Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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im Symbol die'Beschneidung im Geiste (Römer 2, 27 und 29), gegen „den Dienst im alten Wesen des „Zeichens" fllK den Dienst im neuen Wesen des Geistes" (ibid. 7, 6). Der Uebersetzer hat nur das Wort fi)« „Zeichen" als „Buchstabe" genommen, worüber man sich nach den oben angeführten Verwechslungen von HBÖ „Stab" mit NL!2 „Bett" nicht weiter wundern wird. Wenn Paulus dies im 2. Korinther 3, 6 so faßt: „Das Symbol (rilK) tötet, aber der Geist macht lebendig", so ist er damit weit entfernt davon, einen originellen Gedanken auszusprechen; er wiederholt, allerdings in scharfer polemischer Form, ein von vielen Juden der Diaspora längst aufgestelltes Problem: wenn die Vorschriften des Gesetzes Symbole sind, wozu dann die tatsächliche Ausübung, nachdem man den Geist schon erfaßt hat? Das ist der Standpunkt der Antinomisten, der uns in der Polemik Philos, gegen denselben, sehr präzise erhalten ist. „Philo bleibt" — so schreibt ein christlicher Theologe, Bousset, Religion des Judentums, S. 412 u. ff. — „in seinem Leben gesetzestreuer Jude . . . Trotz feiner geistigen Umdeutung des Gesetzes hält er an dessen „buchstäblicher" Erfüllung fest. Das mosaische Gesetz hat nicht nur eine Seele, welche durch die geistige Deutung enthüllt wird, sondern auch einen Leib. Wenn man die Seele will, muß man auch den Leib wollen. Man muH nicht nur innerlich der Weise sein wollen, sondern auch äußerlich als solcher erscheinen. Scharf wendet sich Philo gegen die, welche die Außenseite des Gesetzes verwerfen wollen." In den hier von Philo bekämpften Gegnern des Gesetzes in leiblicher Ausführung haben wir im Judentum die Vorgänger des Paulus. Freilich, Paulus ist über diese hinansgegangen, denn er ist von der monistischen Weltanschauung des Judentums, welche im Menschen, nicht bloß in der Seele, ein „Ebenbild Gottes" erblickt, zum Platonischen Dualismus, der die Welt der Sinne als unvollkommen und minderwertig der Welt der Ideen gegenüberstellt, herab gestiegen, indem er den Plato wieder überbot, den Leib als „von Natur sündhaft" erklärte und dem Menschen die Fähigkeit absprach, sich selbst von der Sünde zu erlösen. Das „Gesetz Moses" macht jeden Menschen zu seinem eigenen Erlöser. Paulus stellt den Menschen unter die Vormundschaft eines fremden Erlösers; darum muß er gegen das „Gesetz" in einen Kampf auf Leben und Tod eintreten. Er bekämpft aber nicht den „Buchstaben" des Gesetzes, sondern die Symbole, mniK. Sein Kampf gegen den „Buchstaben" ist ein — Mißverständnis des Uebersetzers. Vor Torrolchluh (Neiiah). Von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. III. jfjoller Ungeduld warf sich Gerold ans das weiche, üppige Bett. Wenn er doch nur ein einziges Mal schlafen könnte — einen gesunden, natürlichen Schlaf, nicht jenes betäubende, ermattende Hinbrüten, das ihm noch am nächsten Morgen bleischwer in den Gliedern zu liegen pflegt. Und während er sich die ganze Nacht schlaflos hin- und hergewälzt, da dämmerte ein Gedanke in ihm auf, verschwommen noch und nebelhaft, weil er ihm gar so befremdlich, gar so zwecklos deuchte, er konnte zwar nicht glauben, daß dieser Gedanke auch nur den nächsten Morgen überleben wird — dennoch aber wurde er klarer und deutlicher, fester und greifbarer, so