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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-27 · Heft 39 (27.9.1907) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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freie Paraphrase der Uebersetzung geben, haben nicht vergessen, das Aufheben deS Bettes als ein Wunder im Wunder besonders zu erwähnen. Wenn die Uebersetzung *pw ®>u ~vv xXivrp, hebe auf dein Bett, nicht das Wörtchen „dein" hinzugefügt hat, dann stand im -Original -sl2v litt llnn, hebe auf deinen Stock, was auch wahrscheinlich ist, denn es ist dann eine Einlegung des biblischen Verstecks Exodus 14,16 und anderer Stellen. Der Sprachschnitzer ist aber in diesem Falle ein sehr großer, denn es liegt dann eine Verwechslung von “jaa, dein Stock, mit dein Bett, vor, obgleich beide Worte auch im unpunktierten Texte verschieden sind. Möglich aber, daß im Original das Pronomen „dein" gefehlt hat, so daß es nx Q“in ntoan, heb' auf den Stab hieß, so daß die hebräischen Worte für „Stock" und „Bett" dieselben Buchstaben haben und der Fehler dadurch kleiner wird. — Man ersieht schon aus diesen wenigen Beispielen, daß das Niveau der hebräischen Sprachkenntnisse bei den Uebersetzern der neutestamentlichen Urquellen kein so hohes war, um bei der exegetischen Behandlung des jetzt vorliegenden Neuen Testaments nicht mit der Möglichkeit von Mißverständnissen seitens des Uebersetzers rechnen zu müssen. Nach diesem Exkurse kehren wir nun zu der Paulinischen Antithese von „Geist" und „Buchstabe" zurück, von der wir ausgegangen. Zuerst tritt uns diese Antithese im Römerbrief 2,27 und 29 entgegen. Dort ist die Rede von der Beschneidung. Paulus setzt den Heiden, der ohne Beschneidung das „Gesetz" hält, dem Juden entgegen, der mit derselben das „Gesetz" Übertritt. Die Stelle Vers 26 bis 29 lautet: „So nun die Vorhaut (der Heide) das Recht im Gesetz hält, meinest du nicht, daß da die Vorhaut werde für eine Beschneidung gerechnet? Und wird also, das von Natur eine Vorhaut ist, und das Gesetz vollbringet, dich richtender du unter dem Buchstaben und Beschnei düng bist und das Gesetz übertrittst, Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist. auch ist das nicht eine Beschneidung, die auswendig am Fleisch geschieht, sondern das ist ein Jude, der's inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht usw." Man sieht sofort, daß hier der Gegensatz des „Buchstaben" zum „Geist" ganz unerwartet und unvermittelt kommt. Man erwartet als Gegensatz des „Geistes" das „Fleisch" und nicht den Buchstaben. Noch weniger am Platze ist die Polemik im 27. Verse: „Der bn unter dem Buchstaben und Beschneidung stehst". In diesem Teile greift Paulus die an, die trotz der Beschneidung das Gesetz übertreten. Er tritt also hier für das Gesetz ein. Der Kampf gegen den „Buchstaben" ist aber der Kampf gegen das' „Gesetz"; er kämpft denmach in derselben Weise für und gegen das „Gesetz". An zweiter Stelle tritt die Antithese „Geist und Buchstabe" (Römer 7, 6) auf. Die Stelle lautet: „Nun aber sind wir vom Gesetze los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, also daß wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens." Aber an dieser Stelle bekämpft Paulus nicht nur das Gesetz in seinem Buchstaben, sondern auch in seinem Geiste, und selbst in seinem sittlichsten Gehalt. Denn der folgende Vers (7, 7) lautet: Aber was wollen wir denn nun sagen'? