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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-27 · Heft 39 (27.9.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 39. Allgemeine Berlin, 27. September 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstkllen) bezogen vierleljährl. 3 M. Re-aklerrr: Gustav Tiarpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Vsrdks-LrpeMoll: Berlin. Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen ffir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums*', Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. « Sas jFrft der Thora-Freude. Berli n, 26. September, ie in der Diaspora lebenden Inden, welche noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels den zweiten Feiertag infolge der Schwankung des Festkalenders zu feiern pflegten, haben den Brauch geschaffen, den neunten Tag des Sukkoth- Festes als das Fest der Thora-Freude zu begehen. Es ist dadurch die Eigentümlichkeit entstanden, daß die außerhalb Palästinas - lebende Judenheit ein Fest hat, welches die palästinensischen Inden nicht kennen. Auch die Einrichtung, alljährlich in wöchentlichen Abschnitten die fünf Bücher Moses während des sabbatlichen Gottesdienstes vorznlesen und am Tage des Thorafestes diese Vorlesung zum Abschluß zu bringen, ist nicht auf palästinensischem Boden entstanden. In alter Zeit hatten die Juden in Palästina den sogenannten dreijährigen Zyklus, das heißt die Thora wurde in hundertfünsundfünfzig kleinere Abschnitte geteilt, mit deren Vorlesung man von drei zu drei Jahren fertig wurde. Diese Einrichtung hat sich bis auf den heutigen Tag in der masoretischen Einteilung der Pentateuch-Abschnitte erhalten. Eine alljährliche Schlußfeier, wie sie die Judenheit in der Diaspora hat, kannten also die palästinensischen Juden gar nicht. Außerhalb Palästinas ist das Fest der Thora-Freude im Laufe der Zeit aber sehr volkstümlich geworden. In der Zeit, wo dem Juden alles genommen war, bot ihm einzig und allein das heilige Schrifttum Ersatz für den verlorenen Boden, für die ihm genommenen Menschenrechte, für alle Lebensfreude, die bei ihm unter solchen Verhältnissen nicht auflommen konnte. Die Juden im Mittelalter litten unsäglich für ihr treues Festhalten an der Thora, „dem Erbteil der Gemeinde Jakobs", aber gleichzeitig gewährte ihnen die Thora die größte Freude, die höchste Glückseligkeit. In der Zeit, als über den Juden infolge der vielen Leiden eine schwere Wolke der Verdüsterung lag, vergaßen sie an diesem Festtag ihren Kummer und ihre Sorgen, um sich mit der Thora zu freuen. Instinktiv fühlten die Juden damals, daß ihnen die Thora einen Lebenszweck, einen Lebensgehalt und dadurch auch eine Lebensfreude gab. Ohne ihr religiöses Schrifttum wären sie zweifellos unter den vielen Verfolgungen auch sittlich und geistig heruntergekommen, während sie sonst nur bürgerlich und politisch geknechtet werden konnten, ohne je geistig gebrochen zu werden. Es ist sehr fraglich, ob es uns modernen Juden ganz klar ist, was alles wir unserm Schrifttum, zu verdanken haben, oder richtiger, was nicht nur wir, sondern alle gesitteten Menschen diesem Schrifttum schulden. Denn wäre dies der Fall, so könnten diese geistigen Schätze nicht mit solcher Geringschätzung und Mißachtung behandelt werden, wie es heutzutage leider geschieht. Selbst wenn wir ans dieser Quelle nichts inchr zu schöpfen hätten, dürften wir an ihr nicht so gleichgültig und pietätlos vorübergehen, da sie uns Jahrtausende hindurch Labung gewährt hat. Aber diese Quelle ist nicht erschöpft, sie ist überhaupt unerschöpflich. Gerade in unserer Zeit steht das biblische Schrifttum im Mittelpunkt aller literarisch-ästhetischen Interessen. Nachdem der religiöse Inhalt des heiligen Schrifttums erforscht wurde, interessiert sich jetzt die gebildete Welt für dessen ästhetischen Gehalt, für dessen poetische Schönheiten. Die Bibel ist kein literarisches Erzeugnis, sondern ein kulturgeschichtliches Ereignis. So viel auch bereits über ihren Inhalt und ihre Form geschrieben wurde, man darf ohne Uebertreibung sagen, daß wir erst am Beginn ihrer Erforschung und Erschließung stehen. Das sehen wir deutlich an der umfangreichen, fast unübersehbaren Literatur, die sich an das biblische Schrifttum knüpft. Alle gesitteten Völker wetteifern jetzt darin, und fast täglich erscheinen neue Schriften ans diesem Gebiete, teils rein wissenschaftlich, teils volkstümlich, allgemein-verständlich, gehalten. Wenn man diese literarische Tätigkeit überblickt, fragt man sich unwillkürlich: Was tut jetzt das Judentum, dem doch dieses einzige Buch vor allem gehört, für dessen Verbreitung und für dessen Popularisierung? Es ist dahin gekommen, daß wir fast alles, was wir von der Bibel wissen, nichtjüdischen Forschern verdanken; die Pflege der hebräischen Sprache, der äußeren Hülle des biblischen Schrifttums, die Erforschung der hebräischen Archäologie und der geschichtlichen Grundlage der Bibel — alles das überlassen wir bescheiden und großmütig den andern. Es ist charakteristisch, daß selbst die primitive technische Verbreitung der Bibel, die Herstellung einer billigen Bibelausgabe iin Urtext, nicht etwa durch Juden, sondern durch die bekannte Britische Bibelgesellschaft zu Missionszwecken geschieht. Als diese Gesellschaft in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts damit begann, versuchte sie zuerst, unvermerkt in die von ihr veranstaltete Bibelausgabe christvlogische Andeutungen hineinzuschmuggeln. Später unterließ sie es — wir wissen nicht, ob sie das ganz tat — und begnügte sich mit der Herstellung eines stereotypierten Bibeltextes, der allerdings hinsichtlich der Akzente, das heißt der überlieferten Interpunktion, geradezu haarsträubende Fehler aufzuweisen hat. Dieses Gravamern mag manchem pedantisch erscheinen, denn wem liegt heutzutage an der Richtigkeit der Interpunktion in der Bibel? Aber man denke sich eine Volksausgabe von Goethes Schriften, die solche Fehler anfzuweisen hat — was würde das deutsche Volk dazu sagen? Bei der Bibel mag alles hingehen.

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