Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 463 (sequence 7)
- Language
- German
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463 tragen, um das Einkommen des Kultusbeamten um diesen Betrag zu erhöhen! Andere kleine Gemeinden, die gar keinen Kultusbeamten haben, lassen den Religionsbeziehungsweise hebräischen Unterricht nicht durch Volksschullehrer aus den Nachbarorten, sondern durch den Kultusbeamten der Nachbargemeinde erteilen, weil diese Herren billiger arbeiten! Ja eine kleine Gemeinde hat lieber auf den Anschuß des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes verzichtet, weil dieser nach den bestehenden Bestimmungen die Unterrichtserteilung durch einen staatlich geprüften Lehrer verlangt, und einen „billigen" Kultusbeamten einer anderen Nachbargemeinde verpflichtet, obwohl bis dahin ein staatlich geprüfter Lehrer einer Nachbargemeinde den Unterricht erteilt hat! Ich meine, jeder Glaubensgenosse, dem die religiöse Unterweisung unserer Jugend am Herzen liegt, insbesondere aber unsere Herren Rabbiner, jeder, der für die Nahrungssorgen unserer vielen unbeschäftigten jüdischen Volksschullehrer Mitgefühl hat, sollte den Gliedern dieses Standes im Kampf um ihre Existenz seine helfende Hand leihen!') „Geilt" und „Mchttsbe" beim Wolle! Osulus. Von Dr. I. Goldichmidt-Offenbach a. M. ie dem verschmachteten Wanderer in der Wüste, der in der unendlichen Dürre und dem öden Sande plötzlich auf eine frische, duftige Oase stößt, so geht es uns mit dem Apostel Paulus, wenn wir an die Stelle kominen: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig." Paulus, der das starre Dogma auf die Spitze zu treiben nie zurüüschreckte, der die Kühnheit hatte, der ganzen Wirklichkeit den Krieg zu erklären, der Natur und dem Menschen das Brandmal unvertilgbarer Sündhaftigkeit aufzudrücken, dem Menschen alle Freiheit abzusprechen und rein der Gnade des Erlösers preiszugeben, der das „Glauben" an die Stelle des „Denkens" seht, der aus den Worten der Schrift, also aus „Buchstaben", alle seine Dogmen zu erweisen sucht, bei dem man auf Schritt und Tritt das stereotype: „Wie denn geschrieben steht" antrifft — er soll der faustische Verächter des „Buchstabens" sein? Es ist wahr, er hat das entscheidende Wort geprägt: „Christus ist des Gesetzes Ende!" Er hat „die Gerechtigkeit aus Glauben im Glauben" an die Stelle des „Lebens unter dem Gesetze" gebracht. Aber er bekämpft nicht nur den „Buchstaben" des Gesetzes, sondern auch den berechtigten Inhalt des Gesetzes, selbst die Moral im Gesetz. Er versteigt sich in seinem Kampf gegen das Gesetz zu der Paradoxie: „Ich wußte nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: „Laß dich nicht gelüsten!" (Römer 7, 7.) Das ist nicht mehr ein Kampf gegen den „Buchstaben", das ist ein Kampf auch gegen den „Geist" in Gesetzesform. Nicht der „Buchstabe" ist es, was er im „Gesetz" bekämpft, sondern das „Gesetz" überhaupt. Dazu kommt noch folgendes, was die Schwierigkeit vergrößert. h Um unsern Lesern Gelegenheit zu geben, sich selbst ein unbefangenes Urteil über die Streitfrage bilden zu können, erscheint es uns als das Zweckmäßigste, die Vertreter der verschiedenen Anschauungen zu Worte kommen zu lasien. So werden wir demnächst auch einem Vertreter der Kultusbeamten Gelegenheit geben, die Sache dieser hier zu vertreten. Wir glauben übrigens, daß es nicht schwer werden wird, die verschiedenen Ansichten und Wünsche schließlich zu vereinigen. Die Red. Es gab im Judentum der damaligen Zeit noch einen, wenn auch wenig bedeutenden Rest der Partei der Sadduzäer, welche bekanntlich die buchstäbliche Auffassung des Gesetzes auf die Spitze getrieben hat. Sie leugneten die Gültigkeit aller bloß tradierten, nicht in der Schrift gegebenen Vorschriften, dagegen nahmen sie die Schrift wörtlich und buchstäblich. Ich erinnere nur an das Gesetz „Auge um Auge", welches die Sadduzäer wörtlich ausgeführt wissen wollten. Den Sadduzäern standen gegenüber die Pharisäer, die neben der Schrift und für die Interpretation der Schrift die Tradition anerkannten. Um bei dem Beispiel des jus talionis „Auge um Auge, Zahn um Zahn" zu bleiben, war die hebräische Auffassung auf Grund der Tradition gegen den Buchstaben gerichtet. Sie interpretierten das Gesetz im Sinne der Geldentschädigung für Schmerzen, Schaden, Entwertung usw. In allen Differenzen zwischen Sadduzäern und Pharisäern tritt immer die Tendenz der ersteren zur Auffassung nach dem „Buchstaben" und der letzteren nach dem „Geiste" hervor. Paulus stand aber im erbittertsten Kampfe, ebenso wie das ganze „Neue Testament", gerade gegen die Pharisäer, welche die Gegner des Buchstabens waren. Seine Polemik gegen den „Buchstaben" bringt ein fremdes Element in sein System hinein, wodurch dieses in einem falschen Lichte erscheint. Die Polemik gegen den Buchstaben ist der Kampf der Pharisäer gegen die Sadduzäer, die Polemik gegen den „Rauch der Laute und der Worte". -»'-po; wx ovoi^-wv — ist die Charakteristik Philos, des Alexandriners, der die ganze Heilige Schrift, nicht bloß die Gesetze, sondern auch die Personen und Geschichten in philosophische Symbolik auflöste, ohne aber dabei die Verbindlichkeit des „Gesetzes" preiszugeben. Was Paulus seine religionsgeschichtliche Bedeutung gibt, ist gerade dies, daß er weiter geht als die, welche den „Buchstaben" des Gesetzes bekämpfen, daß er das „Gesetz" selbst bekämpft, daß er die Verbindlichkeit des Gesetzes, auch in seiner Durchgeistigung durch Symbolistik, fürs Leben aufhebt, weil es den Heiden die Annahme des Judentums erschwert und verleidet. Paulus ist nicht der Bußprediger, sondern der Heidenapostel, dem das Gesetz, nicht bloß der Buchstabe des Gesetzes im Wege steht, und bei der ungeheuren Energie dieses Heidenapostels im Denken und im Handeln wäre es überaus befremdlich, wenn er die Polemik gegen den „Buchstaben" von Philo und den Pharisäern übernommen hätte, mit denen er sonst so wenig Gemeinsames als möglich haben, mit denen er gewiß nicht verwechselt sein wollte. Die Lösung dieser Schwierigkeit ist in der mangelhaften Kenntnis des Hebräischen zu suchen, welche die griechischen Uebersetzer der hebräischen Originale der neutestamentlichen Quellen so unvorteilhaft auszeichnete. Schon die Interpolation in der sogenannten „Bergpredigt", welche das goldene Wort: „Du sollst lieben deinen Nebenmenschen wie dich selbst", in sein Gegenteil verwandelt, ist durch den Haß gegen die „Pharisäer" allein nicht begreiflich, sondern nur unter Berücksichtigung der Unkenntnis des Hebräischen. Die betreffende Stelle in der „Bergpredigt" (Matth. 5, 43 und Parallelstellen) lautet: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen. Auf daß usw. . . denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut, was tut ihr Sonderliches?"