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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-04 · Heft 40 (4.10.1907) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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474 Lriek aus London. Von Reverend Dr. Chotzner. 4 n meinem vorhergehenden „Brief aus London" sprach ich von einer Bill, die in dem jüngst vertagten englischen Parlament eingebracht wurde, und die den Zweck hatte, einem in England lebenden Witwer zu gestatten, die Schwester seiner verstorbenen Frau zu heiraten. Wie ich bemerkte, wurde diese Bill während einer etwa fünfzigjährigen Periode wiederholentlich und alljährlich von den Mitgliedern des englischen -Oberhauses verworfen. Kurios ist daher die Tatsache, daß die fragliche Bill diesen Sommer endlich auch in „The House of Lords“ durchgeführt und somit zum Landesgesetz gemacht wurde, obschon die daselbst sitzenden Bischöfe in gewohnter Weise recht heftig gegen die Annahme derselben protestierten. Letztere erklären zwar noch jetzt frei und offen, daß sie ihren Wahlspruch „non gossumas" im praktischen Leben auch in dieser Sache aufrecht erhalten und von dem neuen Landesgesetz keine Notiz nehmen werden, da es. ihrer Meinung nach, mit dem Alten Testament nicht (?) im Einklang stehe. Aber die einstige goldene Zeit der englischen Kirche existiert nicht mehr, wo der Staat ihr tin gewissen Sinne untergeordnet war, und ohne ihre Einwilligung kein freiheitliches Gesetz einsühren konnte. Daß die Bill, die nunmehr Landesgesetz ist, für Juden und Nichtjuden in England in aller Zukunft von großem Vorteil sein werde, braucht hier nicht erst weitläufig auseinandergesetzt zu werden. — In einem in dieser Zeitung (Nummer 34) erschienenen Leitartikel: „Die kulturelle Entfremdung" wird auf die keineswegs erfreuliche Tatsache hingewiesen, daß nämlich jüdische Kultur und jüdisches Geistesleben dem großen Teile des deutschen Volkes bisher fast ganz unbemerkt geblieben ist, und daß infolgedessen der Antiseniitismus im Vaterland einen recht fruchtbaren Boden zur Entwicklung und Ausdehnung gesunden hat. Solche und ähnliche Klagen haben wir glücklicherweise in England nicht zu machen, da hier von Zeit zu Zeit Bücher, Abhandlungen und Vorträge von namhaften englischen Autoren erscheinen, worin das Innenleben der englischen und auch anderer Juden nebst deren Verdienste um die Vor- und Mitwelt mit mehr oder weniger Sympathie besprochen wird. Beispiele davon habe ich in verschiedenen Nummern dieser Blätter bereits veröffentlicht, und zu diesen möchte ich jetzt noch folgendes hinzu fügen. — Neulich erschien hier ein Buch unter dem Titel „Israel in Europe“, das in englischen Blättern ziemlich viel besprochen wurde. Der Autor desselben, Mr. Ab bot, der Verfasser einiger gediegener Werke ist, versucht in diesem Buche nachzuweisen, daß die Juden im allgemeinen ihren nichtjüdischen Nachbarn, sowohl in der Vergangenheit als auch in späteren Jahrhunderten, verschiedene beachtenswerte Dienste geleistet haben, die sie entweder gar nicht, oder nur recht wenig notiert haben. Welche Ironie, sagt er, liegt doch in der folgenden Tatsache! Bekanntlich haben die Juden dem Christentum seinen Gründer und der Welt die Bibel gegeben, und als Dank dafür wurden sie oft und werden noch immer in verschiedenen Ländern von ihren Nachbarn wie wilde Tiere gehetzt, und häufig auch ihrer Habe und selbst ihrer Existenz beraubt. Mit welchem Rechte geschieht dies? Waren doch die Juden schon in Europa als zivilisierte Menschen ansässig, als die modernen slawischen Stämme noch lange nicht existiert hatten. Ja, noch mehr. Die Juden waren schon damals die Träger der weltlichen Zivilisation, als noch Griechenland und Rom im