Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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453 Manche von ihnen, wie die Bankiers Abensur und Nahon, wohnen geradezu in Palästen, und auch sonst finden sich in dem Labyrinth enger, vielgewundener Gäßchen und Plätzchen ganz nette Häuser, durchweg nach andalusischer Art gebaut. Viele Juden geben sich auch verschiedenen Gewerben hin- In Tanger wie in den anderen Städten sind sie Schlächter, Bäcker, Silber- und Goldschmiede, Graveure, Schneider, Schuster — niemals aber Maurer, Schmiede,Töpfer oder Sattler. Als ich mich bei meinem ersten Besuch von Tanger nach dem Stadtviertel wandte, wo sie am zahlreichsten sind, kam ich von Soco Chico, das heißt vom Kleinen Markt aus, bald in die dämmerigen Gäßchen, durch welche bei dem herrschenden Regenwetter wahre Kaskaden strömten. Zu beiden Seiten erhoben sich maurische, portugiesische oder andalusische Häuser, viele noch aus der Zeit der portugiesischen und spanischen Herrschaft stammend. Dazu überall Sackgassen mit quer vorgebauten Mauern und schweren Toren, dunklen Hausfluren oder schmutzigen Säulenhöfen. So manches Haus mochte in früherer Zeit einem maurischen Großen gehört haben. Hadschi, mein Dragoman, ließ mich in die schönsten eintreten. In den mit herrlichen Wandornamenten im arabischen Stil, reichgeschnitzten Holzplafonds und Türen geschmückten Räumen hausen jetzt jüdische Familien mit zahlreichen Kindern. Die in Stukko ausgeführten Koransprüche an den Wänden der Patios sind durch Schmutz und Unrat kaum mehr erkennbar, und die schönen Marmorplatten des Fußbodens sind mit dicken Unratschichten bedeckt. Die Atmosphäre in diesen dunklen, feuchten Räumen ist derart, daß ich nach flüchtigem Blick sofort das Weite suchte. In einem Hause gewahrte ich einige der herrlichsten Frauengestalten, die ich auf meinen langen Reisen durch den ganzen Orient je zu Gesicht bekommen. Die Jüdinnen von Marokko sind ihrer ausnehmenden Schönheit wegen mit Recht berühmt, doch jene, die ich vor mir sah, übertrafen noch meine Erwartungen. Sie waren eben von einer Hochzeit zurückgekehrt, und prangten in goldstrotzenden Gewändern, Nacken und Arme waren mit kostbaren Juwelen bedeckt, die kleinen nackten Füßchen steckten in goldgestickten Pantoffeln, und an den Fingern blitzten Diamanten. Aber den schönsten Schmuck, den sie besaßen, waren ihre großen dunklen Augen, ihr schwarzes glänzendes Haar, das in reichster Fülle die Köpfchen umrahmte, und das schöne Ebenmaß ihrer Gestalten. Besäßen sie mehr Verstand und Witz, sie könnten die Welt zu ihren Füßen sehen. Als ich ein Jahrzehnt später bei meinem zweiten Aufenthalt in Tanger zu einem jüdischen Five o’clock geladen wurde, fand ich in den schönen, nach maurischer Art geschmückten Salons des Gastgebers, eines reichen Bankiers, anscheinend europäische Gesellschaft — Herren und Damen in moderner abendländischer Kleidung, die Möbel europäisch, der ganze Verkehr wie die Unterhaltung, als befände ich mich im Soho Square von London. Die jüdischen Fräuleins waren in England erzogen worden und sprachen Englisch vortrefflich, die Männer hatten wiederholt Reisen nach Europa unternoinmen, und da die Hautfarbe der marokkanischen Jüdin im allgemeinen viel heller ist als die der Mauren und sich der unserigen nähert, so konnte man sie in der Tat für Europäerinnen halten. Dafür hatte die Schönheit der Jüdinnen durch die modernen englischen Kostüme entschieden verloren. Man glaubt gar nicht, was orientalischer Sammet und Gaze, Goldstickerei und Seide und dergleichen