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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 456 (sequence 12)
Language
German
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aufgestachelt, die ihn alles genießen ließen bis zum Ueberdruß, bis ihn alles angeekelt, bis die Einsamkeit, das gänzliche Verlassensein ihn umklammert und sein Herz mit einer Eismauer umgeben, die keiner mehr überschreiten konnte. Als er aber zu in erstenmal in Sauls Angesicht geblickt, da hatte er gefühlt, wie sein Herz sich wieder zu erwärmen begann, so daß der Eisring zu schmelzen anfing und eine Oeffnung freilegte, durch die Saul frei und aufrecht hineintreten konnte. Doch das Schicksal, das ihn schon früher und so lange zu einem einsamen und verschlossenen Dasein verurteilt, es schien auch jetzt ihn wieder zu verfolgen. Er hatte Saul bewundert, in seinen Triumphen mitgeschwelgt; nicht ein Schatten von 3teib regte sich in seinem Innern bei all den Erfolgen, die sein Freund errungen und die ihn noch für weitere, höhere Aufgaben auscrwählt zu haben schienen. Aufgaben, die er, Gerold, selbst zu erreichen nie hoffen durfte. Nein, nicht eine Spur von Mißgunst hatte er die ganze Zeit empfunden, bis zu dieser unseligen Stunde. War denn Saul nicht schon ohnedies mit einer Fülle von Gaben und Eigenschaften ausgestattet, die für alles Gold in der Welt nicht zu haben waren? War denn sein Leben nicht jetzt schon durch selbstbewußtes Streben, durch Sicherheit des Erfolges, voll und vollständig ansgefüllt? Hatte sich nicht alles nach außenhin so gestaltet, daß er ans weitere Eunstbezeugungen gar nicht mehr zu hoffen brauchte? Und zu all diesem kam noch Sauls Innenleben, das sich heute dem Freunde offenbarte! Jene seelenerhaltende, herzerfreuende Gemütstätigkeit, die er, selbstzufrieden, in seinem Innern für sich selbst aufbewahrte, ohne hierfür der Welt draußen den geringsten Tribut zu zollen! Um diese stillbeglückende Empfindung zu erringen, braucht man eigentlich gar kein Genie wie Saul zu sein; trotzdem war cs Gerold zweifellos klar, daß es dennoch außerhalb seines Bereiches lag, daß er auch hier weit, weit hinter dem Freunde zurückstehe, und wie überall, auch hier ihm den Vorrang überlassen muß. Das war der erste Keim des Mißbehagens, der sich in Gerolds Herz festsetzte, das bald in ein eifersüchtiges Wüten ausartete und irgendwie, irgendwo zum Ausbruch kommen mußte, am liebsteu gegen die unsichtbare Macht, die Saul so seelisch beglückt, ihn selbst dagegen mit erbarmungsloser Ungerechtigkeit behandelte. Und nun hatte er mit selbstmörderischer Eigensinnigkeit, mit selbstquälerischer Wollust seine Rachgier befriedigt, indem er den Stachel enttäuschter Freundschaft in das blutende Herz Sauls, den Schützling dieser unsichtbaren Macht, mit fester Hand gedrückt. Jetzt glaubte er auch den Grund zu kennen, warum die ganze Welt tot und leer für ihn geworden; ihm war der Berührungssinn, das Gemeinschaftsgefühl versagt geblieben, das dem Leben erst den eigentlichen Lebenssaft einflößt. Er verstand es nicht, sein -Ohr dem großen Pulsschlag zu öffnen, der das ganze All durchzittert und Harmonie und Ordnung in das verworrene Nichts hineinträgt. Nein, er wußte es jetzt, daß er nicht wie jener Halbgott war, der durch die Berührung mit der Mutter Erde neue Kraft schöpfte; er hatte sich von der angestammten, nächsten Umgebung entfernt, und darum ist ihm auch die Gesamtmenschheit fremd geblieben. * * * Mit schwerem Herzen und traurigen Gedanken verließ Gerold seine Wohnung. Er versuchte, in irgend einem Hotel eitle Mahlzeit einzunehmen, doch vergeblich, er brachte