Stadium des Entstehens waren. und sie haben daher das Recht zu erwarten, daß sie in der Gegenwart wenigstens respektiert und menschlich behandelt werden. — Seit mehreren Wochen wird in den hiesigen jüdischen Blättern die Frage ventiliert, ob der hierzulande bestehende Gebrauch beizubehalten oder zu verwerfen sei, demzufolge fast alle jüdischen Prediger hier die Pflicht haben, in ihren Synagogen als zweite Kantoren zu fungieren. Der vielgeplagte englisch-jüdische Prediger, der in der Regel kein besonderes lumen ist, hat. so viel religiöse Funktionen im Laufe der Woche zu verrichten, daß er kaum Zeit hat, eine Predigt auszuarbeiten, und diese ist, wenn fertig, keineswegs 4 la Jellinek oder Mahbaum. Nun muß er seine Predigt an Sabbat- und Festtagen halten, nachdem er vorher schon viele Gebete rezitiert und gesungen hatte, und es ist daher selbstverständlich, daß dadurch nicht selten eine Situation in der Synagoge geschaffen wird, die bald komisch und bald tragisch ist. Einer dieser älteren und mehr erfahrenen jüdischen Prediger hatte vor einiger Zeit seine abgeschriebene Predigt zufällig zu Hause liegen lassen. DiesenunglücklichenZufallbemerkte er erst, nachdem er die Kanzel bestiegen hatte, und verließ sie daher unverrichteter Sache, zur allgemeinen Heiterkeit der anwesenden Gemeindemitglieder. Freilich ist es mit dem Predigen in London jetzt viel besser bestellt, als es im Beginn des vorigen Jahrhunderts hier der Fall war, als nämlich die Predigt fast ausschließlich noch im Jargon abgehalten wurde. Die sogenannte eatento cordiale zwischen England und Rußland, die in meinem vorhergehenden Brief kurz erwähnt wurde, ist seitdem, wahrscheinlich aus wichtigen politischen Gründen, ein fait accompli geworden, obschon die Formierung derselben in beiden dieser Staaten, und namentlich hier in England, eine starke Opposition hervorgerufen hat. Die Gründe dieser Opposition sind in dem besagten Briefe bereits gegeben worden und brauchen hier nicht wiederholt zu werden. Hoffentlich wird diese „herzliche Vereinigung" einer höchst liberalen mit einer höchst intoleranten Regierung letztere verursachen, ihre jüdischen Untertanen in einer gemäßigten Weise, wenigstens derart freundlich zu behandeln, wie sie hier bei uns behandelt werden. Und sollte dann die Macht der russischen Antisemiten etwas geschwächt werden, so wird diese Tatsache wohl auch anderwärts günstige Resultate produzieren. — Mr. Israel Abrahams, Dozent der rabbinischen Literatur in Cambridge, hielt jüngst in Oxford eine öffentliche Vorlesung, worin er auf die verschiedenartigen Verdienste hinwies, die sich die Juden vor ihrer Vertreibung aus England (um 1290) um letztere Stadt erworben haben. So waren z. B. die Juden in Oxford die ersten, die zu jener Zeit daselbst eigenhändig errichtete Häuser für sich selbst aufbauten, die ans massiven Bausteinen bestanden, während alle anderen Gebäude der Stadt nur hölzerne waren. Nach ihrer Vertreibung wurden diese Häuser vom Staate konfisziert und in Lehrhallen für die Universität umgewandelt. Diese Steinhäuser dienten verschiedenen nichtjüdischen Architekten in England als Modelle für ihre späterhin errichteten Gebäude. Unter den damaligen Oxforder Juden befanden sich einige berühmte Aerzte, deren Dienste auch im Auslande zuweilen in Anspruch genommen wurden. Bemerkenswert ist auch die von Mr. Abrahams erwähnte Tatsache, daß nämlich dieselben Juden ein eigenes Tribunal hatten, dessen Existenz von der englischen Regierung gestattet war. — Im vorigen August versammelte sich eine große Anzahl von Delegierten aus fast allen Weltgegenden, um von den Fortschritten zu berichten, die die bekannte neue Weltsprache

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