Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228784--63847-3297781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Tugend, in der. Liebe." Als ob die wahre Liebe — die Liebe in ihrer erhabensten und lautersten Gestalt — nicht gerade in der gegenseitigen Hinneigung der Seelen bestände, und als ob diese Liebe nicht viel ferner von Egoismus wäre als die vom Gutachter gemeinte, durchaus in körperlicher, sinnlich - greifbarer Weise sich äußernde und betätigende, und als ob endlich die Bejahung des Lebens, das Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit und die Hoffnung ewiger Glückseligkeit nicht durchaus berechtigte und dazu ganz und gar in der Bibel und der Tradition, überhaupt in den gesunden Glaubensgrundsätzen des Judentums wurzelnde Dinge wären, die überdies keineswegs lediglich auf das eigene Selbst, sondern ebensogut auf das Schicksal der Nebenmenschen Bezug hätten! — Und wie denkt denn derHerr Gutachter über Gott? Ist auch er, wenn nur rein geistig, also vollkommen unkörperlich gefaßt, wie es die lautere jüdische Glaubenslehre fordert, nur eine „unklare Vorstellung", und soll etwa auch Gott nur in der anthropomorphen Art vorgestellt werden, in der sich ihn in der Tat diejenigen vorgestellt haben, die Maimonides als „Minim" kennzeichnet und die derselbe Abraham ben David — woran gleichfalls in der Denkschrift a. a. O. erinnert wird — gegen Maimonides in Schutz nehmen zu müssen glaubt? Und doch hebt auch der Talmud die reine Geistigkeit sowohl Gottes als auch der Seele in einer nachdrücklichen Parallele hervor. Vgl. Babli. Ber. 10 a. Auch Herr Dr. Baneth gibt zu, daß die messianische Idee der allgemeinen Völkerverbrüderung „das höhere Ziel ist"; aber nun kommt die wundersame Logik: da wir noch so wenig von der Erreichung dieses Zieles sehen — „die Welt starrt von Waffen usw." — so müsse vorerst und vor allem im Gebet von einer „Auferstehung des jüdischen Volkes" geredet werden. Wenn uns aber Gott, wie wir es erflehen, jenes „höhere Ziel" erreichen läßt, wird das nicht eo ipso der herrlichste Triumph des jüdischen Volkes sein? Der Herr Gutachter zieht da auch den Sabbat herein; allein die vollste Sabbatfeier war viele Jahrhunderte hindurch unter weit erschwerenderen Umständen, als sie heute irgendwo in Frage kommen, ohne jüdischen Staat begangen worden, und nun hält sie Herr Dr. Baneth nur in einem selbständigen jüdischen Staatswesen für möglich. Damit würde ja gewissermaßen unwillkürlich die ungebührliche Unterlassung der Sabbatfeier in unserer Zeit gerechtfertigt werden. Ans den Gründen für die Beibehaltung der Opfergebete in dem Banethschen Gutachten sei nur der eine Satz hervorgehoben: „Dazu kommt, daß von den meisten Opfern nur Blnt und Fett auf den Altar kam, das Fleisch aber gegessen wurde." Also warum nicht ewig Opfer darbringen? Wenn nicht die Ehre des Gesamtjudentums auf dem Spiele stände, könnten wir es vom liberalen und konservativen Standpunkte aus nur begrüßen, daß die Orthodoxie ihren Gutachten die weiteste Verbreitung gibt. 8. M. Die Lingabe der Milchen Lehrer. Von Hermann Becker. estatten Sie mir in diesem unparteiischen Organ füralle jüdischen Interessen einige Worte über die Berechtigung zu dem Vorgehen der jüdischen Lehrer in Sachen des Religionsunterrichts. Der Verein jüdischer Lehrer der Ostprovinzen, dessen Mitglieder in erster Reihe unter den Folgen des bisherigen, gesetzlich ungeordneten Zustandes in dieser Angelegenheit zu leiden haben, hat schon auf mehreren Jahresversammlungen diese Frage behandelt. Auf der vorletzten Tagung wurde beschlossen, zunächst bei den beteiligten