Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 38. Berlin, 20. September 1907. Der GemeLndevore. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". Korrelponden^en und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 16. September. Aus unserem Leserkreise geht uns jetzt der Wortlaut der Verfügung des Kultusministers in Sachen des jüdischen Religionsunterrichts zu. Es heißt darin: „Rach den Erlassen vom 19. März 1863 und vom 3. Oktober 1870 (Schneider und von Bremen Bd. II S. 101 und Bd. III S. 121) kann an solchen Orten, an welchen von den Synagogengemeinden ein ordentlicher Religionsunterricht nicht eingerichtet ist, Schüchtern und ähnlichen Personen die Erlaubnis zur Erteilung des Unterrichts im Hebräischen und in der Religion auch ohne Ablegung einer vollständigen Lehrerprüfung gestattet werden. Von seiten jüdischer Lehrer ist beantragt worden, dies in Zukunft nicht mehr zuzulassen, da die Erteilung des Religionsunterrichts sehr schwierig sei und jetzt auch geeignete, in jüdischen Seminarien vorgebildete Lehrkräfte in genügender Anzahl vorhanden wären. Wie jetzt den Schächtern und Vorbetern der Religionsunterricht, so könne dann den Religionslehrern von den Synagogengemeinden das Amt des Schächters oder Vorbeters übertragen werden. Die Königlichen Regierungen wollen berichten, in wie vielen Fällen der jüdische Religionsunterricht 1. von den geprüften Lehrern, 2. von Schächtern, Vorbetern und anderen Personen, die eine Lehrerprüfung nicht abgelegt haben, erteilt wird. Dabei ist erkennbar zu machen, von wem der Religionsunterricht eingerichtet worden ist. Auch sehe ich einer Aeußerung darüber entgegen, ob dortseits eine Aenderung der Bestimmungen im obigen Sinne für erwünscht und inwieweit sie nach den obwaltenden Verhältnissen, namentlich auch in finanzieller Hinsicht, für durchführbar erachtet wird." — Ein Satz in der letzten Mitteilung, der vielfaches Befremden erregt, beruht übrigens auf einem Irrtum im Bericht selbst. Es sollte nicht heißen, daß in jener Audienz in den Rabbinern die „berufenen Vertreter der Gemeinden", sondern vielmehr die der Religion und des Unterrichts in derselben begrüßt wurden, was wir hiermit, um jedem ferneren Mißverständnis vorzubeugen, ausdrücklich berichtigen wollten. Im übrigen erführt, wie vorauszusehen war, sowohl die Petition der Lehrer wie die der Rabbiner eine verschiedenartige Beurteilung in den Kreisen, die die Sache vor allem angeht. So wird uns unter anderem von angesehener Seite geschrieben: „Es ist traurig, zu beobachten, wie jüdische Lehrer und Rabbiner sich wetteifernd an den preußischen Kultusminister wenden, um ihn mit entgegengesetzten Forderungen zu bestürmen. Und dabei gibt es einen Gemeindebund, der sich seit Jahrzehnten mit der Frage der Lehrerbefähigung beschäftigt, und einen Verband der deutschen Juden, dem sowohl der Lehrerwie der Rabbinerverband angeschlossen sind! Es ist dasselbe Schauspiel, wie es jüngst bei der Beratung des preußischen Schulgesetzes aufgesührt wurde und hier für die jüdische Sache die kläglichsten Ergebnisse förderte. Dabei ist zu bemerken, daß den Beratungen der von Gemeindebund und Verband der deutschen Juden eingesetzten Organisationskommission sowohl jüdische Lehrer wie ein Vertreter des Vorstandes des Rabbinerverbandes beiwohnten, und daß dabei ohne Einwand Festsetzungen zugestimmt wurde, welche den Forderungen geradezu entgegenlaufen, die jetzt von letzterer Seite dem Minister vorgekragen wurden. Es wäre die erste Pflicht der Herren gewesen, sich mit ihren Wünschen und Anträgen an die Organisationskommission zu wenden, bevor sie wieder gesonderte Schritte bei den höchsten Behörden taten." 