Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228784--63846-3297780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
zutage, die dem Ansehen der jüdischen Wissenschaft und der Achtung vor der jüdischen Religionsübung bei allen Denkenden nur abträglich sein können. Wir erachten es daher für unsere Pflicht, diesen Anschauungen entgegenzutreten. Herr Oberrabbiner Dr. Wolf Feilchenfeld in Posen anerkennt zwar, „daß die Propheten Jesaja, Jeremia, Amos und andere die Opfer als untergeordnet bezeichnen, weil sie, ihrem Namen entsprechend, eine Annäherung an Gott bewirken, nicht dieselbe oder die Heiligung der Sitten ersetzen sollen", beruft sich dagegen auf Maleachi als Zeugen für das ewig Wertvolle der Opfer. Gerade dieser Prophet hat jedoch die furchtbare Veräußerlichung der Religiosität und die grobe Unsittlichkeit, die neben allem Opfereifer einhergingen, ins grellste Licht gestellt, sowie die Scheinheiligkeit und die Nichtswürdigkeit, zu der das Opferwesen ausgeartet ist, aufs schärfste gegeißelt. Garwunderlich klingt es ferner, wenn derselbe Gutachter meint, der biblische Gedanke, daß die Lebenskraft des als Opfer dargebrachten Tieres in seinem Blute liege, könne Veranlassung geben, „das heiße Tierblut in den Adern der Menschen durch die Beobachtung der göttlichen Gebote abzukühlen und zu veredeln". Ist schon logisch ein Kausalzusammenhang zwischen dem Vergießen des Blutes von Opfertieren und der Veredlung des Blutes des Opfernden nicht zu konstruieren, so muß man fragen, ob denn wirklich zur Zeit des Opferkultus die Israeliten im allgemeinen sittlicher und edler gewesen sind, als nach dem Aufhören desselben? War nach der überlieferten Auffassung nicht die damalige Sündhaftigkeit des Volkes an der Zerstörung des Tempels schuld? Eine sonderbare Auffassungsweise und zugleich ein Spezimen orthodoxer Bibelauslegung offenbart auch der Satz : „Schon Gen. 8, 21 werden die Opfer als ein so wirksames Heiligungsmittel bezeichnet, daß es infolge desselben nicht mehr nötig sein werde, die Erde um des Menschen willen zu verfluchen, wenn auch das Gebilde des Menschenherzens schlechter sein sollte als in seiner Jugend"! Der Opferkult war bekanntlich kein Monopol des Judentums, da er vielmehr im Altertum bei allen Völkern die übliche Art der Gottesverehrung gewesen ist. Ja Maleachi (1, 10. 11) spricht sogar im Gegensatz zu den den Opferdienst entweihenden Israeliten rühmend von den Völkern, daß unter i ihnen „überall, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Nieder- I gange" geräuchert und dargebracht werde dem Namen des Herrn der Heerscharen, „und zwar eine reine Gabe; denn groß ist mein Name bei den Völkern, spricht der Herr der Heerscharen". Waren nun diese alten Heidenvölker etwa heiliger als die heutigen Kulturvölker? In den „Vorbemerkungen" zu seinem Gebetbuchentwurf hat der badische Oberrat besonders auch daraus hingewiesen, daß „mit der Wiedereinführung des Opferkults sich die jüdische Religion, was die Art der Gottesverehrung betrifft, hinter alle andern bestehenden Kulturreligionen an die Seite von Kulten stellen würde, die auch nur vergleichsweise zu er- »vähnen, für das Judentum beleidigend wäre". Warum gehen die orthodoxen Gutachten an diesem Punkte scheu vorüber? Warum hat, so weit wir sehen können, die orthodoxe Preffe, die sonst jede Auslassung des Oberrats mit ihrer mehr oder minder liebevollen Kritik begleitet, gerade diesen Kernpunkt der Sache totgeschwiegen? Recht merkwürdig ist ferner folgende Ausführung des Herrn Dr. Feilchenfeld bezüglich der Messiasidee: Nachdem er zugegeben hat, daß die Messiasidee neben der Hoffnung auf „den Sprößling aus dem Hause Davids" auch die „auf eine Zeit allgemein herrschender geläuterter Gottesverehrung und aus dieser hervorgehender