Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
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unter der heutigen Konstellation im Reichstage den Ansschlag gäben" die Juden frage in den parteipolitischen Erörterungen wieder ein „stehendes Thema" werden würde. Wir glauben der „Kreuzzeitung" sogar, daß die Agrarier und überhaupt die Konservativen diese Drohung wahr machen würden. Denn die ganze Judenfrage war den Tivolikonservativen nichts weiter als eine Waffe gegen den sogenannten Kapitalismus. Sie drohen den Freisinnigen, meinen aber die Juden und ganz besonders das mobile Kapital. Es ist geradezu rührend, wie die „Kreuzzeitung" mit einmal sich der Juden annimmt. Weder sie, sagt sie, noch die Juden können das Wiederaufrühren der Judenfrage wünschen. Es gefällt ihr viel besser, wenn „die Juden in der Politik so wenig wie möglich von sich reden machen". Das glauben wir dem Blatte einmal ausnahmsweise aufs Wort. Dies Blatt sieht es lieber, wenn Juden auf dem Lande Hasenfelle kaufen und gute Preise dafür zahlen und in den Städten Hosen verkaufen würden. Leuten, die nur solchen Handel treiben, ziemt in der Tat mehr Bescheidenheit, mit welcher, wie die „Kreuzzeitung" mütterlich ermahnt, die Juden „auch viel weiter kommen". Nun denn, die deutschen Juden wissen sehr genau, was sie von den Ratschlägen des Junkerblattes und feiner politischen Freunde zu halten haben. Sie werden sich aber nicht im geringsten daran kehren. # Der Mangel an Reserve-Offizieren in Preußen, den jüngst Generalleutnant z. D. von Metzler öffentlich beklagt hat, gibt dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Anlaß zu folgender Erklärung: „Neben der militärischen Bedeutung zeitgemäß ausgebildeter Offiziere des Beurlaubtenstandes betont der Verfasser die Tatsache, daß in Deutschland ein Mangel an Reserveoffizieren zu beklagen sei, der um so empfindlicher wirke, als der Andrang zur Offizierslaufbahn überhaupt in Abnahme begriffen ist. „Es liegt daher", so heißt es am Schluß des Artikels, „im Interesse der Wehrkraft unseres Vaterlandes, daß der Andrang der gebildeten Kreise zur Reserveosfiziersstellung sich steigere." Aehnlich liegen die Verhältnisse bei den Sanitätsoffizieren, deren Zahl hinter dem Bedarf erheblich zurückbleibt. Aber während man die Zahl der verfügbaren Kräfte durch die Beförderung auch jüdischer Kräfte zu Sanitätsoffizieren des Beurlaubtenstandes zu steigern bemüht ist, sträubt man sich dagegen, wenigstens in Preußen — und in manchen anderen Bundesstaaten liegen die Dinge ähnlich — jüdische Soldaten, speziell Einjährig- Freiwillige, zur Reserveoffizierslaufbahn zuzulassen und verstärkt damit den beklagten Uebelstand. Ohne Erörterung kann für jeden die Frage nach der Qualifikation bleiben; denn im Krieg und Frieden ist der Befähigungsnachweis von ungezählten jüdischen Soldaten in hinreichender, auch amtlicherseits oft genug anerkannter Weise erbracht worden. Daß die grundsätzliche Ausschließung der Juden von der Offizierslaufbahn verfassungswidrig ist, darüber braucht ebenfalls kein Wort verloren zu werden. Der Kriegsminister selbst hat erst vor wenigen Jahren im Reichstage die Erklärung abgegeben: „Weder gesetzliche noch Verwaltungsbestimmungen verhindern ans irgend einer Weise den Eintritt jüdischer Männer als Offiziere und Unteroffiziere in die Armee." „Die Heeresverwaltung", heißt es in einem am 4. November 1904 unserem Vereine gegebenen Bescheide des Kriegsministers, „nimmt selbstverständlich den Standpunkt ein» daß die Soldaten gleichmäßig, ohne Unterschied der Glaubensb ekenntnisse, behandelt werden sollen." Und dennoch, trotz der Fähig, keit und des patriotischen Willens der Juden, ihrerseits dazu beizutragen, daß dem Mangel an Reserveoffizieren zu einem Teile abgeholfen wird, gibt es anscheinend keinen Weg zu diesem Ziel. Wo liegt das Hindernis? In den leitenden Stellen der Heeresverwaltungen, in den Reihen der Stabsoffiziere bis herab zum Hauptmann, dessen Vorschläge zur Beförderung ausschlaggebend sind? Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier Vorurteile mitsprechen, wenn unter der großen Zahl von jüdischen Einjährigen seit langen Jahren in Preußen nicht einer den Ansprüchen entsprechen sollte, die an Reserveoffiziere gestellt werden. Sollte in der Tat die Heeresverwaltung, die sonst mit Recht stolz auf die Disziplin und den Geist des Heeres sein kann, kein Mittel in der Hand haben, daß ihren Absichten besser entsprochen wird, als es der Fall ist? Aber das Reserveoffizierkorps hat über die Wahl des Aspiranten zum Offizier des Beurlaubtenstandes zu entscheiden. Der bei weitem größte Teil der jüdischen Einjährigen kommt leider überhaupt nicht so weit, daß er an dieser Ecke scheitern kann. Immerhin bringt es eine kleine Anzahl bis zum Vizefeldwebel der Reserve; von der Wahl irgend eines dieser Aspiranten zum Reserveoffizier hat mau in Preußen im letzten Jahrzehnt nichts gehört. Im vergangenen Jahre schien das Kriegsministerium die Absicht zu hegen, eine Aenderung des Wahlmodus nach der Richtung hin herbeizuführen, daß für die Wahl derjenigen Aspiranten, die sich unmittelbar nach Beendigung der Hebung B zur Wahl stellen, das aktive Offizierkorps zuständig werden solle. Inder konservativen und antisemitischen Presse erhob sich ein starker Widerspruch : Man warnte „vor der Zerstörung bewährter militärischer Einrichtungen, nur um die wertvolle Kraft der jüdischen Einjährigen für das Offizierkorps zu gewinnen". Sollten diese Darlegungen an maßgebender Stelle den gewünschten Eindruck gemacht haben? Wenn in den Armeen anderer Länder, zum Beispiel in Frankreich, Oesterreich und England eine große Anzahl jüdischer Osfiziere mit Anerkennung ihren Posten ausfüllt, wenn das uns verbündete Italien jahrelang an der Spitze seiner Heeresverwaltung einen General jüdischen Glaubens „ertragen" konnte, wird man in Deutschland nicht vor der Ernennung geeigneter jüdischer Soldaten zu Offizieren des Beurlaubtenstandes zurückzuschrecken brauchen. Das wäre zugleich ein naheliegendes und zweckmäßiges Mittel, dem Mangel an Reserveoffizieren abzuhelfen." Diese Ansichten wird gewiß jeder objektiv denkende Mensch billigen. Die Antisemiten freilich nicht. Wir habend von ihnen auch nicht erwartet. Allerdings haben wir ihren politischen Verstand trotzdem gar sehr überschätzt, denn das hätten wir selbst ihnen nicht zugetraut, daß sie zum Ersatz für die Zulassung der Juden zum Offiziersstande — jüdische Regimenter verlangen. Kaum glaublich, aber wahr. $ Auf dem Kongreß der deutschen Naturforscher und Aerzte in Dresden hielt in der Abteilung für gerichtliche Medizin Universitätsprofessor Dr. Kenyeres aus Klausenburg einen Vortrag über das Thema: „Anschuldigung gegen Ritualmord." Wie die Strafprozesse von Könitz, Polna beweisen, ist der Aberglaube des Ritualmordes noch immer nicht erloschen. Gleichsam wie die Kohlen unter der Asche glimmt er weiter, und niemand kann wissen, wann er wieder zu hellen Flammen angefacht wird. Die allgemeine Aufklärung, die ihn aus der Welt schafft, wird sicher noch lange auf sich warten lassen: bis dahin hat die Wissenschaft die Pflicht, einesteils die eventuell vorkommenden verdächtigen Fälle der Wahrheit gemäß zu klären, andererseits die Fälle der Vergangenheit — die gelegentlich als Exempel herbeigezogen werden könnten — zu beleuchten. Von großer Bedeutung in dieser Beziehung ist das Werk des Reichstagsabgeordneten Karl v. Eötvös, welches den hochberühmten Prozeß von Tisza - Eszlar — der seinerzeit die ganze Welt in Erregung hielt — in aktenmäßiger Darstellung enthält. Vortragender erläutert einen von Eötvös erwähnten Fall der Vergangenheit. Im Jahre 1764 wurde ein Knabe von fünf Jahren vermißt und am dritten Tage tot im Walde aufgefunden. Der Verdacht des Ritualmordes wird dadurch bekräftigt, daß die Sachverständigen am Körper der Leiche hebräische Buchstaben entdeckten. Der Verdacht ist so stark, daß bei zwei Verdächtigen auf das Verhör mittels Tortur erkannt wird. Einer der Beschuldigten endet im Laufe der Untersuchung sein Leben im Kerker; alle anderen werden freigesprochen. Vortragender beweist an einem Oelgemälde, welches seinerzeit nach der Leiche verfertigt wurde, daß die verdächtigen Zeichen einfach Leichenerscheinungen find, entstanden durch Fäulnis bei Lage der Leiche auf unebenem