Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
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Daß diese Stelle eine sehr späte Interpolation ist, ersieht inan schon aus der Spezialisierung der Gegner: „Feinde"; „die euch fluchen"; „die euch hassen"; „die euch beleidigen und verfolgen". Da sind offenbar schon die „Christenverfolgungen" an der Tagesordnung, und es verdient dann das Gebot der Liebe gegen die Feinde nur um so größere Anerkennung. Mit dieser so weitgehenden Liebe würde es sich aber um so weniger vertragen, wenn die falsche Uebersetzung des weahabta le-reacha kamocha eine bloße Böswilligkeit sein sollte. Es ist offenbar eine Verwechslung von reacha, dein Nebeninensch, mit achicha, dein Bruder. Der Kenner des Hebräischen, der Heiligen Schrift im Original, weiß, daß überall, wo es sich um besondere Pflichten gegen den Israeliten, den Volksvder Religionsgenvssen, handelt, die Schrift nicht den Ausdruck reacha, dein Nebenmensch, gebraucht, sondern achicha, dein Bruder. So ist in den Vorschriften, welche nicht aus dem natürlichen Verhältnis des Menschen zum Menschen, sondern aus der Voraussetzung der Gegenseitigkeit im gemeinschaftlichen Volksleben hervorgehen, wie „Einlösung der verkauften Familiengüter" — Levit. 25, 25 — oder „Auslösung des Sklaven" — das. V. 47 u. 48 — ausdrücklich das Wort achicha, dein „Bruder", angewandt: „Wenn dein Bruder verarmt", „einer von seinen Brüdern soll ihn auslösen". Diese und ähnliche Pflichten beziehen sich in der Tat nur auf den „Freund", den Volksgenossen usw. Hätte nun die Lehre Mosis die „Nächstenliebe" nur auf den „Nächsten", den Freund, den Religionsgenossen usw. beschränken wollen, dann hätte die Vorschrift gelautet: weahabta le-achicha, „du sollst lieben deinen Bruder!" Dann Wäre zwar die Umkehrung: „und deine Feinde hassen", auch noch nicht darin enthalten gewesen, aber es wäre dann die Liebe nur für den „Bruder" gefordert. Zwischen „Lieben und „Haffen" liegt nur für den nichts in der Mitte, der den Grundsatz hat: Wer nicht für mich, ist gegen mich. Das ist nicht der Standpunkt der Mosaischen Lehre, das ist der Standpunkt des Proselytenmachers. Die Folgerung: Du sollst deinen Feind hassen! wäre in keinem Falle gerechtfertigt, auch wenn die Liebe nur für den Bruder gefordert würde. Eine Religion, welche lehrt: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm Brot, und wenn ihn durstet, gib ihm Wasser!", oder: „Wenn du den Ochsen deines Feindes, oder seinen Esel, verirrt antriffst, sollst du ihn ihm zurückbringen! Wenn du den Esel deines Hassers hingestürzt unter seiner Last siehst, so unterlaß es, ihn zu verlassen!" iExod. 23, 4 und 5), kann unmöglich den Hatz gegen die Feinde predigen. Auch hier kann man nur Mangel an genauerer Kenntnis des Schrifttums als Milderungsgrund annehmen. Aber die Wurzel des Ganzen ist doch die Verwechslung des Wortes: reacha mit achicha. Diese Verwechslung liegt dein Griechen, der reacha mit -j.rpw svj, „deinen Nächsten" übersetzt, ebenso nahe wie dem Deutschen. Der „Nächste" ist dem Wortlaut nach derjenige, der uns am meisten „nahe" ist, also in einem engeren Verhältnis zu uns steht. Dem entspricht im Hebräischen das Wort karob, imp, ein Naher, das heißt ein „Verwandter". Der Hebräer unterscheidet da sehr fein drei Stufen: der Bruder, der Nahe, das heißt der Verwandte und der Nebenmensch, nK. STp» und in. Im Deutschen: „der Nächste" und im Griechischen ~'i-vv*, der Nahe, ist das ganz neutrale Verhältnis des Nebeninenschen getrübt und dadurch die Möglichkeit gegeben, die Mißdeutung zu begehen. Jesus selbst, — vorausgesetzt, daß er historisch ist, was bekanntlich Kalthoff