Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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In der ersten Zeit empfand man noch in der Judenheit ein Gefühl der Beschämung, daß wir Juden die Sorge um die Verbreitung der Bibel im Urtext einer christlichen Gesellschaft überlassen. Ludwig Philippson, der so viele gute Gedanken hatte und so viele gemeinnützige Unternehmungen ins Leben rief, gründete auch eine Gesellschaft zur Herstellung einer billigen Bibelausgabe. Warum hat diese Gesellschaft nach kurzer Zeit ihre Tätigkeit einstellen müssen? Einfach aus dem Grunde, weil ihr nicht die reichen Geldmittel zur Verfügung standen, über welche die britische Gesellschaft verfügt. Das englische Volk hat opferwillige Männer und Frauen, die nicht nur für philanthropische Stiftungen, sondern auch für kulturelle Werke große Summen spenden. Bei uns erschöpft sich alles Wohltun in den Werken der Barmherzigkeit; für andere Zwecke, die nicht direkt mit der Armenpflege in Verbindung stehen, ist es sehr schwer, einen größeren Fonds aufzubringen. Noch jetzt wäre es gewiß ein uobile officium, die hebräische Bibel nach den masoretischen Forschungen von Bär und Delitzsch als billige Volksausgabe in der Judenheit zu verbreiten, damit nicht alle Juden des Morgen- und Abendlandes lediglich auf die der britischen Bibelgesellschaft, die so fehlerhaft ist, angewiesen bleiben. Aber wer denkt bei uns an Derartiges? Damit das biblische Schrifttum bei uns wieder volkstümlich werde, damit die Juden in der Kenntnis der Bibel nicht hinter der christlichen Bevölkerung zurückbleiben, müßten wir dafür Sorge tragen, daß die Bibel in einer guten Uebersetzung und einer praktischen Ausstattung zu einem mäßigen Preis verbreitet werde. Auch wenn man dabei nicht auf die Selbstkosten käme, sondern alljährlich eine gewisse Summe darauf verwenden müßte, sollten sich Gemeinden und Private das angelegen sein lassen. Die Ausgaben für rein kulturelle Zwecke spielen im Budget einer modernen Gemeinde ja noch eine sehr unbedeutende Rolle. Wir glauben, daß ein Geflügelschächter in der Gemeinde mehr kostet, als alle wissenschaftlichen Unternehmungen. Und dabei wundert man sich noch, daß das Judentum der Heranwachsenden Jugend gleichgültig ist, daß dessen Kenntnis immer seltener wird, daß die meisten, natürlich in rührender Unwissenheit, über alles Jüdische mit Mißachtung und im Tone der Wegwerfung sprechen. Wie soll das anders sein? Welche Mühe geben wir uns denn, der reiferen Jugend eine beffere Meinung vom Judentum und von dessen Schöpfungen beizubringen? Wie so vieles bei uns, ist auch das Fest der Thora- Freude zu einer inhaltlosen Gewohnheit geworden. Die Freude gilt nicht dem ewigen Inhalt der Thora, sondern dem Pergament, auf dem sie niedergeschrieben ist. Ehedem war das Fest der Thora-Freude ein volkstümliches, wie auch die Kenntnis der Thora im Volke sehr verbreitet war. Ein beträchtlicher Teil der Judenheit war imstande, sie im Urtext zu lesen, mochte das Verständnis auch mitunter mangelhaft gewesen sein; der andere Teil las die Thora in einer Uebersetzung, von der zugestanden werden kann, daß sie nicht auf der Höhe stand. Aber ein mangelhaftes Verständnis des Urtextes und eine nicht ganz einwandsfreie Uebersetzung sind noch immer besser als völlige Verständnislosigkeit und Unkenntnis. Die wissenschaftliche Forschung, auch auf dem Gebiet der Bibelkunde, hat in der letzten Zeit erstaunliche Fortschritte gemacht. Die ganze zivilisierte Menschheit erfreut sich an dem hellstrahlenden Licht, das aus dem biblischen Schrifttum hervorgeht. Wir Juden aber, wir begnügen