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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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dann sprach er das Weihegebet voller Empfindung und so l wirksam, daß keiner der Festteilnehmer sich seinem Eindruck entziehen konnte. Psalmengesänge folgten, dann sprach Herr Rabbiner Dr. Bloch von der Brüdergemeinde ein Gebet, und mit dem Gesang des Halleluja schloß die Feier. Anwesend waren u. a. Herr Oberpräsident von Waldow, Festuugskommandant Generalleutnant von Eisendorf, RehsierMngsPräsident Krahmer, Polizeipräsident von Hellmann, «Wnuastaldirektor Dr. Thümen usw. So hat also die Gemeinde Posen das lange geplante meite Gotteshaus. Möge dieses als ein Wahrzeichen bestehen i'leiben für die Kraft des Judentums, für das gleichartige Bestreben seiner Bekenner. Möge seine Geschichte eine ruhmreiche werden, wie sein Beginn ein schöner Beweis dafür war, |i a|3 ernstes Wollen immer noch zum Ziele führt. Ph. Brief aus Velterrrich. Im September. ie Zeit unserer „hohen Feiertage" ist da. Unwillkürlich werden wir in dieser ernster gestimmt. Auf der Grenze stehend zwischen Tagen, die dem süßen Nichtstun gewidmet naren, und der Zukunft, die uns wieder bereit finden soll zur i nichtbringenden Tätigkeit, werfen wir nicht nur die bange strage auf, wie sich wohl unser eigenes Geschick gestalten wird i t den kommenden Tagen, sondern wir denken auch an das unserer Gemeinschaft. Die Dinge haben sich, wie man zu >tgen pflegt, für diese etwas zugespitzt. Es ist kein Zweifel, daß sich in Oesterreich neue Gestaltungen mrbereiten; „siehe, ich schaffe Neues", dieses alte Wort pocht h ieder einmal laut an unsere Türen, und wir dürfen diesem hinten Rufe unser Ohr nicht verschließen. Mit anderen Worten: h ne Epoche steht uns bevor, in der Geßmann, Luegers erst ärter Nachfolger, das große Wort führen wird. Er wird an cr Spitze einer Koalition stehen, die sich gegen die Sozialh mokraten richtet, welche das neue Wahlgesetz in so stattlicher ihl ins Abgeordnetenhaus gebracht haben. Und nun ist das st r viele Merkwürdige, für manche aber ganz Natürliche h schehen. Die Christlich-Sozialen, diese mächtige, von maßh ebenden Faktoren gehätschelte Partei, hat die Führung übernommen, und ihr strömen sie alle zu: die sogenanttten Forth hrittlichen, an deren Fortschreiten schon lange niemand glaubt; hie Deutsch-Nationalen, deren ganzer Nationalismus eigentlich i er Antisemitismus ist; die Tschechen, die, bis aus wenige Ausi ihmen, niemals wirklich freisinnig waren; die Polen, die für i den zu haben sind, wenn nur ihre Interessen gewahrt werden, h id natürlich zu allererst die Klerikalen, die sich von den i Hristlich-Sozialen nur dem Namen nach unterscheiden. Alle l iben sie Luegern und seiner Gefolgschaft „gehuldigt", wie dieser ' lbst.sehr richtig, jubelnd verkündete, und, da ervorerstmitallerlei! rperlichen Gebresten geschlagen ist und auf den Landhäusern h inet Freunde die Gesundheit sucht, wird nun diese Huldigung!> mein Generalstabschef Geßmann dargebracht werden. Wir h üben stehen einmal wieder isoliert, umkreist da, und fragen: Was nun?" Auf diese Frage ist eine Antwort zuteil geworden von einer Seite, von der wir sie am allerwenigsten erwarteten. Das Unwahrscheinliche, es ist wieder einmal < reignis geworden. Wie, ist vielleicht eine Versammlung i Wischer Notablen zusammengetreten, um über die Zukunft her österreichischen Judenschaft zu beraten? Unwahrscheinlich wäre dies, aber dieses Wunder ist nicht eingetreten. Dieses Wunder ist vielmehr in der Perle der Badeorte, dem herrlichen Marienbad passiert, in dem so mancher von seines Leibes Fülle verlieren möchte, die er sich wahrlich nicht