Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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besonders weihevoll das Siegel ausdrücken. Der Rabbiner bestieg die Kanzel. „Licht flammt auf im Innern des Heiligtums/' so fing er an, „doch das Licht in derinnern Menschenbrust vermag nur das Gotteswort zu entzünden — Huru so Auru — das Gotteswort, das von jeher das Dunkel des Unglaubens erhellt und die Finsternis des Aberglaubens erleuchtet; das Gotteswort, das die Nebel des Zweifels verscheucht und den Schleier der Unwissenheit lichtet; das Gotteswort, das den lichtscheuen Menschenhaß verdrängt und einen Strahlenglanz über die Menschenliebe ausgießt; das Gotteswort, das nicht im Himmel sich befindet, das du nicht jenseits des Meeres zu suchen brauchst, das dir gar nicht fern, sondern sehr nahe ist! Das Gotteswort, das kein phantastisches Verhimmeln, aber auch kein starres, ermüdendes Einerlei von dir verlangt; das die Erdenfreude dir nicht versagt, und die Lebenslust dir nicht verbietet! Das Gotteswort, das nur einen bescheidenen Sinn, ein demutsvolles Herz, eine lautere Seele von dir heischt!" Gerold lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit; ihm war es, als spräche der Mann dort nur direkt zu ihm allein, als sei jedes Wort nur auf ihn gemünzt. Er versank in tiefes Nachdenken. Ist es wirklich wahr, daß man jene stille Zufriedenheit, jenes genügsame Glück so leicht, ohne jegliches Opfer erringen könnte? Jawohl, es muß doch wohl so sein, denn hier sieht er ja das lebendige Beispiel hundertfach vor Augen. Noch mehr aber erkennt er diese Wahrheit an seinem Freunde, der bei all seinem Wisiensdrang, bei all seinen glänzenden Erfolgen draußen, bei all den Anerkennungen der großen Welt, jene echte, wahre, innere Zufriedenheit, nur hier, in der Mitte seiner Brüder, vor dem Angesichte Gottes, zu finden vermochte! Und Saul wird sich nicht selbst betrügen! Plötzlich fährt er zusammen. Sind denn das noch irdische Wesen, die hier stehen? Sind es nicht vielmehr himmlische Scharen, die jetzt niedergestiegen, um Preis und Jubel dem Allerhöchsten, dem Allmächtigsten zu zollen? Laut und feierlich, hinreißend und freudig, vertrauend und hoffend klingt es fort und fort: „Adouoj hu hoelohim, der Ewige, er ist unser Gott!" Und flammende Begeisterung verklärt jedes Antlitz, hoffnungsfreudig blickt jedes Auge himmelwärts, selbstlose Hingebung spricht aus jeder Miene, Demut und Andacht bekundet jede Bewegung! Fürwahr, das hier sind Gotteswesen, die das Gemeine und Niedrige von sich geworfen, deren Seele zu dem Allvater emporstrebt, dessen Alllebe sie durchdringt, dessen Schutz und Schirm sie sicher sind, dessen Huld und Gnade die drückende Sündenlast von ihnen genommen, mit dem sie heute das herrliche und erhabene Versöhnungsfest gefeiert! Der vollen Begeisterung, die bisher laut geworden, folgt jetzt ein Augenblick tiefer Stille, die aber bald durch einen Posaunenstoß, klar und weithin schallend, unterbrochen wurde, und der Gerold bis ins Innerste erschütterte und erbeben ließ. Seit seiner Kindheit hat er die Schofar-Töne nicht mehr gehört; aber er erinnerte sich jetzt deutlich, wie er damals furchtsam des Vaters Hand erfaßt, um doch inmitten des schreckenerregenden Geräuschs eines festen Schutzes sich zu versichern- Und jetzt wieder, trotz der langen Zwischenzeit, hatte er wieder dieselbe Empfindung, das unbezwingliche Verlangen, jemand anzugehören, auf jemand sich stützen zu können; das Verlangen, einem Ganzen sich anzuschließen, um nicht so allein und