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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-10-04 · Heft 40 (4.10.1907) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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gegenwärtig gefordert werden muß, nämlich jüdische Stadtschulen einzurichten? Noch dazu, wo laut Gesetz, auf ausdrücklichen Wunsch von Regierung und Volksvertretung, die konfessionelle Schule bevorzugt wird. Es mag dies vom Standpunkte des Liberalismus aus bedauerlich sein; steht aber das Prinzip der Gerechtigkeit nicht höher als jedes Parteiprinzip? Kein Liberaler, vor allem kein Jude, der noch ein Herz hat für die Glaubensgenossen, die ihre Kinder nicht in höhere Schulen schicken können, darf unter den heutigen Umständen gegen die jüdische Schule sein. Die Betonung des Konsessionalismus in Deutschland ist einmal vorhanden. Und auch hierin kann und wird sich der Fortschritt zeigen, wenn endlich einmal die Forderungen der Gerechtigkeit auch den Juden gegenüber erfüllt werden. Ist denn der bisherige Modus gerecht, daß in sogenannten paritätischen Schulen auf die jüdischen Schüler so wenig Rücksicht genommen wird, ist es liberal, daß jüdische Lehrkräfte an diesen Schulen ihrer Religion wegen nicht angestellt werden? Eine Aera Falk, die der Anfang einer Entwicklung zur Allgemeinschule zu sein schien, kommt so schnell nicht wieder. Geben wir uns da keiner Täuschung hin! Denn nicht bloß bei Regierung und Parlament, auch bei den Volksschullehrern selbst, obwohl sie (mit Ausnahme der katholischen) zum großen Teile liberalen Tendenzen huldigen, ist die Anschauung vorherrschend, daß der Religionsunterricht, als das wichtigste Unterrichtsfach, den Mittelpunkt des gesamten Unterrichts bilden muß, daß er alle anderen Fächer belebe und befruchte. Wo kann aber ein derartiger Religionsunterricht anders erteilt werden, als in der konfessionellen Schule? Bei dieser Lage der Dinge wäre es, wie gesagt, ein schreiendes Unrecht und durchaus nicht liberal, wenn der Liberalismus von der nach der Zahl seiner Bekenner schwächsten Religionsgesellschaft verlangen würde, daß sie allein sich dem Prinzip der allgemeinen Staatsschule opfern solle. Wir hoffen also, daß die Stadtverwaltungen auf den Wunsch der jüdischen Bürger, jüdische Volksschulen zu gründen, gern eingehen werden. Dieser Wunsch muß natürlich geäußert werden. Es ist die höchste Zeit, daß in erster Reihe die jüdischen Groß gemein den die Initiative dazu ergreifen. Und da bei dieser Frage fast alle jüdischen Gemeinden Preußens interessiert sind, so ist es auch selbstverständlich, daß auf dem Delegiertentag der jüdischen Gemeinden und Verbände dieses Thema behandelt werden muß. Hier muß am 13. Oktober eingehend darüber beraten werden, auf welche Weise wir in der Volksschulangelegenheit am schnellsten zu unserem Rechte kommen. Und man braucht kein Prophet zu sein, wenn man voraussieht, daß hier unsere Orthodoxen aus ihrer religiösen Ueberzeugung heraus für die jüdische Volksschule eintreten werden. Daß aber auch die Anhänger der freieren Richtung im Judentum, wenn auch aus anderen Gründen wie die Strenggläubigen, dafür stimmen müssen, glaube ich nachgewiesen zu haben. In Frankfurt muß man sich darüber schlüssig werden, ob zur Erreichung des Zieles: jüdische Volksschulen auch in den Großstädten, ein gemeinsames Vorgehen von seiten des Verbandes notwendig ist oder nicht. Der Verbandstag in Frankfurt hat nun das Wort. Nie wird er seine Existenzberechtigung besser beweisen können, als dadurch, daß er nach den unerquicklichen Vorgängen der letzten Wochen zu der Schul- und Religionsunterrichtsfrage recht