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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-27 · Heft 39 (27.9.1907) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
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Literarische Mitteilungen. — Jos ep h Eschelbacher: Das Judentum im Urteile der modernen protestantischen Theologie. Leipzig, Gustav Fock, 1907.' (Schriften herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums.) Diese Schrift, die sich als einen erweiterten Vortrag gibt, den der Verfasser am 5. Januar in der Generalversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums gehalten hat, ist der Apologie des jüdischen Glaubens gewidmet. Für gewöhnlich vermutet man bei apologetischen Schriften die Absicht, die Religion, die verteidigt werden sollte, unter allen Umständen zu rechtfertigen, ohne daß auf die wissenschaftliche Arbeit allzuviel Rücksicht genommen wird. Dies mag bei vielen Büchern dieser Art wirklich der Fall sein, aber durchaus notwendig ist es nicht. Denn wohl ist es denkbar, daß ein ehrlicher Mann eine Sache zu verteidigen unternimmt, von deren Gerechtigkeit und Vortrefslichkeit er überzeugt ist, und seine Verteidigung objektiv und wissenschaftlich durchführt. Es ist dasselbe, als wenn ein Anwalt einen wirklich unschuldigen Menschen vor seinen Richtern zu verteidigen und dessen Unschuld zu beweisen anstrebt. Von dieser Art ist auch die Apologie, die Eschelbacher in der vorliegenden Schrift dem von den modernen protestantischen Theologen herabgesetzten Judentum zuteil werden läßt. Der Ton ist sehr warm gehalten, es spricht aus ihm die Ueberzeugung und das Vertrauen, die der Verfasser in die Wahrheiten des Judentums setzt. Nicht nur die ungerechtfertigten Angriffe der protestantischen Theologen werden zurückgewiesen und die Methode beleuchtet, mit der gewisse Kreise das Christentum zu stützen versuchen, indem sie es aus Kosten des Judentums und der geschichtlichen Wahrheit idealisieren, der Verfasser geht vielmehr aus die geschichtlichen Quellen der Tochterreligion selbst zurück, die sich von Anbeginn zum Judentum feindlich gestellt und von ihm eine Karikatur gegeben hat. Die Polemik, die Eschelbacher nicht vermeiden kann und auch nicht vermeiden will, ist in der Form überaus vornehm gehalten, wodurch sie um so gewinnender und überzeugender wirkt. Er enthält sich jeder Uebertreibung und sagt nur das. was sich wissenschaftlich vertreten läßt. Sehr zutreffend ist seine Auffassung von dem P r o p h e t i s m u s des jüdischen Volkes. Schon im evangelischen Schrifttum begegnen wir der Ansicht, die Propheten, die nur die Geschichte des jüdischen Volkes kennen, seien in ihm etwas Zufälliges und hätten mit diesem Volke gar keine geistige Gemeinschaft. Haben doch die Juden ihre Propheten zumeist verfolgt und manche sogar getötet. Die Verfasser der evangelischen Schriften beabsichtigen damit, sich selbst als vom jüdischen Volke verfolgte Propheten hinzustellen, und die modernen Theologen griffen diese Phrasen auf, um den Juden den geschichtlichen Vorzug, auf den unser Volk stolz ist, gänzlich abzusprechen. Die Propheten seiest Riesen unter Zwergen gewesen, meinte Wellhausen, Eschelbacher weist dies überzeugend zurück. Die großen Männer Israels gingen aus dem Volke hervor und wurzelten mit ihren ethischen Forderungen in der jüdischen Lehre. Diese Anschauung verdient in weitere Kreise verbreitet zu werden, denn es wäre wirklich höchste Zeit, daß man aufhört, die Propheten mit jenen Männern auf eine Stufe zu stellen, welche sich die Vernichtung des Judentums und das Verschwinden des jüdischen Volkes aus der Geschichte zur Aufgabe gemacht haben. Kein Prophet hat den Glauben an die Zukunft Israels aufgegeben; im Gegenteil, weil sie alle fest und unverbrüchlich daran geglaubt und diese Zuversicht im Herzen getragen haben, drangen sie mit solchem Eifer auf die Ethisierung der jüdischen Lehre. Der Vortrag Eschelbachers wird zweifellos bei allen, die eine ruhige geschichtliche Betrachtung der Dinge lieben und die Wahrheit suchen, Beifall und in seinem wesentlichen Inhalt volle Zustimmung finden. S. Bern selb. * — Ahron Marcus: Die Entwicklungstheorie in der jüdischen Wissenschaft. Hamburg 1907. Verlag von S. Marcus. Ist es möglich, wird so mancher fragen, in der jüdischen Wissenschaft Entwicklungstheorie? Nahmen wir doch mit ungläubigem Lächeln die