Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
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475 „Esperanto" in ihren Ländern in jüngster Zeit gemacht hat. Der Erfinder dieser neuen Sprache, Dr. Zamenhof, der ein russischer Jude ist und als Augenarzt in seiner Heimat praktiziert, erhielt hier überall große Ovationen und erfreute sich verschiedener Ehrenbezeugungen. Interessant ist es, zu erfahren, daß Dr. Zamenhof, der für seine jüdischen Landsleute recht sehr eingenommen ist, in einer Unterredung erklärte, daß der Gebrauch des Jargons in jüdischen Kreisen viel mehr Nachals Vorteile produzieren, und deshalb nicht encouragiert werden solle. Wir wollen, sagte er, uns von dem Ghetto losreißen, und der Jargon sei es, der uns daran fesselt. — Der große Dichter Byron hatte bekanntlich einen jüdischen Komponisten, Isaak Nathan mit Namen, zum intimen Freund, der defien berühmte „Hebrew Melodies" in Musik setzte. Als jener zum letztenmal England verließ, und zwar war dies während der „Pessach"-Woche, erhielt er von seinem jüdischen Freunde einige Osterkuchen zum Abschied. Für diese Aufmerksamkeit dankte nun der Dichter in einem an diesen Freund gerichteten Schreiben, und drückte zugleich darin die Hoffnung aus, daß diese „Matzos" stets die bösen Geister von ihm fern halten werden, wie sie dies schon vor tausenden von Jahren bei den Juden in Aegypten getan haben. — Der herrliche Seebadeplatz Ostende, wo ich jüngst einige Zeit weilte, war von unfern wohlhabenden Glaubensgenossen während meines Aufenthalts daselbst recht stark besucht. Interessant war es für mich, wahrzunehmen, daß mehrere unter ihnen in wenigstens zwei oder drei modernen Sprachen konversieren konnten. Der Dirigent des „Kursaals", Mr. Rinskops, ist ein Jude, und, wie es scheint, hat er eine Vorliebe für die Kompositionen jüdischer Tondichter, da die anziehenden Melodien eines Meyerbeer, Halevy und Cowen in dem besagten Saale häufig gehört wurden. Lsmrlr Manin. Von Dr. A. Hahn. m 22. September dieses Jahres war ein halbes Jahrhundert dahin vergangen, seitdem einer der eigenartigsten, kraftvollsten und edelsten Charaktere der neueren italienischen Geschichte verblichen ist, ein Mann und Patriot, von dem mail mit Fug und Recht sagen kann, daß die Spur von seinen Erdentagen selbst in Aeonen nicht untergehen wird; denn durch seine ruhmvollen Taten hat er seinen Namen mit goldenen Lettern in die Tafeln der Geschichte seines Vaterlandes eingegraben. Und dieser Mann war aus jüdischem Stamme. Ich rede hier von Daniele Manin, dem am 13. Mai 1804 in Venedig geborenen und am 22. September 1857 in Paris gestorbenen ehemaligen Diktator von Venedig. Er gehörte zu jenen glorreichen Kämpfern für die Freiheit und Einheit Italiens, deren Ehrenschild von keinem Makel behaftet ist, der nichts für sich und seine Interessen anstrebte, sondern alles für das italienische Volk und für Italien zu opfern bereit war. Er vereinigte in sich jene idealen Tugenden und Eigenschaften, die bei modernen Staatsmännern so selten anzutreffen sind: Glühende Vaterlandsliebe, selbstverleugnende Bescheidenheit, hingebendes Pflichtgefühl, größte persönliche Ehrenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit im Trin und Handeln und in der Gesinnung. Schon 1846 rief Adolf Stahr, als er sich in Venedig aufhielt und seine Briefe ans Italien schrieb, bei Nennung Manins voll Begeisterung und Bewunderung aus: „Es scheint, daß überall dieses von dem alten Europa am meisten geknechtete biblische Stammvolk der Menschheit