und die ganze sozial-theologische Richtung in Frage stellen — hätte diesen Schnitzer, der dem Jnterpolanten mit dein Gebote: Liebe deinen Nebenmenfchen wie dich selbst! unterlaufen ist, bei der Kenntnis des Hebräischen, die man bei ihm voraussetzen darf, gewiß nicht begehen können. - Solche mangelhafte Kenntnis des Hebräischen tritt bei den Uebersetzungen des Neuen Testaments aus den hebräischen Originalen vielfach in der ergötzlichsten Weise auß so zum Beispiel 2. Korinther 5, 21: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur „Sünde" gemacht." Was heißt das: Gott hat Jesus zur „Sünde" gemacht? Auch der Grieche hat *!«*p7tav ’i-'A-rpi't. Das wird nur verständlich, wenn man es zurück ins Hebräische übersetzt: ascher Io jada chatath (nstOH) otho assa le-chatath (TiKtOnS). Das hebräische chatath heißt bekanntlich „Sünde" und „Sündopfer". Die nur im Hebräischen mögliche Feinheit des Wortspieles: den, der von keiner „Sünde" wußte, hat Gott zum „Sündopfer" gemacht, hat der Uebersetzer nicht verstanden, und dadurch geht der ganze Sinn verloren. -- In noch ergötzlicherer Weise tritt die schwache Kenntnis des Hebräischen in der Erzählung von der „Heilung des Gichtbrüchigen" zutage Matth. 9, 1—8 und Parallelstellen). In der Uebersetzung lautet der Bericht: „Und siehe, da brachten sie zu ihm einen Gichtbrüchigen, der lag auf einem Bette... Auf daß ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht habe auf Erden, die Sünden zu vergeben — sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Stehe auf, heb' dein Bett auf und gehe heim. Und er stund auf und ging heim." Heb' dein Bett aus! Dieser; Zuruf Jesu erscheint sehr fremdartig und als Tendenz, möglichst zu übertreiben. Ist es nicht Wunder genug, daß der Gichtbrüchige wieder gehen kann, muß er auch gleich so kräftig sein, sein Bett mrszuheben? Ueberhaupt ist schon das Hintragen auf dem Bette nicht natürlich; man erwartet, daß man den Kranken vom Bette heraushebt und auf einer Tragbahre zum Arzt bringt, aber doch nicht gleich mit dein ganzen schweren Bette. Auch ist es bei Matthäus merkwürdig, daß er zum Schluß nur schlicht berichtet: „Und er stund auf und ging heim", ohne es der Mühe wert zu achten, zu erzählen, ob er denn auch wirklich das schwere „Bett" aufgehoben habe; die beiden andern Synoptiker vergessen das nicht. Markus 2, 12 erzählt: „Und alsbald stund er auf, nahm sein Bette und ging hinaus" usw., und ebenso Lueas, der überhaupt viel weitschweifiger ist, 5, 25: „Und alsbald stund er auf vor ihren Augen und Hub das Bettlein auf" usw. Daß Matthäus von dem Aufheben des Bettes so wenig Aufhebens macht, ist ganz unbegreiflich. Alle diese Schwierigkeiten beruhen aber wieder auf eitlem, allerdings recht drolligen, Uebersetzungs-Schnitzer. Für das, was Matthäus mit: „der lag auf seinem Bette" (9,2) wiedergibt, stand im hebräischeir Original: irtDD bj} pW Xim, er lehnte sich auf seinen Stock. Nun ist im unpunktierten hebräischen Texte matteh, Stock, und HiDti mittah Bett, ganz gleich; der Uebersetzer verwechselte das und gab dafür: er lag auf seinem Bette. Beim Stock ist es ganz natürlich, daß Jesus zum Kranken sagt: Heb'auf deinen Stock! “jtSE n« cm zum Zeichen, daß er nun allein gehen könne und keines Stabes mehr bedürfe, und da dieses Aufheben des Stockes an sich kein besonderes Wunder, sondern nur ein Beweis für die vollständige Heilung sein sollte, eirtspricht es wieder vollständig der Situation, daß im hebräischen Original nur einfach berichtet war: „Und er stund auf und ging heim," ohne das Aufheben des Stockes, das keine besondere Leistung war, besonders zn erwähnen. Erst Markus und Lukas, die eine