für weibliche Reize alles ausmachen! In allen anderen Städten Marokkos, der Küste entlang von Tetuan über Rabat bis Mogador, ebenso wie im Innern des Landes, in Fez, Marrakesch, Mekinez usw. sind die Juden noch immer in schmutzige, streng unlmauerte Stadtviertel, die sogenannten Mellah, das heißt Salzplätze, zusammengepfercht und müssen ihre Nächte unbedingt dort zubringen. Der Segen, den der Herr Abraham spendete: Dein Samen soll zahlreich sein wie der Sand am Meere, scheint ihnen ein Gebot zu sein, das sie nach Leibeskräften befolgen. Was gibt es doch in diesen Mellahs für Unmassen Kinder! Auf den Straßen, in den schmutzigen Patios der überall nach spanisch-maurischer Art gebauten Häuser, in den dämmerigen Kaufläden ihrer Papas tummeln sich Kinder halbnackt oder ganz nackt umher, dutzendweise, und Familien mit einem oder anderthalb Dutzend Kinder sind gar keine Seltenheiten. Die Juden vermählen sich dort schon sehr früh. Von den früheren Beschränkungen ihrer Lebensweise haben sich viele bis aus den heutigen Tag erhalten. Je nach der Strenge des jeweiligen Kaid oder nach seiner Bestechlichkeit werden ihnen größere Freiheiten gewährt, aber mitunter lehnt sich die mohammedanische Bevölkerung dagegen auf. In früherer Zeit durften die Juden beispielsweise nur in ihrer Mellah Schuhe tragen. Kamen sie in die Maurenstadt, so mußten sie barfuß larrfen. Sultan Soliinan gestattete ihnen das Tragen schwarzer Schuhe. Als sie sich damit in Fez auf die Straße wagten, waren die Mohammedaner so wütend, daß sie alle beschuhten Juden ohne weiteres niedermachten. Sie selbst baten dann den Sultan, das bezügliche Dekret wieder zurückzunehmen! Noch unter den: letzten, keineswegs strengen Sultan Muley Hassan war es ihnen verboten, Turbane zu tragen. Sie bedecken sich heute mit schwarzen Käppchen oder blauen Tüchern, die sie unterm Kinn zusammenbinden, aber vor dem Gouverneur oder beim Vorüberschreiten von Moscheen abnehmen müssen. Statt der gebräuchlichen gelben Schuhe dürfen sie nur schwarze tragen, und in der Nähe von Moscheen müssen sie barfuß gehen. Begegnen sie Mauren, so müssen sie nach der linken Seite ausweichen; sie dürfen maurische Bäder nicht besuchen, in der Maurenstadt kein Pferd besteigen, vor Gericht keine Zeugenschaft ablegen, außerhalb ihrer Mellah kein Haus und kein Grundstück erwerben. Jahrhundertelang blieben sie bedrückt, ausgeschlossen vom öffentlichen Leben, verachtet. Jede Berbindung eines Mauren mit einer Jüdin ist untersagt; zeigten sie sich bei Festlichkeiten, dann wurden sie mit faulen Eiern und Steinen beworfen, mußten aber das Geld für diese Festlichkeiten zahlen. Heute noch sind sie einer dem Sultan zu zahlenden Toleranzsteuer unterworfen. Alles das erhielt die Mehrzahl von ihnen bis auf die Gegenwart in Unwissenheit und Aberglauben. Auf den meisten Häusern wird man beispielsweise zum Schutz gegen die zahlreichen giftigen Skorpione Papierstreifen über den Türen finden, mit dem Bild zweier Skorpione und einem Abracadabra in hebräischer Schrift, von den Rabbinern niedergeschrieben. Die Herstellung dieser Zettel kann nur in der ersten Nacht des Siwanmouats geschehen, nachdem der Rabbi dreimal unter Wasser getaucht ist und sich die Fingernägel geschnitten hat. Ueber der Beschwörung steht in hebräischen Lettern folgendes: A SpicOl’OS Ia Opretata Picoros Nia Prebita Icoros Inia Retata Goros Ginia Etata Oros Iginia Taia Ros Liginia Ata Os Bli ginia Ta S Abliginia A Der Bürgermeister jeder Mellah ist wohl ein Jude, untersteht aber einem maurischen Gouverneur, der wieder vom