verlasien dazustehen. Das war sicherlich der Ruf, von dem Saul zu ihm gesprochen: die Nachzügler zu ermuntern, die Schwankenden aufzurichten, die Widerstrebenden zu begeistern, und die Mattherzigen zu ermahnen, daß Israels Kraft nur in der Einheit, nur in der Gesamtheit bestand. Und als er den Schofar-Ruf voll und ganz auf sich wirken ließ, da verlor er plötzlich alle seine Schrecken; lieblich und sanft zog es ihn dahin, und es war gar nicht schwer, dem Rufe zu folgen, denn er erweckte etwas zu vollem Leben, das so lange in seinem Herzen wie im Todesschlafe gelegen. Er dachte darüber nach, mit welcher Absicht er eigentlich vorhin seine Schritte hierher gelenkt? Er hatte es selbst nicht recht gewußt, aber jetzt fiel ihm ein jüdischer Spruch ein; war es Zufall, daß gerade dieser eine ihm in Erinnerung geblieben war? „Wer da ausgeht, um das Himmelslicht zu suchen, dem wird die Gottesleuchte bald erstrahlen!" Neugierig betrachteten die Beter die starre Gestalt, die mit gesenktem Haupte, mit bleichen, fest zusammengepreßten Lippen dastand. Doch Gerold achtete dessen nicht, weil alle seine Gedanken nur auf sein inneres Seelenleben gerichtet waren, bis eine allgemeine Bewegung ihm zeigte, daß der Gottesdienst jetzt beendet sei. Er war bald draußen, blieb aber stehen und wartete, bis Sauls hohe und aufrechte Gestalt erschien. Und als Gerold dem Freunde nahe war, da erfaßte er leidenschaftlich dessen beide Hände und flüsterte mit bebender Stimme: „Saul, mein Bruder, Adonoj hu hoelohim! Saul, Du wolltest mir nicht folgen, willst Du jetzt mein Führer sein? Ich will Dir gern und freudig folgen!" Lin mterrllanter jörirk. Von S. Rothschild in Worms. 4d£) hatte die Freude, seit zwei Jahren mit dem vor wenigen Tagen verstorbenen Prälaten, Domkapitular Dr.Friedr. Schneider in Mainz, der als Historiker in der Kunst- und Dombaugeschichte so Hervorragendes geleistet hat, in regem Briefwechsel zu stehen. Seine letzte Aeußerung datiert vom 19. v. M., in welcher er nur meldet: „Ich war über zwei Monate sehr empfindlich und sogar ernst leidend, so daß die wichtigeren Arbeiten völlige Unterbrechung erlitten haben." Von sicher allgemeinem Interesse ist folgender Brief vom 18. August 1906: Sehr geehrter Herr! Sie erzeigen mir durch Ihr Schreiben vom 17., das Sie mit der Sendung Ihrer Veröffentlichung zur Geschichte der dortigen israelitischen Gemeinde begleiten, eine Aufmerksamkeit, für die ich besonders dankbar bin. Die freundliche Stellung zu Ihren Glaubensgenossen, die mich mein ganzes Leben begleitet hat, ist ein Erbe meiner Eltern: mein Vater war in seinen geschäftlichen Beziehungen ein freundlicher Förderer der vermittelnden Geschäftsleute, deren nächste und selbst spätere Nachkommen dessen mit Dank sich erinnern. Amicus gentis nostrae. An die ehrwürdige Synagoge zu Worms knüpft sich für mich die Erinnerung an den Besuch des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und der Kronprinzessin, die ich damals begleitete. Vielleicht freut Sie, ein kleines Begebnis zu erfahren, das sich an den Besuch der Synagoge knüpfte. Einer Ihrer Glaubensgenossen ging erklärend zur Seite. Daraufhin äußerte die Kronprinzessin zu dem im Gefolge befindlichen Archäologen Oberst v. Cohausen, der ihr Vertrauen in hohem Grade besaß, in liebenswürdig scherzendem Ton: „Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitte." Das war ein Wort aus noch sonnigen Tagen, wo freilich dunkle Wolken schon drohten. Unter hochachtungsvoller Begrüßung zeichne ich ergebenst gez.: Prälat Dr. Friedr. Schneider.