ernst und energisch Stellung nimmt, damit der Zügellosigkeit auf diesem Gebiete endlich ein Damm gesetzt werde. Bit Woche. Berlin, 29. September. *^4n dem am 28. d. M. verstorbenen Großherzog Friedrich von Baden ist einer der edelsten Fürsten und Regenten Deutschlands dahingegangen, der auch den Juden während seiner ganzen Regierungszeit sein herzliches Wohlwollen zugewendet hat. Baden ist von jeher ein Musterland der Emanzipation gewesen, und Großherzog Friedrich folgte auch hierin den Bahnen seiner Vorfahren. Sechs Jahre nach dem Antritt seiner Regierung (am 4. Oktober 1862) gab er den Juden Badens die volle bürgerliche Gleichstellung. Er war der einzige deutsche Fürst, der einen jüdischen Minister ernannt und diesem ein Vierteljahrhundert hindurch (so lange blieb dieser im Amte) sein volles Vertrauen geschenkt hat. Großherzog Friedrich von Baden war auch der erste deutsche Fürst, der offen und entschieden gegen die antisemitische Bewegung sich erklärte. Schon zu Anfang dieser Bewegung sprach er sich einem hohen badischen Beamten gegenüber über die antisemitischen, in der Nähe von Mannheim stattgefundenen Versammlungen in höchst bedauernder und mißbilligender Weise aus. Auch die Ziele der antisemitischen Partei, die sich mi Unrecht eine konservative zu nennen wage, verurteilte er in scharfen Worten. Der Großherzog betonte dabei, daß auf seine persönliche Anregung hin die Sache bei der Regierung zum Gegenstände von Beratungen gemacht worden sei und versicherte, daß seine Regierung dieser Bewegung ihre volle Aufmerksamkeit schenke und nötigenfalls energische Maßregeln zum Schutze des Friedens unter den Konfessionen ergreifen werde. Wie der edle Fürst damals schon den betreffenden Beamten ermächtigte, seine Aeußerung weiteren Kreisen bekannt zu geben, so hat er auch später wiederholt seiner Entrüstung über den Antisemitismus Ausdruck gegeben. Namentlich in Gesprächen mit Berthold Auerbach, den er besonders hochschätzte, kam er immer und iinmer wieder aus jene häßliche Bewegung zurück, die er mir für eine vorübergehende hielt, indem er sein Bertrauen auf den gesunden Sinn des deutschen Volkes betonte. Das Treiben der Partei, die den Judenhaß auf ihre Fahne geschrieben, verurteilte er bei jeder Gelegenheit mit voller Schärfe. „Sie wird nicht mehr schaden, denn sie hört auf und verschwindet," so sagte er in der denkwürdigen Audienz, die er am 25. Juli 1899 Herrn Professor Dr. A. Berliner in St. Moritz erteilte. In den letzten Lebensjahren interessierte sich der Großherzog auch für den Zionismus, aber es ging aus allen seinen Aeußerungen mit voller Klarheit die Tatsache hervor, daß er diese Frage einzig und allein im Sinne der Kolonisation Palästinas als einer Zufluchtsstätte für die unglücklichen Juden des Ostens, deren Leiden und Bedrückungen er lebhaft beklagte, aufzufassen geneigt war. Das Andenken dieses erlauchten Fürsten, dessen ganzes Lebenswerk ein reich gesegnetes war, wird fortdauern in der Geschichte und wird ein Segen bleiben für die Zukunft. * Was seit Monaten angekündigt wurde, ist jetzt zur Tatsache geworden. Der bisherige Direktor im Kultusministeriuni Geheimrat Dr. Althoff hat seinen Abschied erhalten. Damit schließt eine Periode unsrer Entwicklung ab, deren Wirkungen noch lange zu verspüren sein werden. Die Urteile über Althoff sind sehr verschieden. Wir haben ihm von unsrem Standpunkt aus nicht viel Gutes nachzusagen; obwohl er persönlich kein Antisemit war, sondern im Gegenteil diese Bewegung verurteilte, hat er doch dem Antisemitismus so weit Vorschub geleistet, daß er wiederholt jüdischen Professoren

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