durch schwere Arbeit erworben, wo manch ein Gewichtiger die aufgehäuften Kilogramme auf die Verlustliste setzen will. Da müssen wir einer Tatsache Erwähnung tun, die wohl kaum in der Ruhmesgeschichte dieses herrlichsten aller Orte in späteren Zeiten fortleben wird, aber keinesfalls unbeachtet bleiben soll. Hat da in einer jüdischen Versammlung, die in den letzten Augusttagen in Marienbad abgehalten wurde, kein Geringerer das Wort ergriffen als der bekannte Graf Sternberg, derselbe, welcher die Debatte über die Wahlmißbräuche in Galizien, an der sich die jüdischen Abgeordneten dieses Kronlandes so hervorragend beteiligten, als „Mauschelei" erklärte. Damals war Graf Sternberg, an deffen Originalität und Begabung niemand zweifelt, der aber durch die Purzelbäume, die er in seinen Reden schlägt, gewöhnlich allgemeine Heiterkeit erweckt, gerade kein Judenfreund. Er selbst bezeichnet sich als „tschechischkatholisch". Wir nehmen ihm diesen Ruhm nicht. Aberwie kommt er dazu, der so oft antisemitisch schillert und sicherlich die Verhältnisse bei den Buren, für deren Freiheit er kämpfte, und die der Löwenjagden in Afrika, für die er sich sehr lebhaft interessiert, besser kennt als die der Juden, wie kommt er dazu, in einer jüdischen Versammlung zu sprechen? Wir wollen jedermann die Freiheit des Redens wahren, jeder soll reden, wo und wie er will, aber es kommt doch auch beim Reden auf das an, was man spricht, und da hätten wir uns von einem solchen klugen Kopfe, wie es unstreitig der Graf Sternberg ist, etwas anderes erwartet, als er in Marienbad hören ließ. Er empfahl den Juden Assimilation und sozialen Konservatismus. Wir denken, diese Heilmittel müsse man unseren Inden nicht erst empfehlen. Sie leisten in diesen Artikeln so Großes, daß sie die Assimilation förmlich bis zum bekannten „Untertauchen" geführt hat. Und was den sozialen Konservatismus betrifft, so sind wir überzeugt, daß viele jüdische Millionäre und solche, die dafür gelten wollen, dem Grafen Sternberg laut zustimmeu werden. Das westeuropäische Judentum stellt ferner, nach Graf Sternberg, nur den Mittelstand dar; „der Mann in der blauen Bluse fehlt". Eine alte, sehr veraltete Anschauung, die aber durch ihr Altertum nicht an Wahrheit gewinnt. Hat der Herr Graf nie etwas von den jüdischen Proletariern gehört, von den armen, doppelt schwer um ihre Existenz kämpfenden jüdischen Arbeitern? Das ist es eben, was uns leider schadet und was ein geistreicher Mann in einem Aphorismus jüngst so treffend zum Ausdrucke brachte: So lange leben wir unter den Völkern und noch immer kennen sie uns nicht, oder, wie ich hinzufüge, sie wollen uns nicht kennen. Mittelstandspolitik ist schwer für uns zu treiben, weil — nun weil es leider einen gesunden Mittelstand bei uns nicht gibt. Da sind einige reiche Leute, nennt sie Millionäre, aber, was die große Masse des jüdischen Volkes anlangt, so fehlt ihr der Wohlstand, sie hat gegenwärtig schwer um ihre Existenz zu kämpfen. Man verkennt dies, weil man unsere Verhältnisse nicht kennt. Wir wünschen, Graf Sternberg blickte auf unsere Gemeinden, er würde anders reden als er in Marienbad tat, wo er, wie wir mit Recht annehmen, kaum die armen Juden kennen lernte, die sich allerdings den Luxus nicht zu gönnen vermögen, in den dortigen „feinen" Restaurants zu speisen. Weil der Jude seine Kinder gut erzieht und äußerlich einen gewissen Wohlstand zur Schau trägt, deshalb darf man nicht immer von dem Reichtum der Juden faseln. Die Wohltätigkeitsvereine, die wie jüngst, wenigstens für Mähren, statistisch nachgewiesen wurde, in ziemlich stattlicher Zahl in der Judenschaft vorhanden sind und die

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