Versuche des Pater Wasmann hin, den Bibeltext mit der Entwicklungstheorie in Einklang zu bringen. Und nun gar in der jüdischen Wissenschaft. — Unter dem Staub der Talmudfolianten sollten solche „moderne" Gedanken verborgen sein? In dem Hirn seiner altertümlichen Kommentatoren sollten sich Gedanken mit solcher Tragweite getummelt haben!? Und doch, es ist so. Ahron Marcus deutet hier in der Einleitung manches nur an, was er in seinen früheren Werken „Hartmanns Philosophie des Unbewußten im Chassidismus" und seinem „Barsilai" schon weiter ausgeführt; hier kommt es ihm nur darauf an, zu zeigen, daß die ganze moderne Streitfrage „Moses oder Darwin" oder auch Offenbarungsglaube (und damit das erste Blatt der Bibel) oder moderne Wissenschaft eine falsche Fragestellung ist. Nein, es heißt: Moses und moderne Wissenschaft — und altjüdische Wissenschaft. Niemals glaubten die alten jüdischen Gelehrten, die Schöpfungsgeschichte sei wörtlich aufzufassen: für ein getreues, aber stark verkleinertes Spiegelbild der Wirklichkeit hielten sie dieselbe, deren Kernpunkt die drei ersten Worte sind: „Anfänglich schuf Gott..Nicht ein blinder Zufall, dessen Würfel Vererbung und Kampf ums Dasein heißen, nicht immanente Entwicklungsgesetze der monistisch, psychophysisch gedachten Substanz, nein, ein freier Schöpserwille bestimmte die Bahnen der Erdentwicklnng, die sich in dauerndem Fortschritt mit Perioden des Rückfalls bewegte, die im Weltensabbat einen relativen Ruhepunkt erreicht hat. So dachte Moses Chaim Luzzato vor 1750, der Verfasser des berühmten, jetzt zweimal ins Deutsche übertragenen „Mesilas Jeschorim“ Wahrlich, da muß man mit dem Psalmisten sagen: „Die Thora Gottes ist vollkommen, beruhigt die Seele (des Zweifelnden), das Zeugnis Gottes ist treu, macht weise den Toren." Denn welch ein Licht fällt nun auf den jüdischen Sabbat, aus die so heiter und arglos belächelten Speisegebote — geh und lerne. Und in diesem Sinne ist es ein Verdienst des Verlegers, am Schlüsse des Schriftchens alle Werke des hochverdienten. geistreichen Ahron Marcus aufzuzählen, der zuerst blendende Lichter warf in die bisher fast völlig dunklen Werkstätten der sogenannten „Kabbalah". Und neben der Wissenschaft welche Fülle von Humor und beißender Satyre — alle Schriften des Herrn Ahron Marcus sind ungemein anregend und erfrischend. Dr. med. Möller. * — Dr. I. Taglicht, Rabbiner in Wien, Grab- und Gedenkreden I. Kanffmann, Frankfurt a. M. 1907. Unsere Zeit ist der Kanzelberedsamkeit nicht hold; das lebendige Wort mag man nicht hören, das geschriebene nicht lesen. Selten daß ein Band jüdischer Predigten sich einen Leserkreis erobert, und wären es auch nur die Fachgenossen. Vollends ein Band von Kasualien, wie der vorliegende, dringt schwerlich über die Grenzen der jeweiligen Gemeinde hinaus. Aber die Gemeindeangehörigen, die in diesen Blättern die Namen von teuren Dahingeschiedenen, von Freunden und Bekannten, viel echte Humanität und wahre Religiosität verewigt finden — sie sollten die warmen Worte des Predigers sich öfter zu Gemüte führen und dessen literarischem Werke einen Ehrenplatz in ihren Räumen gönnen. Zu diesem Zwecke möchte ich, so unerfahren ich auch in derlei Dingen bin, den Herren Predigern, die besonders ihre Gedenkreden gesammelt herausgeben, den Rat geben, jeden Namen mit einem kurzen biographischen Vermerk zu versehen; für die Ueberlebenden der Betreffenden und auch für die Nachwelt wäre somit ein Gedenkbuch geschaffen. In Dr. Taglichts Gedenkreden finden sich ein paar bedeutende Namen: Moritz Freiherr von Königswarter, Wilhelm Ritter von Gutmann, Dr. Jonathan Wolf, Arthur Edler von Mises, Max Fleischer rc.; an der Spitze steht eine Gedenkrede auf die Kaiserin Elisabeth. Taglicht predigt in einem warmen schlichten Ton; seine Sprache ist, ohne pompös zu sein, stets vornehm und edel, mitunter, allerdings seltener als erwünscht wäre, mit gelungener Anwendung der gewählten Texte. Der unbefangene Leser wird manchmal die Wiederholung desselben Motivs konstatieren können, was weiter nicht wundernehmen kann; dafür aber bietet der Band ein um so mehr abwechselndes Bild der Persönlichkeiten einer großen Gemeinde wie Wien. Der Band ist schön und gefällig, in tadelloser Korrektheit ausgestattet. Wien. Dr. Samuel Krauß. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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