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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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455 » erden wir auf Gottes Geheiß hervortreteu, dann werden wir unsere Lippen auftun, um laut und furchtlos den Schlußvers unserer seit Vater Abrahams Zeiten übernommenen Botschaft «Cer Welt zu verkünden. Darum, Gerold, schmähe nicht das Judentum, wenn es Gold sammelt, um bis dahin sich lebensfähig zu erhalten!" „Und in der Zwischenzeit?" fragte Gerold mit einem pichten Achselzucken. „Du hegst. die phantastische Hoffnung uns Belohnung in einer Zukunft, die zu sehen das kranke und morsche Judentum gar nicht mehr erleben wird." „In der Zwischenzeit habe ich meinen Glauben an die besondere Vorsehung, die von jeher unser Schutzengel gewesen, und dieses bedeutet zugleich: Glaube an die eigene Kraft und vertraue auf sichern Erfolg durch eine höhere Macht. Das ist euch die beste Arznei, um die Krankheit, die Du uns anhängst, überstehen!" „Sie ist etwas aus der Mode geraten, diese Deine Arznei; u id es ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, daß sie t reits vor Jahrtausenden gebraut wurde," sprach Gerold leichthin; „ihre Heilkraft liegt übrigens auch nur in der Eini ldung, und das einzig Reale, was sie enthält, ist, wie bei j> der Medizin, das Gift, das Schädliche. Saul, Du magst » den, was Du willst, ich behaupte: es gibt gar keinen echten, t »sinnerlichen, uneingeschränkten Glauben, sondern Heuchelei, £ berflächlichkeit, Phantasie und, das Schlimmste, Scheinl iligkeit!" „Ich spreche nur für mich selbst," entgegnete Saul ruhig. „Nein," rief Gerold hitzig; „auch das kannst Du nicht, i uch für Dich selbst kannst Du nicht einstehen, weil Du in i ner Selbsttäuschung befangen bist. Gebrauche nur Deine Forschungen, Deine kühle Urteilskraft, Deine bessere Einsicht, i nd Du wirst .das Schattenhafte und Trügerische leicht »kennen. — Darum folge mir, lebe für das Wesentliche und l icht für ein Phantom — und willst Du es nicht zu Deinem > genen Nutzen, dann tue es mir zu Liebe." Saul sah ihn verwundert an; er glaubte den Sinn der I tzten Worte zu verstehen und fürchtete sich darum zu rechen. Auch Gerold zögerte eine volle Minute; dann aber entriß - sich förmlich von seinen Lippen: „Weil — weil — wenn Du mir nicht folgen willst — d mn — dann ist auch eine fernere Freundschaft zwischen uns > »denkbar." „Du scherzest wohl, Gerold," sprach Saul traurig. „Leider nein," erwiderte dieser, während seine Augen den nßboden suchten; „ich kann Dir meine Empfindung nicht mit iorten so klar darlegen; aber das weiß ich: ich kann mich icht mit einem Menschen vertraut fühlen, dessen Anschauungen icht mit den meinigen voll und ganz übereinstimmen. Ich! >nnte den Gedanken nicht ertragen, daß, während unsere ' ände sich brüderlich fassen, unsere Herzen abgrundtief voninander gerissen sein sollten. Darum ist es besser, unsere Äege trennen sich beizeiten und wir ersparen uns größeres »erzeleid für die Zukunft." Saul erhob sich und trat dicht an Gerold heran. „Ich abe etwas Aehnliches schon längst vermutet," sprach er mit -ebender Stimme, „und deshalb habe ich diesen Gegenstand isher mit keiner Silbe berührt; ich hätte es auch heute unterlassen, wenn —" „Es wäre doch dazu gekommen, früher oder später," unterbrach ihn Gerold, „und besser jetzt als später, wenn unsere Herzen sich noch mehr zusammengekittet hätten und der Trennungsschmerz darum noch ein größerer gewesen wäre. Ich glaube ganz bestimmt, es ist besser so, wie es nun gekommen ist." „Gerold," sprach Saul weich, indem er des