8. Berlin, 15. September. Die heutige erste Sitzung der Repräsentantenversammlung nach den Ferien, die vom Vorsitzenden Herrn Louis Sachs mit einer kurzen Begrüßungsansprache eingeleitet wurde, fand eine reichliche Tagesordnung zur Erledigung vor. In der Hauptsache handelte es sich heute um Zuwendungen, Rechnungsabschlüsse und Bewilligungen. Debattelose Annahme fand die Zuwendung des Rentiers Jsaac Haberland im Betrage von 92 000 Mark zur Errichtung einer „Jsaac und Clara Haberland geb. Reiwald-Stiftung". Rach den Bestimmungen sollen von den Zinsen nach Abzug der notwendigen Verwaltungskosten für die Dauer von zehn Jahren hilfsbedürftige Mitglieder der Familie des Stifters und seiner Ehefrau unterstützt werden, nach dem Ablauf der zehn Jahre sollen die Zuwendungen aus der Stiftung nicht mehr von der Zugehörigkeit der Bewerber zur Familie des Stifters abhängig gemacht werden. Die Personen, welche aus dem Nachlasse etwas erhalten sollen, dürfen weder getauft sein, noch in gemischter Ehe leben. Entsprechend dem allgemeinen Bestreben der Staatsbehörden, die Entstehung neuer selbständiger juristischer Persönlichkeiten tunlichst zu beschränken, hat der Minister des Innern dem Wunsche Ausdruck gegeben, die Stiftung nicht als eine rechtsfähige, sondern nur als eine unselbständige, d. h. als eine der jüdischen Gemeinde unter einer gewissen Zweckbestimmung und einer gewissen Bezeichnung gemachte Zuwendung zu errichten. Demgemäß ist die Zuwendung als unselbstständige Stiftung seitens der jüdischen Gemeinde übernommen worden. Annahme fand ferner eine Zuwendung der Frau Jenny Oppenheim geb. Schneider in Höhe von 300 Mark zur Vergrößerung der für die Zwecke der Waisenkommission errichteten Louis Oppenheim-Stiftung, ferner die Legate der Witwe Emma Rausnitz geb. Eske im Betrage von 4600 Mark undder Frau Marie Josephsohn geb. Salzburg im Betrage von 2000 Mark; beide zu Grabeserhaltungszwecken. Der Rechnungsabschluß der Friedhofskommission pro 1906—1907, der heute dechargiert wurde, bringt außerordentlich bemerkenswerte Zahlen. Die Schlußzahlen der etatsmäßigen Abrechnung lauten in Einnahme mit 442 443,03 Mark, in Ausgabe mit 237 330,74 Mark, mithin ergibt sich ein Ueberfchuß von 205 112,29 Mark, zu dem ein Kassenbestand der Gärtnerei Weitzensee von 1135,14 Mark kommt. Dieser Ueberfchuß von insgesamt 206 247,43 Mark fetzt sich wie folgt zusammen: Ueberfchuß Gärtnerei Schönhauser Allee 26 421,27 Mark, Ueberfchuß Gärtnerei Weißensee 175 003,97 Mark, Ueberfchuß aus dem Beerdigungswesen 4822,19 Mark. Der Ueberfchuß aus dem Beerdigungswesen ist nur ein scheinbarer; es sind die infolge Reklamation aus den letzten Jahren zurückgezahlten Steuern im Betrage von 7024,05 Mark in Abzug zu bringen, so daß sich auch in diesem Jahre wieder ein effektiver Ausfall von 2201,86 Mark bei dem Beerdigungswesen ergibt. Im Berichtsjahr sind beerdigt worden auf dem Friedhof Weißensee 720 Männer, 616 Frauen, 204 Knaben, 151 Mädchen; auf dem Friedhof Schönhauser Allee 21 Männer, 29 Frauen, 1 Mädchen, mithin insgesamt Erwachsene 1386, Kinder 356, gegen das Vorjahr 14 Erwachsene mehr, 42 Kinder weniger. 50 hier Verstorbene sind nach erfolgter Einsargung nach auswärts befördert worden. Als verunglückt waren bezeichnet 31 Personen, gegen 18 im Vorjahre, Selbstmords wurden gemeldet 48, gegen 48 im Vorjahre. Von den in Weißensee Beerdigten hatten ein Alter von über 80 Jahren erreicht 43 Männer, 57 Frauen, ein Alter von über 90 Jahren 7 Männer und 7 Frauen. Die älteste beerdigte Person, eine Frau, erreichte ein Alter von 95 Jahren und 6 Monaten. Die Zahl der Bestattungen auf dem Friedhofe in Weißensee seit der Eröffnung desselben am 9. September 1880 stieg bis zum Schluß des Berichtsjahres auf 31 518. — Zur Wiederergünzung des III. Amortisationsfonds wird aus den soeben genannten Ueberschüssen der Gärtnereiverwaltung des Friedhofs Weißensee pro 1906/07 eine Quote von 10 Prozent und ferner ein Betrag von 60000 Mark überwiesen. — Der Rechnungsabschluß der Synagoge Lützowstraße ergibt an Einnahmen 38 656,50 Mark, (Gemeindezuschuß 38 070 Mark), an Ausgaben 35 079,66 Mark, mithin ein Minderverbrauch von 3576,84 Mark. — Der Rechnungsabschluß des Reichenheimschen Waisenhauses ergibt an Einnahmen und Ausgaben die Summe von 56 303,33 Mark. — Die Anzahl der Zöglinge betrug zu Beginn und am Schluffe des Berichtsjahres 70 Zöglinge. Der Beköstigungssatz stieg von 204.55 Mark auf 217,90 Mark