daß, als Gerold frühzeitig die Lagerstätte verließ, das, was er für eine nächtliche Vision, für einen Geisterspuck gehalten, bereits Form und Gestalt angenommen und zu einem festen Entschlüße sich verdichtet hatte. Ohne das ihm Vorgesetzte reichhaltige Frühstück auch nur eines Blickes zu würdigen, begab er sich in den nahegelegenen Wald, deffen geheimnisvolles Rauschen, dessen buntfarbige Blätterpracht beruhigend und beschwichtigend auf seine Nerven einwirkte. Stundenlang wanderte er da herum, nur mit dem einen Gedanken beschäftigt, mit vollem klaren Bewußtsein zu prüfen, ob die nächtliche Eingebung auch vor dem Tageslicht Bestand halten werde, ob der im traumhaften Zustande gefaßte Entschluß nunmehr sich verflüchtigen oder zum festen Vorsatze ausreifen wird. Endlich war er so weit. — Gegen vier Uhr nachmittags ging er zur Stadt zurück, festen Schrittes nach der — Synagoge, wo, wie er wußte, Saul seine Andacht zu verrichten pflegte. Der Weg dahin war ihm nicht unbekannt, denn schon einmal früher hatte er seinen Freund dahin begleitet — allerdings nur bis zum Eingang —, als jener bei der Wiederkehr des Todestages seiner Mutter zur vorgeschriebenen Seelenseier sich dahin begeben. Gerold blieb dicht am Eingänge stehen, um alle einzelnen Vorgänge besser überschauen zu können. Und was er da sah, das ergriff ihn mit unwiderstehlicher Kraft. Nie vorher hatte er solche hoffnungsfrohe Demut, nie vorher solche freudige Ergebung in einem Menschenantlitz so sichtbarlich wahrgenommen! Losgelöst von allem Weltlichen, von sich werfend alles Irdische, äußerlich in das fleckenlose Sterbegewand gehüllt, innerlich zur reinen Höhe der Seligkeit sich aufschwingend, jener Macht vertrauend, die dem Auge verborgen bleibt, um in der Brust das beseligende Feuer des unerschütterlichen Glaubens zu entzünden. Wie eine höhere Eingebung überkam es ihn plötzlich, daß, wenn er öfter Gelegenheit hätte, seine verpönten Stammesgenossen so zu sehen, wie sie über das Alltägliche und Gewöhnliche in ernster Andacht sich erhoben, er wäre wahrlich nimmer dazu gekommen, sie als eine Bande kriechender Erdlinge, als einen Haufen staubleckender Selbstsüchtlinge zu betrachten! Wären sie nur solche gewesen, sie hätten nimmer den Rassenstolz, die Erinnerung an die herrliche Vergangenheit, den Stempel stiller Größe und Hoheit unverdienter Leiden, die feste Zuversicht auf eine freudige Zukunft, sie hätten all dieses nicht so in sich aufnehmen und jahrhundertelang zum wesentlichsten und hauptsächlichsten Bestandteile ihres ganzen Daseins umgestalten können! Hier, unter sich, nur mit ihrem Gotte allein, von keinem Späherauge bewacht, von den Mauern des Heiligtums umschloffen, von der Gemeinde Israels umgeben, hier merkt man auf den ersten Blick: sie wußten ganz genau, was sie waren — sich selbst und der ganzen Menschheit! Und der Gottesdienst ging weiter und weiter, und die Abendschatten wurden länger und länger; ein feierliches, geheimnisvolles Halbdunkel herrschte im ganzen Raume, und nur noch vereinzelt drang hin und wieder ein glänzender Strahl der untergehenden Sonne herein, hier das andächtig gebeugte Greisenhaupt verklärend, dort wieder das begeisterte Jünglingsauge noch feuriger gestaltend. Bald aber flammten die Lichter auf, die Gemeinde rüstete sich zum Schlußgebet, als wollte sie dem erhabenen Tag noch