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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-27 · Heft 39 (27.9.1907) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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Boden. — Zn einemzweiten Falle aus dem Jahre 1791 folgerten die Sachverständigen einfach daraus, daß die große Kopfschlagader bei einer faulen Leiche leer befunden wurde, auf das Blutabtropfen. Auch im Prozeß von Tisza-Eßlür ließen sich die Sachverständigen durch Leichenerscheinungen irreführen. Mit bewundernswertem Scharfsinn hat der Verteidiger Eötvös die Fehler und Lücken des Sachverständigenbeweises entdeckt und die Revision ihrer Tätigkeit erwirkt. Wir sehen in seinem Werke, wie sich der große Prozeß durch Mitwirken verschiedener Faktoren aufbaut und dann im Lichte der Wahrheit doch zusammenbricht. * Die Lage der Juden in Korfu ist bekanntlich eine sehr traurige. Sie leben dort in großem Elend. Die Ursache liegt nicht in der Trägheit der Leute, sondern in dem gänzlichen Mangel an Arbeits- und Erwerbsgelegenheit und in dem Druck, der von den Griechen, die dort sehr fanatisch sind, auf die Juden ausgeübt wird. Herr Armand Bernheim in Mühlhausen, der gelegentlich einer Reise nach Griechenland die dortigen jüdischen Verhältnisse genauer kennen gelernt, hat darüber eine eingehende Denkschrift an den „Hilfsverein der deutschen Juden" geschickt und darauf die nachfolgende Antwort erhalten: „Wir können nicht ohne weiteres eine Summe Geldes zum Verteilen hinschicken; damit würde mehr geschadet werden als genützt. Die Leute würden sich an das Empfangen von Almosen gewöhnen, und in der Pflicht der Selbstsorge, die doch jeder Mensch hat, nicht gerade dadurch erstarken. Wenn geholfen werden soll, dann muß es in der Meise geschehen, daß wir dort in Korsu die Bedingungen schaffen, auf Grund deren unsere Glaubensgenossen dann in die Lage kommen, sich selbst weiter fortzuhelfen. Auf Grund Ihrer interessanten Denkschrift werden wir uns eingehend über die Lage der Juden in Korfu orientieren, und wir hoffen im Laufe der Zeit dann Maßnahmen ergreifen zu können — eventuell in Gemeinschaft mit den übrigen jüdischen Organisationen — die eine wirksame Hilfe für unsere armen Glaubensgenossen in Korfu garantieren." Es steht zu erwarten, daß diese Mitteilungen von der Not der Juden auf Korfu teilnehmend ausgenommen und den bedrückten, im Elend lebenden Glaubensgenossen das allgemeine tatkräftige Interesse zuwenden werden. Ein Bild von der schrecklichen Lage der Juden in Marokko geben folgende Tatsachen, die einer Denkschrift entnommen sind, welche seit einiger Zeit in den Staatskanzleien einiger europäischen Kabinette ruht. 1. Die marokkanischen Juden, mit Ausnahme der in den Hafenstädten wohnenden, müssen sich in Mellahs (Ghettos) aushalten, die nachts geschlossen werden. 2. Die Juden werden genötigt, einen besonderen Anzug zu tragen — eine schwarze Mütze und schwarze Schuhe. 3. Außerhalb der Mellahs müssen sie barfuß und barhäuptig gehen, in jedem Falle aber vor Moscheen. 4. Außerhalb der Mellahs dürfen sie nur zu Fuß gehen. Auch Stöcke dürfen sie nicht tragen. Selbst Greise und Kranke dürfen sich nur eines Schilfrohrs als Stütze bedienen. In den Quartieren der Mohanuuedaner darf der Jude nur die Hauptstraße passieren und nie eine Seitenstraße benutzen. Der Jude muß den Einheimischen links ausweichen. Tut er es nicht, muß er zurückgehen und noch einmal ausweichen. 5. Die Juden, die nach Sonnenuntergang außerhalb des Ghettos weilen, sind vogelfrei und den schwersten Mißhandlungen ausgesetzt. 