Freundes Hand erfaßte, „Gerold, siehe, Du sprachst vorhin, daß Glaube nur Engherzigkeit und Unduldsamkeit bedeute — Deine jetzige eigene Handlungsweise straft aber Deine Worte Lügen. Ich, dem Du Engherzigkeit vorwirfst, liebe Dich als meinen Freund, gerade so, wie Du bist; Du aber, der Du Dich rühmest, von aller Sentimentalität, von jeder Parteilichkeit frei zu sein. Du mit Deiner angeblichen Weitherzigkeit, findest keinen Raun», urn ineine Selbsttäuschung, wie Du sie nennst, zu beherbergen! Wer bekundet wohl mehr Toleranz, der Gläubige oder der Ungläubige? — Was soll ich jetzt von Dir und Deinen Prinzipien halten und denken?" „Denke, was Du willst, meinetwegen, daß ich ein launenhafter Narr bin, der ein Spielball seiner eigenen ungereirnten Einfälle ist, deilke von mir, was Du nur selbst willst, ich will diese Demütigung gern ertragen, Saul, behandle »nich wie ein ungebärdiges Kind, aber gib mir in dein einen nach. Zeige mir, wie groß Du bist, indein Du mir willig folgst!" „Dir folgen! Einen Freund gewinnen und dafür Gott verlieren?" erwiderte Saul mit halblauter Stimme. „Nein, Gerold," sprach er fest, „Du verlangst zuviel. Sei es darurn, wie Du vorhin gewollt, unsere Wege sollen sich fortan trenne»», vielleicht aber fügt es »»»ein gutes Geschick, daß wir »»ns doch noch einmal besser verstehen, bis dahin aber, Lebewohl." Leise schritt er zur Türe und blieb einer» Augenblick dort stehen, als erivarte er zurückgerufen zu »verden, doch Gerold rührte sich nicht; er saß da, den Kopf aus die Brust gesenkt' als habe er plötzlich jede Bewegungsfähigkeit verloren. Lange noch nach Sauls Fortgang saß er da und larrschte, »»nd glarrbte immer noch die Fußtritte zu hören, als jener die Treppe hinabstieg, langsa»»», bedächtig und feierlich, als koinrne er von einem frischen Grabe. Einen Augenblick erfaßte ihn ein unbezähinbares Verlangen, den» Freunde nachzustürzen und seine Verzeih»»ng zu erbitten. Doch ein Geda»»ke hielt ihn davon zurück, ein Gedanke, der schon während der ganzen Unterhaltung ihm vorgeschwebt und jetzt feste Gestalt angenornmen, den er aber keineswegs Saul offenbaren durfte, ihm a»n allerwenigsten. Oder konnte er ihm sagen, wie eine namenlose Eifersucht bereits begonnen, den süßen Freundschaftsbecher mit einem Tropfen Wermut zu verbittern? Eigentlich »var die Frenndschaft erst einige Monate alt, dennoch war sie bereits so voll ausgewachsen, so voll ausgereift, als Hütte sie schon Jahrzehnte überdauert. D»»rch einen Z»»fall war Gerold den» jungen Physiologen begegnet, der ungeachtet feiner Jugend große Aufmerkfalnkeit in den Gelehrtenkreisen erregt, dessen Werke geradezu epochemachend gewirkt. Gerold hatte in dem jungen Gelehrten einen Charakter erkannt, dem Falschheit und Verstellung ganz und gar fremd waren, er bewarb sich un» dessen Freundschaft, und als es ihm gelang, da schwelgte er förmlich in ihr, da sie ihm die reinste Hinnnelsluft däuchte, nach der stickigen Atluosphäre der feilen und käuflichen Bekanntschaften, der kriechenden und speichelleckende»» Schmarotzer, mit denen er sein bisheriges Leben verbracht. Bei den vielen, viele», Meilen von Wald, bei den zahllosen Morgen von Acker, bei dein schiveren und mächtigen Geldkasten, den sein Vater ihn» hinterlassen, einpfand er keine solche Freude, wie in den» Besitze dieses Freundes, den er jetzt gewonnen. Seit seinen» zehnten Lebensjahre »var er in den Händen von Freindlingen, die ihn» jede Freiheit gestattet, jeder Laune nachgegeben, die seine Gelüste »»icht nur nicht gezügelt, sondern geradezu noch I

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