Gerechtigkeit und Bruderliebe" enthalte. fährt er fort: „Jedenfalls haben die ehrwürdigen Verfasser unserer Gebete bei der Mehrzahl der Betenden für alle Tage nicht ausreichendes Verständnis für den Segen allgemein herrschender Gottesfurcht und Gerechtigkeit vorausgesetzt. Darum haben sie uns gelehrt, im täglichen Gebet nur die Sehnsucht nach dem Sprößling Davids und dessen Aufblühen zum Ausdruck zu bringen, als dessen Folge die Kundigen ja auch an die ideale Gestaltung der gesamten Menschheit denken mochten. Die Gebete, daß Gottesfurcht sich über alle Menschen verbreiten solle usw., waren den drei höchsten Festtagen Vorbehalten. Darum mußte es unangemessen erscheinen, die Messiasidee im täglichen Gebete ihrer individuellen Hülle zu entkleiden usw." Also darum eine besondere Messiasidee im Gebet für das ganze Jahrundeinebesonderefürdie drei höchsten Festtage! Statt zu sagen, daß, wie in der von dem Oberrate zur Begründung seines Gebetbuchentwurfs neuerdings herausgegebenen Denkschrift S. 31 richtig ausgeführt wird, wohl zur Zeit der Abfassung der bezüglichen Gebete unmittelbar nach dem Verluste des Staates begreiflicherweise das so überaus schöne und wertvolle universelle Moment der Messiasidee hinter dem persönlichen und nationalistisch-staatlichen zurücktrat, heute aber, wo für jenes zumeist das lebendigste Verständnis obwaltet, ihm gerade in den täglichen Gebeten der gebührende Platz eingeräumt und, wo dieses Verständnis noch etwa mangelt, es aus eminent religiösen und ethischen Gründen durch das tägliche Gebet geweckt werden müsse, kommt Herr Dr. Feilchenseld zu dem Schluffe: es muß ewig so bleiben, wie es einst festgesetzt wurde! Die „Kundigen" mögen wohl an jedem Tage an eine ideale Gestaltung der gesainten Menschheit denken, die Massenaber nur an den drei höchsten Feiertagen! Fürwahr eine neuartige Geschichtsauffassung.') Nicht minder bedenklich ist das Gutachten des Herrn Rabbiners Dr. Baneth, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Zunächst bestätigt es vollauf, was in der Denkschrift, Seite 43, Anmerkung 1 vermutet wurde, daß die neuere Orthodoxie offenbar a» dem edsen Dogma von der rein geistigen Unsterblichkeit Anstoß nehme und vielmehr stark zu dem grobsinnlichen Standpunkte etwa eines Abraham den David Hinneige. Herr Dr. Baneth meint nämlich, daß „die unklare Vorstellung von einem Wiedersehen der Seelen nur wenig Trost biete"; nein, erst wenn man sich die Wiederbegegnung „im Lichte dieses Lebens", also auf dieser Erde, Körper gegen Körper denke, erst dann werde man den rechten Trost finden. Und um diesen dogmatischen Materialismus mit einigen philosophisch klingenden Redeweisen näher zu begründen, fährt der Gutachter fort: „Vom Gesichtspunkte der Ethik aus betrachtet, steht daher der Auferstehungsglaube höher als der Unsterblichkeitsgedanke. Dieser ist im letzten Grunde egoistisch, er schöpft seine Kraft aus der Bejahung des Lebens, aus dem Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit, aus der Hoffnung ewiger Glückseligkeit. Jener dagegen ist überwiegend altruistisch, er wurzelt in der schönsten und größten menschlichen ') Zu kleinlich, um oben int Text behandelt zu werden, aber doch recht bezeichnend ist eine Ausstellung, die dieser Gutachter gegenüber der in dem Gebetbuche des Oberrats vorgenommenen Verteilung der Sabbat-Psalmen in den kesulce de Simra auf fünf Sabbate erhebt. Außer den im alten Siddutbereits stehenden Psalmen IS, 31, 90, 33, die in dem neuen Gebetbuch aus die vier ersten Sabbate des Monats verteilt wurden, ist nämlich für den Fall, daß der Monat noch einen fünften Sabbat zählt, der Psalm 84 neu ausgenommen worden. Herr Dr. Feilchenfeld ist nun so rücksichtsvoll, „nicht fragen zu wollen, was geschehen solle, wenn ein Monat nur vier Sabbate zählt"?