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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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der Andersgläubigen um ein erhebliches überragen, werden Graf Sternberg und seinen Nachrednern ein Liedchen von dem Wohlstände der Juden Vorsingen, das nicht sehr erbaulich klingt. Soweit unsere Beobachtungen reichen, können wir init folgenden Erfahrungen dienen: Es ist richtig, daß einige wenige jüdische Industrielle bei der jetzt herrschenden Hochkonjunktur, besonders in der Textilindustrie, im verflossenen Jahre stattliche Summen verdienten; daneben aber schreitet infolge der großen Teuerung, der erschwerten Erwerbsverhältnisse, des Boykotts, der starken Konkurrenz, der sprachlichen und konfessionellen Streitigkeiten und anderer Hindernisse die Proletarisierung, Verarmung und Verelendung der großen jüdischen Volksmassen unaufhaltsam fort, und wir können Graf Sternberg die Versicherung geben: es ist so weit gekommen, daß jüdische Eltern nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder versorgen sollen. Was man soziales Elend nennt, trifft niemand so hart, wie die breiten Massen des jüdischen Volkes. — Dem Grafen Sternberg ist leicht reden: Die Juden mögen sich assimilieren, denn er weist aus eine stattliche Zahl von hohen Beamten, Offizieren und bedeutenden Persönlichkeiten hin, die es durch diese Assimilation zu einer hervorragenden Stellung in Oesterreich gebracht haben. Sehr richtig; aber sie alle haben die letzten Resultate aus der Assimilation gezogen, sie sind aus dem Judentunr ausgetreten. Dazu bemerkt Graf Sternberg, witzig, wie er schon ist, „er habe sie daran nicht hindern können". Das glauben wir ihm aufs Wort. Wenn es nun aber doch Männer gibt, die von dieser Radikalkur keinen Gebrauch machen wollen? Werden diese dann auch, wir wollen nicht sagen zu Ministern, werden sie auch etwa zu Hofräten bei unseren Gerichtshöfen, werden sie zu Bezirkshauptleuten, Auditoren usw. avancieren? Von der Höhe und aus der Ferne erschaut, nehmen sich gewisse Punkte doch anders aus, wie aus der Nähe. Wir wären undankbar, wenn wir es nicht anerkennen wollten, daß einige Beförderungen und Ernennungen jüdischer Beamten und Lehrer uns zeigen, es sei bei uns doch besser bestellt, als man es sonst gemeiniglich annimmt. Dies eifere uns an, stets unsere Pflicht zu tun, ja mehr zu tun, als von uns verlangt wird, denn schließlich findet jedes Verdienst seine Würdigung. Aber, was sich Graf Sternberg unter Assimilation vorstellt, das kann von uns als Allheilmittel nicht angenommen werden, das bedeutet keine Lösung des Knotens, sondern seine Durchhauung. Und wenn Graf Sternberg von dem „Solidaritätsgefühl" der Juden spricht, „wodurch sie eine unüberwindliche Macht geworden sind", so müssen wir über diese naive Redensart nur lächeln. Er werfe nur einen Blick auf unsere Gemeinden, unsere Gemeinschaft, betrachte den tiefen Riß, der mitten durchs Judentum geht, oder er tue es lieber nicht — aber er spreche nur nicht von unserer „Solidarität", die schon lange in das Gebiet der Märchen gehört. Die beste Politik für die Juden ist: sich nicht exponieren. Wir haben mit keiner der vielen Parteien gute Erfahrungen gemacht, wir waren gut dazu, die Kastanien aus dem Feuer 31t holen, dann warf man uns die Schalen vor. Wir haben von den Liberalen und Antiliberalen nichts zu erwarten: Darum vertrauen wir auf den gesunden Kern des Judentums, verlassen wir uns auf unsere Lebens- und Arbeitskraft und insbesondere auf die Wahrheit, daß niemand das Rad der Zeit aufhalten kann — auch nicht die Gesinnungsgenossen