Bezirksregierungen in Posen, Bromberg und ^Breslau gegen die Unterrichtserteilung durch ungeprüfte Elemente vorstellig zu werden, weil nicht allein der Religionsbezw. hebräische Unterricht, sondern auch die deutsche Verkehrssprache, die wir in den öffentlichen Volksschulen zu lehren und zu pflegen haben, ja auch die Disziplin bei einer Unterrichtserteilung durch ungeprüfte Elemente Schaden leidet. Denn es ist klar, daß Dorbeter und Schächter, die meist ganz anderen Berufskreisen, wie Handwerker, Handelsleute und sonstige Gewerbetreibende, entstammen, also Leute, die ihre Bildung mit der Volksschule abgeschloffen haben, häufig auch nicht einmal Volksschulbildung besitzen, da sie sehr oft aus solchen Ländern eingewandert sind, wo man die obligatorische Volksschule nicht kennt, unmöglich unsere Knaben und Mädchen, welche höhere Schulen besuchen, auch nicht einmal die Schüler einer deutschen Volksschule zweckentsprechend unterrichten können. Soll der wichtigste Unterricht unserer Jugend, der ohnedies weder durch das Haus, noch durch die paritätische höhere und niedere Schule die geringste Förderung erfährt, durch Personen erteilt werden, die nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sind? Soll Begeisterung für die heiligsten Güter unserer Religionsgemeinschaft die Herzen erfüllen, wenn der kritisch veranlagten Schuljugend die Achtung vor der Lehrperson fehlt? Ich glaube, das will niemand unter den deutschen Juden. Es ist tief bedauerlich, daß der deutsche Rabbinerverband sich an den Herrn Minister mit einer Gegenvorstellung in dieser Angelegenheit gewendet hat. Wir wollen diesen Schritt indes nur als Folge der falschen Berichterstattung ansehen. Denn in unserer Vorstellung an die zuständigen Behörden haben wir ausdrücklich nur da den Religions- und hebräischen Unterricht für uns beansprucht, wo ein staatlich geprüfter Lehrer am Orte ist, nicht aber durchweg in allen Gemeinden. Von den Bezirksbehörden erhielten wir keine entschiedene Antwort, also blieb den jüdischen Lehrern nichts anderes übrig, als den Jnstanzenzug zu erschöpfen. Es ist bedauerlich, daß durch eine Indiskretion die Angelegenheit in die Oeffentlichkeit gekommen ist, ehe die endgültige Entscheidung des Herrn Ministers gefallen ist; so aber ist die alte jüdische Zwiespältigkeit wieder einmal den Fernstehenden offenbar geworden. Ich möchte indes diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne auch die finanzielle Seite zu berühren. Der Herr Minister teilt mit, daß — was wir im Osten gar nicht angeregt haben — jüdische Lehrer bereit sind, auch den Schächter- und Vorbeterdienst zu übernehmen, um den Gemeinden die Anstellung zweier Beamten zu ersparen. Die Verbindung des Kantor- und Schächteramtes mit dem Amte eines staatlich geprüften Lehrers regt zu so vielen Fragen an, daß wir im Rahmen dieser kurzen Erörterung nicht auf die Sache eingehen können. Nur so viel sei bemerkt, daß die Unterzeichner jener Anregung an den Herrn Minister, zu welchen ich nicht gehöre, wohl nur infolge der vielen unbeschäftigten jüdischen Volksschullehrer, die mangels jüdischer Schulen keine Anstellung finden, zu diesem Vorschläge gekommen sind. Aber auch die gegenwärtig angestellten Volksschullehrer erleiden durch die Uebertragung des Religionsunterrichts an ungeprüfte Lehrpersonen einen materiellen Schaden. Denn sowohl der hebräische Unterricht wie auch der Religionsunterricht an paritätischen Schulen wird besonders honoriert, und einige Gemeinden haben diesen Unterricht dem jüdischen Volksschullehrer sogar entzogen, beziehungsweise ihm deswegen nicht über- /