uns mit der stolzen Freude darüber, daß der prophetische Geist im Judentum dieses Schrifttum hervorgebracht hat. Wir brauchen es nicht zu kennen, und wir brauchen auch weder Mühe noch Geld darauf zu verwenden, die Kenntnis dieses Buches der Bücher in unserer Mitte zu verbreiten. Es ist vielleicht hart, daß mit solchen Betrachtungen manchem die Festfreude verdorben wird. Aber es muß sein. Ein Volk kann nicht immer und ewig damit zufrieden sein, was es einst getan hat; es muß stets weiter arbeiten und dadurch seine Daseinsberechtigung bekunden. Verliert die Judenheit das Interesse an dem Höchsten, was ste für sich und die ganze Menschheit geschaffen hat, so gibt sie sich selbst auf. Das darf nicht sein, und das müssen wir verhüten. Dir Woche. Berlin, 26. September, ir müssen noch einmal auf den letztbesprochenen Artikel der „Kreuzzeitung" zurückkommen. Nicht etwa, weil derselbe besonders bedeutsam, sondern vielmehr, weil er symptomatisch ist und die Stellung der Tivoli- Konservativen zum Judentum kennzeichnet. Das Junkerblatt debütiert mit dem alten abgegriffenen Wort vom „Gastvolk", als wenn es dasselbe eben erfunden hätte. Es ist ebenso wahr, wie die Behauptung, daß alle politischen Parteien, „mit Ausnahme der äußersten Linken, in ihrer offiziellen Vertretung den Asemitismus durchgeführt" haben, ja durchführen mußten. Wir könnten das Gegenteil Nachweisen; aber es ist überflüssig,da die „Kreuzzeitung" selbst nicht daran glaubt. Es ist auch nicht wahr, daß die Bürsengesetzreform „die erste lind dringendste Forderung des Freisinns, wenigstens des preußischen, an die Blockpolitik" ist. Die erste und dringendste freisinnige Forderung ist eine Reform des Landtagswahlrechts. Die „Kreuzzeitung" will da mit ihrer Behauptung sagen, daß der Freisinn im Interesse der Juden in erster Reihe die Börsengesetzreform verlange. In Wirklichkeit sind aber alle Börsenkenner, sogar die Regierung, längst zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Reform des Börsengesetzes im Interesse der Gesamtheit liege. Das Interesse der Juden hat da nicht mitgesprochen, brauchte es auch nicht. Recht seltsam ist die Behauptung der „Kreuzzeitung", daß „die politischen Talente unter den Juden sehr selten" seien. Es gibt über die Häufigkeit oder Seltenheit politischer und auch anderer Talente keine Statistik. Wenn man aber schon mit der Statistik das Blaue vom Himmel herunter behaupten kann, dann kann man sich denken, was alles ohne Statistik behauptet werden mag. Wir behaupten nicht, daß die politischen Talente bei den Juden sehr häufig seien, obwohl wir die Häufigkeit eher beweisen könnten, als die „Kreuzzeitung" die Seltenheit. Merkwürdig ist nur, daß das Hauptorgan derjenigen Partei, deren Begründer ein — Jude war, eine solche Behauptung aufstellt. Die „Kreuzzeitung" hat sich auch feit ihrem Bestehen nicht wenig mit jüdischen politischen Talenten herumzuärgern gehabt. Wir erinnern sie nur an Johann Jacoby, an Lassalle, an Laster, Bamberger u. a. m. Vielleicht war nicht einmal der geborene Reichstagspräsident Simson oder ist auch der Staatssekretär Dernburg nicht nach ihrem Geschmack. Von Disraeli-Beaconsfield hat die „Kreuzzeitung" wohl auch schon gehört, ebenso von verschiedenen Juden, die in England, Holland, Belgien, Frankreich, Italien, Amerika, Australien als Minister ihrem Vaterlande gedient und sich ausgezeichnet haben. Das fromme Blatt aber begnügt sich nicht mit unrichtigen oder unbeweisbaren Behauptungen; es versteigt sich auch zu Drohungen. Es droht, „daß, wenn diejenigen bürgerlichen Parteien, zu denen sich das Judentum gewohnheitsmäßig hält.