des Grafen Sternberg. I wri. Bit Juden von Marokko. Von Ernst v. Hesse-Wartegg. on den Juden, die int Jahre 1492 aus Spanien, vier Jahre später auch aus Portugal vertrieben worden sind, haben jene, welche sich nach dem benachbarten Marokko wandten, ihr gelobtes Land keineswegs gefunden. Vier Jahrhunderte schon schmachten sie unter der despotischen Herrschaft der Sultane, wie unter dem tödlichen Haß und der Verachtung der Marokkaner, allen möglichen Beschränkungen und Bedrückungen ausgesetzt. Die letzten Ereignisse irr Casablanca haben gezeigt, daß die Marokkaner artch heute noch die Juden als erste und willkommenste Opfer ausersehen, ihre Wohnungen zerstören, sie ihrer Habe, ihrer Frauen berauben und kalten Bltites niedermetzeln. Gewiß hätten sich int Laufe der Zeit schon viele dem marokkanischen Joch entzogen, wenn sie nur könnten. Die Marokkaner lassen sie iticht fort. Sie wissen sehr wohl, daß bei ihrer eigenen Indolenz Handel und Wandel ihres großen Landes dahingingen, wenn die Jirden nicht mehr vorhanden wären, und so behandeln sie dieselben geradezu wie Gefangene. Bis in die jüngste Zeit durften Frauen Marokko überhaupt nicht verlassen, Männer nur dann, wenn sie ihre Familien gewissermaßen als Geiseln zurückließen. Seit dem Dazwischeitkommen der Alliance Israelite und Sir Moses Montesiores hat sich die Bewegungsfreiheit der Juden wenigstens in Tanger, unter den Augen der fremden Gesandtschaften, erheblich gebessert. In den anderen Häfen ebenso wie in den Städten des Inlandes müssen sie sich von den Gouverneuren einen Paß erwirken, wenn sie fort wollen, und für diesen werden mitunter so hohe Summen verlangt, daß ihre Befreiung ausgeschlossen ist. Heute noch sind sie mit Ausnahme von Tanger in ummauerte Judenviertel gesperrt, deren Tore von Schergen des Kaid bewacht werden. Bei Sonnenuntergang werden diese Tore geschlossen und erst bei Tagesanbruch wieder geöffnet. In Tanger allein dürfen sie in denselben Straßen leben wie die Mauren und sind wohl ebenso zahlreich wie diese. Die spanische Sprache hat sich bei ihnen bis auf den heutigen Tag erhalten; auch in ihren Lebensgewohnheiten und Sitten zeigt sich noch der altspanische Einfluß. So zum Beispiel nennen sie sich selbst „Gerusch Castilla", das heißt aus Kastilien Vertriebene, und ihre Rabbiner beenden bei Heiraten die Vermählungsformel mit den Worten: „Das alles nach den Gebräuchen von Kastilien." Früher in krasser Unwissenheit und ohne jede Schulbildung aufwachsend, haben sie heute dank der Alliance Israelite in Tanger zwei vortreffliche Schulen für beiderlei Geschlechter mit ungefähr 100 Kindern. Hier werden sie natürlich auch im Französischen unterrichtet. Viele lernen privatim dazu noch Englisch, und da sie von Kindheit auf durch den Verkehr mit Mauren das Arabische beherrschen, bilden sie geradezu unentbehrliche Vermittler zwischen den Arabern und Europäern- Sogar die Regierung bedient sich ihrer ' dazu mit Vorliebe. Die Eintreibung der Steuern wird gerne an sie verpachtet, und so manche Regierungsgeschäfte fallen in ihre Hände. In den europäischen Postämtern sind sie geschickte, fleißige, ehrliche Beamte, im Geschäftsleben die rührigsten Bankiers, und die reichen Mauren bedienen sich ihrer als Strohmänner oder zur Verwertung ihrer Reichtünter, denn sie wiffen sehr wohl, daß sie selbst damit nicht unter die Augen der Regierenden kommen dürfen, soll ihnen nicht alles wieder verloren gehen. In Tanger bilden die Juden jedenfalls den tatkräftigsten, wohlhabendsten und intereffantesten Teil der Einwohnerschaft

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