keinen Bissen herunter. Plan- und ziellos wanderte er in der Stadt herum, bis das Theater geöffnet wurde, um dort Zerstreuung und Ablenkung zu finden, und er glaubte, dieses um so eher zu erreichen, als er dem neuen Stücke, daS hier zum erstenmal gegeben wurde, schon seit Wochen mit großer Spannung entgegen gesehen hatte. Allein schon der erste Akt war für ihn genug, obwohl die anderen Zuschauer wie elektrisiert waren, und das ganze Haus mit dröhnendem Applaus erfüllten. Er allein vermochte der Handlung nicht zu folgen, die Darsteller auf der Bühne kamerr ihm wie leblose Schatten , vor, die nur niechanisch sich hin lind her bewegten. Er sand keinen Gefallen daran. Beim Nachhausegehen kam er bei dem Hause des Professors Kunow vorbei, das in allen Etagen hell erleuchtet war und vor welchem eine lange Reihe glänzender Equipagen stand. Er war froh, daß er nicht im Gesellschaftsanzuge war, so daß es erst keinerleiUeberlegung bedurfte, ob er hinaufgehen sollte. Als er sein Zimmer wieder betrat, fand er ein parfümiertes Briefchen der Frau Geheimrat Daminsky vor, in welchem sie ihn zu einem Täßchen Tee „ganz unter uns, nur ich und mein Töchterchen-" einlud. Mit einer Gebärde der Verachtung und des Abscheus zerriß er das Kärtchen in winzige Stücke, die er dann ins Feuer schleuderte. Wie es ihn wieder anekelte, das schale, seichte „Gesellschaftsleben", mit seinem geheuchelten, oberflächlichen Lächeln. Eben hat sein Herz begonnen, wahr und aufrichtig zu schlagen und mit sich selbst in Einklang zu kommen, weil geschickte Freundesfinger es verstanden, eine süße Melodie daraus zu spielen — und nun sollte er wieder in den mißtönenden, disharmonischen Zwiespalt zurückgeschleudert werden. (Schluß folgt.! Lttrrarilche Mitteilungen. — Im Verlage von Kurt Wigand (Modernes Verlagsbureau ist ein sehr praktisch ausgeführter und gut ausgestatteter Illustrierter jüdischer Familienkalender für das Jahr 5668 (1907/1908) erschienen. Der Herausgeber hat sich durch dieses Werk ein großes Verdienst erworben. Es entspricht einem wirklichen Bedürfnis. Wir haben nun endlich auch in Deutschland, was England und Amerika längst besitzen, einen elegant ausgestatteten Kalender, der mit allen wünschenswerten Zeittafeln. Tabellen und so fort ausgestattet ist und zugleich eine weit ausgedehnte Uebersicht über die verschiedenartigsten Verhältnisse der Juden in Deutschland, mit besonderer Berücksichtigung derjenigen in Berlin, bietet. Es ist ein praktisches Handbuch mit einer Fülle wissenswerter Notizen, und läßt außerdem keine der Rubriken vermissen, welche die großen Volkskalender und Jahrbücher bieten. Nicht minder gelungen ist der unterhaltende Teil mit seinen politischen, literarischen, statistischen Uebersichten, seinen Gedichten, Novellen, Skizzen und Anekdoten, daher ist der Kalender bei seinem Umsang und seiner Ausstattung staunenswert billig. Dem guten Anfang ist verdienter Erfolg, ein rüstiger Fortgang und eine lange Reihe weiterer, an Umfang und Inhalt immer mehr erweiterter Jahrgänge aufrichtig zu wünschen. Sprechlml. Warnu ng! erselbe Schwindler, der im vorigen Winter in Westfalen und in Schlesien in meinem Namen verschiedene Literaturvereine und einzelne Herren telephonisch um Geldbeträge für angebliche Unterstützungszwecke angerufen, setzt gegenwärtig auch hier dieses Treiben fort. Ich warne hiermit noch einmal nachdrücklichst vor diesem Schwindler und bitte dringend, denselben verkommenden Falles festhalten zu lassen. Berlin, 15. September. Dr. Gustav Karpeles. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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