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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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Kaid der Stadt seine Befehle empfängt. In den Mellahs der den Europäern geöffneten Hafenstädte dürften durchschnittlich je 5—-7000 Juden wohnen, in Tanger, Fez und Marrakesch je 8000, und Tausende leben außerdem, bei den Araberstämmen, von denen sie sich den Mezrag, d. h. Schutz, durch teures Geld erkaufen müssen. Im ganzen ist die Zahl der Juden von Marokko wohl 100 000. Sie wäre bedeutender, wenn die elenden Gesuudheitsverhältnisse, in welchen die Juden leben, nicht vorhanden wären. Die Abwesenheit von Kloaken und frischem Wasser, von Lust und Licht, die Ablagerung allen Unrats in den Straßen und Häusern machen die Wohnungen zu wahren Krankheitsherden, und bei Epidemien haben die Juden die größte Zahl an Opfern aufzuweiseu. An ihrem Judentum halten sie mit großer Zähigkeit fest. Sie trinken ihren Wein nur aus Gefäßen, die kein Andersgläubiger berührt hat, und genießen nur koscher geschlachtetes Fleisch. Selbst auf den Schiffen, wo ich mit ihnen zusammentraf, setzten sie sich nicht zur gemeinschaftlichen Tafel, sondern ließen sich ihre Mahlzeiten in mitgebrachten Geschirren zubereiten. Die Speisen für den Sabbat werden am Tage vorher zubereitet, und die Kochtöpfe dürfen nicht abgetrocknet werden. Ihre Synagogen sind indessen auch Christen zugänglich. Die meisten sind klein und von ärmlicher Ausstattung. Mit Kalk belegte Stufen führen in das mit Eichenholz getäfelte Innere. Zwei Säulen stützen in der Mitte eine Tribüne, und hinter dieser erhebt sich das gewöhnlich hölzerne Tabernakel mit den Gesetztafeln. Die sehr reich geschmückten Ornate derselben und die zum Gottesdienst erforderlichen Gegenstände sind in hölzernen Schränken untergebracht, die, für Marokko merkwürdig genug, unverschlossen sind. Dennoch hat es, wie man mir erzählte, seit Menschengedenken keinen Diebstahl gegeben. Nach dem Glauben der marokkanischen Juden würde ein Dieb, der sich an diesen heiligen Dingen vergreist, sofort durch den Tod bestraft werden. Die religiösen Feste werden streng beobachtet, doch das größte Fest, bei welchem auch der reichste Aufwand entwickelt wird, dürste das Hochzeitsfest sein. Selten habe ich schönere Gewänder gesehen, wie bei jenem, dem ich beiwohnen durfte. Die Frauen und Mädchen der Hochzeitsgesellschaft waren in die kostbarsten Brokate und Seidengaze gehüllt und mit Perlen und Edelsteinen geradezu besät. Der Kopfputz, das kurze Jäckchen, Gürtel und Pantoffeln blitzten von Edelsteinen; je älter die Matronen waren, desto mehr Schmuck hatten sie. Das rabenschwarze Haar dieser alten Jahrgänge, das Edmondo de Amicis bei seiner Reise nach Fez so sehr in Verwunderung setzte, ist nicht natürliches Haar, sondern eine seidene Perücke. Nur die Mädchen tragen ihren Haarschmuck gewöhnlich in großer Ueppigkeit lose über die Schultern fallend. Sobald die Jüdinnen Mutter werden, lassen sie sich den Schädel, gewiß zum Leidwesen aller Bewunderer von Frauenschönheit, abrasiereu und tragen dann nur mehr Perücken. Die Braut, ebenfalls reich geschmückt, das Gesicht verschleiert und die Hände durch Henna orangegelb gefärbt, saß nach orientalischer Manier auf einer Art Thron zwischen ihren Eltern. Ihre Augen blieben geschlossen, und ihr Antlitz zeigte völlige Teilnahmslosigkeit. Auf der andern Seite der weißgedeckten Tafel saß ihr jugendlicher Bräutigam. Kaum hatte mich der Vater der Braut begrüßt, so wurde auch schon, wahrscheinlich meinethalben, eine Messingplattc herumgereicht, auf welche jeder Anwesende ein Gold- oder Silberstück warf. Natürlich mußte auch ich mit einem Dukaten für die mir wildfremde Person herhalten, und bekam von dem eigentlichen Hochzeitszeremoniell nicht einmal etwas zu sehen, denn dieses findet, wie ich später erfuhr, erst am Schluß der Woche statt. 