichte, die über die Verhöre Manins durch die Zeitungen sickerten, schürten noch die Erregung der Menge und zeigten Manin als kühnen, selbstlosen und zu keinen Zugeständnissen geneigten Patrioten. Schon bei seiner ersten Vernehmung am 18. Januar 1848, als er aufgefordert wurde, über einzelne Punkte sich zu erklären, betonte er mit größtem Nachdruck und größter Entschiedenheit das gesetzliche Recht der italienischen nationalen Bewegung. Nach langer, wirklich hochnotpeinlicher Inquisition konnte der Gerichtshof nicht anders, als Manin wegen Mangel an Beweisgründen freizusprechen. Aber trotz dieses Freispruchs wurde er im Kerker znrückbehalten, und seine Freunde befürchteten, er würde in eine innere österreichische Festung, wie einst der Dichter Silvio Pellico auf den Spielberg, abgeführt werden. Manin jedoch, der in allen Lagen seines Lebens seine stoische Ruhe, philosophische Würde und Ueberlegenheit nie verleugnete, verlor den Mut und die Hoffnung nicht. Er erinahnte vielmehr aus dem Gefängnis in Briefen an die Seinigen, geduldig auszuharren, da.die Stunde seiner Befreiung früher oder später kominen werde. Seine Hoffnung sollte bald in Erfüllung gehen: während er im Gefängnis saß, machte die Revolutionsbewegung ihren Uinzug durch Europa. Am 15. März 1848 mußte nach dreitägigem Straßenkampf Kaiser Ferdinand Von Oesterreich das verhaßte Ministerium Metternich entlassen und seinen Völkern eine Verfassung versprechen. Als zwei Tage darauf in Venedig die Nachricht von den Wiener revolutionären Vorgängen eintraf, verlangte die jubelnde Menge von der österreichischen Behörde stürmisch die sofortige Freilassung des Eingekerkerten, und sie erzwang ihren Willen. Bei seiner Freilassung spielte sich eine ergreifende dramatische Szene ab. Der Kerkermeister trat mit den Worten in die Zelle des Gefangenen ein: „Kleiden Sie sich an. Sie sind frei." „Nein, ich will kraft des Gesetzes, nicht kraft des Aufstandes hinaus. Ich bin auf ungesetzliche Weise festgenominen und gefangen gehalten worden. Ich will aber auf gesetzliche Weise freigelassen werden." „Sie sind frei auf Befehl des Gerichtshofes." „Das ist etwas anderes, dann folge ich Euch." Das Volk führte ihn im Triumphzug nach dem Markusplatz. Hier unter den Fenstern des Regierungspalastes, aus deren einem der Gouverneur Graf Palffy blickte, hielt er eine beruhigende und zur Ordnung mahnende Ansprache an die Venetianer und bekundete auch bei diesem Anlaß, daß er eine geradezu bezaubernde Macht besaß, durch seine Worte die aufgeregten Leidenschaften der Menge zu beschwichtigen. Am Abend des 21. März versammelte er sodann die erprobtesten und angesehensten Patrioten in seinem Hause, nur mit ihnen über die Lage zu beraten und darüber schlüssig zu werden, welche Regierungsform eingeführt werden müßte. Die Meinungen gingen weit auseinander. Hier konnte nur eine radikale revolutionäre Maßregel helfen. Er schlug vor, sich zunächst des Arsenals zu bemächtigen, daß Volk zu bewaffnen und in Venedig die Republik zu erklären, die ja 1797 nur tatsächlich, nicht aber rechtlich aufgehoben sei und die nach dem Erlöschen der österreichischen Okkupation von selbst wieder in ihre Rechte eintreten müsse. Auch sei der Ruf: „Es lebe die Republik!" der einzige dem venezianischen Volke verständliche und zündende, der selbst bis nach Dalmatien ein Echo finden werde. In der Frühe des 22. März teilte Manin seinen Plan, sich des Arsenals zu bemächtigen und in Venedig die Republik auszurufen, den: Kommandanten der Bürgerwehr, namens Mengäldo, einem mutigen, italienischen Patrioten, der noch unter Napoleon I. diente, mit, ihn beschwörend, ihm für einen Tag den Oberbefehl abzutreten. Doch willfahrte Mengaldo dieser Bitte nicht, da Manin sich selbst darüber nicht klar war, was zu tun sei, und der Kommandant ein fest umgrenztes Programm von ihm verlangte. Diese Weigerung lähmte indessen nicht die ungeheure Tatenlust Manins, und als ihm die Nachricht wurde, daß die Arsenalarbeiter ihren verhaßten Obersten Marinovitsch ermordet hätten, war ihm klar, daß das Zeughaus in die Hand dessen komme, der den Mut habe, seiner sich zu bemächtigen. Sofort machte er sich denn, blutige Anarchie der herrenlosen Arbeiter befürchtend, nur von seinem Sohne Georgio begleitet, auf den Weg nach dem Zeughause,

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