6. Juden können nur mit der Erlaubnis des Scheichs reisen oder fortziehen, müssen aber im ersteren Falle Frau und Kinder zurücktassen. Falls ein Jude auswandert (natürlich mit Erlaubnis) muß er eine hohe Taxe bezahlen. Eine auswandernde Frau zahlt zwanzigmal mehr! 7. Es ist den Juden nicht gestattet, ihre Häuser über eine gewisse Höhe hinaus zu bauen. 8. Da die Mohammedaner die Juden als unrein betrachten, dürfen diese nicht die öffentlichen Brunnen benutzen, ebensowenig wie öffentliche Bäder. 9. Juden dürfen außerhalb des Ghetto kein unbewegliches Eigentum erwerben, auch keine Läden halten, um Bekleidungsgegenstände an Mohammedaner zu verkaufen. 10. Wenn die Warenlager, die Eigentum der Regierung sind, überfüllt oder verdorben sind, müssen die Juden sie zum normalen Preise ankaufen. 11. Jüdische Lieferanten wie Schlächter, Bäcker usw. müssen an Beamte unentgeltlich Waren liefern. Was aber nun kommt, übertrifft an raffinierter Grausamkeit noch das bisher Angeführte: 12. Die Juden werden mit Frauen und Töchtern gezwungen, jeder Behörde zu allen Zeiten Arbeit zu leisten, auch an ihren höchsten Feiertagen. Dafür wird ihnen der kärglichste Lohn geboten, und die Frauen müssen ohne Kopfbedeckung arbeiten, was bei orthodoxen Jüdinnen eine Verletzung der Scham bedeutet. 13. Die Juden werden gezwungen, Arbeiten zu leisten, welche die Mohammedaner verachten, z. B. Kloaken zu reinigen, Abdeckerdienfte zu verrichten usw. Vielfach werden die Juden auch zwangsweise zu Scharsrichterdiensten an gehalten. 14. Wenn die Köpfe von Verbrechern öffentlich am Stadttor ausgestellt werden sollen, so sind die Juden gezwungen, diese Köpfe vorher einzusalzen. Diese Auslese genügt wohl, um den Beweis zu liefern, daß die in Rußland vor Pogroms zitternden Juden noch in paradiesischer Ruhe und Sicherheit leben, wenn man sie mit den unglücklichen marokkanischen Juden vergleicht. Jedenfalls sollte die unabhängige Presse nach besten Kräften dazu beitragen, die Leiden dieser Bedauernswerten einem möglichst großen Kreise bekanntzugeben. Vielleicht hilft auch hier wieder einmal die Flucht in die Oeffentlichkeit. Aeuorthlldoxie? in wie bedeutsames Werk das von dem badischen Oberrate herausgegebene Gebetbuch ist, auf das wir deshalb immer wieder zurückkommen müssen, erhellt schon daraus, daß die Orthodoxie es sich hat angelegen sein lassen, alle irgendwie für sie zugänglichen Rabbiner Deutschlands dagegen mobil zu machen. Von solchen Rabbinern, die man bisher für liberal hielt, haben erfreulicherweise nur ganz wenige den fortschrittlichen Gedanken verleugnet. Nicht minder erfreulich ist es, daß eine ganze Anzahl streng orthodoxer Rabbiner zu ihrer eigenen Ehre und zur Ehre des Judentums den Rufern im Streit die Heeresfolge versagt hat. Wenn wir auch den Standpunkt der Orthodoxie nicht teilen, die keine Entwicklung in der Religion anerkennt, die spätesten wie die frühesten rituellen Vorschriften auf sinaitische Offenbarung zurückführt, und den unendlichen allmächtigen Gott nicht nur ans den Geist, sondern auf jedes Wort und jeden Ausdruck der dem jüdischen Volke in seinem Kindheitszeitaller zuteil gewordenen Lehre in alle Ewigkeit festlegen will, so sind wir doch weit entfernt, der orthodoxen Richtung unsere Achtung und Rücksichtnahme zu versagen. Ist sie ja im wesentlichen die konservierte Glaubensrichtung unserer eigenen Großväter und Urgroßväter. Einzelne der Gutachten aber, die in jüngster Zeit von orthodoxer Seite gegen das badische Gebetbuch ins Feld geführt worden sind, erheben den Anspruch, wissenschaftlich und tiefgründig zu sein, und fördern dabei Anschauungen

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