454 —— und wir waren erst am Dienstag, dem Tag der Unterfertigung des Ehekontrakts. Mittwoch wird gewöhnlich die Aussteuer der Braut in das Haus des Bräutigams gebracht und alles, was an Hochzeitsgeschenken beigesteuert wurde, zur Besichtigung durch Freunde und Bekannte ausgestellt. Jeden Tag gibt es Festessen, Musik, Tanz und Gesang. Donnerstag wird die Braut, in schneeiges Weiß gekleidet und mit Orangenblüten geschmückt, nach dem Hause des Bräutigams gebracht. Bei schönem Wetter marschiert sie tapfer über das holperige Pflaster; gibt's Regen, dann setzt sie sich in einen mit bunten Tüchern verhängten Käfig und wird von Maultieren zu ihrem Bräutigam getragen, mit den singenden, fackeltragenden Hochzeitsgästen hinterdrein. Freitag kommt unter großen Festlichkeiten der Schluß: das Pärchen trinkt aus demselben Glase Wein beim großen Hochzeitsschmause. «.•JHP Vor Tareslchluh <Mis>>). Von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. II. / A^erold schwieg und nur die in Falten gezogene Stirn bekundete seinen Unmut. „Und nun, sieh Dir auch den Narren an," fuhr Saul mit ernster Würde fort, „und Du wirst es zugeben müssen, daß ich doch nicht so närrisch und unüberlegt bin. wie Du denkst; ich verstehe es sogar ganz gut, mich für meine Aufopferung auch angemessen zu entschädigen." „Du siehst mich verwundert an — — nun, ich will es Dir ganz offen eingestehen: in meiner Narrheit ist eine gehörige Portion Selbstsucht enthalten. Dadurch, daß ich fest zu meinem Volke halte, bin ich auch berechtigt, an seiner großen und reichen Erbschaft teilzunehmen und bei der Erfüllung seiner menschenbeglückenden Aufgaben voll und ganz mitzuwirken!" „Aufgaben!" rief Gerold, verächtlich die Nase rümpfend. „In der modernen Sprache nennt man es „Verhängnis". Das heutige Judentum hat keine „Aufgaben", keine Zeit und auch keinen Sinn für andere Aufgaben, als weltliche Interessen zu verfolgen, als Geld und Reichtümer zusammen zu scharren! Und wenn Du es mir nicht glauben willst, dann lies Zeitungen, oder gehe in Gesellschaft, und Du wirst es überall hören!" „Du hast die schmählichen Unterstellungen unserer Gegner gut gelernt, Gerold," sagte Saul gelassen, „und für manche unseres Volkes — es soll keinen Tadel für Dich enthalten — für manche unseres Volkes mag dieses ein geeigneter Vorwand sein, die Fahnenflucht und die Abtrünnigkeit zu bemänteln. Und dennoch kann nichts unfern angestrebten, herrlichen Endzweck besser bekunden, als gerade diese Tatsache. Jedem, auch dem niedrigsten Erdengeschöpf, hat Gott irgend eine Waffe, irgend ein Abwehrmittel gegen seine Widersacher ins Leben mitgegeben. Was nun, wenn wir ein Volk von Bettlern gewesen wären-hätten wir wohl bis zum heutigen Tage alles, was uns im Laufe der Zeiten widerfahren, überlebt und überdauert? Wenn Israel tatsächlich weiter nichts täte als Gold aufhäufen, so häuft es dieses nur als Schutzwälle auf, hinter denen es seine Zeit abwartet, bis das Herz der Menschen mehr in Liebe für einander schlagen, bis das Raubtier des Hasses feine Krallen abgestumpft haben wird; dann

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