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht, ohne durchs Gesetz. Denn ich wußte nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: Laß dich nicht gelüsten!" Wer wollte aber gerade in diesem Gesetze: Du sollst nicht gelüsten! „Geist und Buchstaben" in Gegensatz setzen? Es ist begreiflich, daß Paulus in seinem Kampfe gegen das „Gesetz" bis zu dem Extrem sich treiben ließ, auch die moralischen Gesetze für verwerflich zu halten, weil sie die Aufmerksamkeit auf das Verbotene lenken. Es ist ja allerdings naiv, zu behaupten, daß das Gelüsten ohne das „Gesetz" sich nicht im Herzen einfinden werde. Nun, in der Hiye des Gefechtes sind solche Extreme begreiflich. Aber so unlogisch, den Kampf gegen das Verbot des Gelüstens als einen Kampf gegen den Buchstaben anzusehen, ist man auch im heftigsten Kampfe nicht. Die Sache verhält sich eben wieder wie bei dem Vorhergehenden: wir haben es wieder mit einem artigen Mißverständnis des Uebersetzers zu tun. Für daS, was der Uebersetzer mit „Buchstabe" wiedergibt, hat im Original das hebräische Wort niti gestanden. Dieses Wort bedeutet ursprünglich „Zeichen", wird aber im späteren Hebräisch gebraucht für Buchstabe, allerdings mit dem Plural nVTllX, während m« Zeichen in der Mehrzahl mm« hat. Nun kommt gerade bei der „Beschneidung' die Bezeichnung 1T12 nitf Zeichen des Bundes, (Genes. 17, 11) vor. Demgemäß stand an der Stelle Römer 2, 27: „unter dem Buchstaben und Beschneidung" im Hebräischen mx nnn, oder wahrscheinlicher noch n^'QN m« nnn unter dem Zeichen „der" Beschneidung. Der Uebersetzer nahm es für „Buchstabe", und da er aus dem „Buchstaben der Beschneidung" nichts zu machen wußte, setzte er an Stelle des „der" ein „und". nl« heißt an dieser Stelle nicht „Buchstabe", sondern „Zeichen", „Symbol". Damit haben wir den eigentlichen Zielpunkt der Paulinischeu Polemik: Ueber die Beobachtung der religiösen Vorschriften des Judentums als bloßer Zeremonie, als einer gedankenlosen, äußeren Handlung, war man nicht nur in der Diaspora, wo der Hohn der Judenfeinde zu einer Symbolik des jüdischen Zeremonialgesetzes herausforderte, sondern auch in Palästina selbst längst hinaus. Längst war in der haggadischen Tätigkeit der Schriftgelehrten die Tendenz auf die Erforschung der Gebote, niLVN gerichtet. Die ganze, so bedeutende Philosophie des großen Alexandriners Philo ist nicht in Form eines Systems, sondern der symbolischen Ausdeutung der biblischen Erzählungen und Gesetze gegeben. Dasselbe haben wir in sehr wertvoller Weise bei Josephus, sowohl in den „Altertümern", aber noch mehr in der apologetischen Schrift: „Gegen Apion". Nach der damals besonders in der Diaspora herrschenden Anschauung waren die Vorschriften des Gesetzes mm# „Symbole", „Zeichen". In dieser Auffassung der gesetzlichen Vorschriften als „Symbole" hielten die Juden der Diaspora fest an dem „Gesetz". Durch die Symbolik war das Gesetz dem Spott der Feinde entrückt: es lag ein höherer, heiliger Sinn darin. Das Gesetz wurde, in symbolischer Auffassung, nicht bloß dem Buchstaben, sondern dem Geiste nach von den Frommen gehalten. Dem Paulus, dem Heidenmissionar, der das ganze Gesetz aufheben wollte, stand das „Gesetz" ganz besonders als Träger von Ideen, als Symbole, störend im Wege, und er befolgte nun die Taktik, den „Teufel durch Beelzebub auszutreiben": er bekämpfte den Geist mit dem Geiste; gegen den Geist, der als Gesetzesvorschrift, als Symbol, in die Erscheinung trat, führte er den reinen Geist zu Felde, gegen die Beschneidung

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