sein reichstes Kontingent stellt zu der kleinen Schar der Vorkämpfer kür die neue europäische Freiheit." Sein Leben, seine Wirksamkeit und Tätigkeit bildeten einen für sich sprechenden Kommentar zu der Tatsache, daß man jüdischen Ursprungs und doch ein glühender Patriot sein kann. Der aus dem heimatlosen, kosmopolitischen Geschlecht der Juden hervorgegangene Manin war stets' ein entschiedener und voller Italiener, und die lächerlichen Verleumdungen der Antisemiten, die den israelitischen Stamm als einen „fremden" bezeichnen, wurden hier gründlich ad absurdum geführt. Sein Vater Pietro Antonio, der jüdischen Familie Fonseca angehörig, ein ehrgeiziger Mann, glaubte durch seinen Uebertritt zum Christentum bessere Karriere zu machen, aber im Herzen blieb er doch Jude. Für sich und seinen Sohn Daniel nahm er den Namen Manins, eines Bruders des letzten Dogen, an. Der begabte Knabe wurde von seinem Vater und seinem Lehrer, dem Mathematiker Foramiti, zum begeisterten Republikaner erzogen. Beide haßten sowohl die Franzosen wie die Oesterreicher; die ersteren, weil sie unter ihrem Napoleon I. Italien nicht befreit, rtnd die letzteren, weil sie dem Land weder eine Verfassung noch Unabhängigkeit geben wollten. Daniele beherrschte schon früh eine Reihe fremder Sprachen. Mit zwölf Jahren verfaßte er eine römisch-juristische Abhandlung, mit sechzehn übersetzte er das Buch Henoch aus dem Griechischen, mit dem neunzehnten wurde er Mitglied des Venetianischen Atheneums und mit einundzwanzig Dr. jur. an der Universität zu Padua. Von seinen gelehrten und wissenschaftlichen Arbeiten zeugt ein damals von ihm verfaßtes Wörterbuch des venetianischen Dialekts. Nach beendigten Studien ließ sich Daniele Manin in Mestre als Advokat nieder und gewann bald durch seinen juristischen Scharfsinn, seine Begabung und die Wärme, mit welcher er sich der ihm übergebenen Prozeßsachen annahm, eine ausgebreitete Klientel. Trotz der im Longobardisch - Venetianischen Königreich herrschenden Polizeiwillkür und Ueberwachung, trotz der allmächtigen österreichischen Polizei, die überall Verschwörungen witterte und das politische Leben ganz und gar danieder hielt, gelang es dem jungen Advokaten, sich zum Führer seiner Vaterstadt Venedig auf allen Gebieten fortschrittlicher Entwicklung zu erheben. Ruhig und besonnen, aber mutig und entschieden trat er für jedes öffentliche und private Recht in ganz Italien ein. Einer seiner Biographen charakterisiert den jungen Advokaten und Politiker aus jener Zeit mit den Worten: „In ihm hatte sich der stürmische Republikaner zu dem leidcuschastslosen Verteidiger gesetzlichen Fortschritts gesellt. Ein Heller scharfer Kopf. Meister der Sprache, durchdrungen von warmer Liebe zu seiner Vaterstadt und freiheitlichen Institutionen, glich er eher einem Engländer als einem Italiener. Er war Venedigs O'Connell, wie dieser stand er durchaus auf dem Boden des Rechts und verfocht mit den Paragraphen des österreichischen Gesetzbuches die nationale Selbständigkeit gegen polizeiliche Willkür und Gewalt." Ein Verschwörer, ein Carbonari iitit all seinen revolutionären Ansichten und Eeheimmitteln, war er keineswegs, doch war er darüber längst im klaren, das; seinem Vaterlande nur durch Abschüttelung der österreichischen Herrschaft auf gewaltsamem Wege geholfen werden könnte. Er sah die Unvermeidlichkeit der Revolution für Italien voraus, weil der nationale Charakter der Italiener die Fremdherrschaft nicht verträgt. An dieser seiner Ueberzeugung hielt er alle Zeit fest.