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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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Beköstigung ja auch eine größere Wichtigkeit zugelegt wird, als es der arbeitsreiche Alltag erlaubt. Die meisten der Alten erholen sich hier körperlich noch mal in ganz auffälliger Weise, wie mir von dem dies Reich in mustergültiger Weise leitenden Jnspektorehepaar erzählt wird. An die Vorzüglichkeit der Ernährung gewöhnen sich die Versorgten nur zu rasch. Gar mancher sieht, was Wohltätigkeit ihm bietet, allmählich als sein gutes Recht an und nörgelt mit der Zeit, wie wenn es Schuldigkeit der Anstalt wäre, ihm ewige Gesundheit zu verleihen. Die greisen Paare, die beisammen in einer Stube Hausen, könnten den ärgsten Ehefeind bekehren. Väterchen sorgt für Mütterchen, Mütterchen für Väterchen, beider Tun und Lassen scheint so miteinander verwachsen, daß man nur wünschen möchte, der Tod fälle beide zur selben Stunde. Hier genügt ein schwacher Hieb wohl ohnehin für zwei Leben. In Wirklichkeit begegnet der Ueberlebende dem Sterben des Genossen mit so verblüffender Ruhe, daß man mit Recht vom „kühlen" Alter zu sprechen sich gestatten möchte. Wenn es richtig ist, daß das Alter noch mehr Runzeln in unseren Verstand ziehe als in unser Antlitz, so sind die alten Frauen meist weniger „runzlig" hier als die alten Mädchen. Hagestolze aber sollen sich als die schwierigsten Insassen der Alterversorgung erweisen. Im Laufe weniger Monate gewöhnen sich fast alle Bewohner ein. Vielen sind hier noch die besten Jahre ihres Lebens beschieden. Jedes Erinnern an den Tod ist den alten Leuten so unsympathisch, daß es ihnen am liebsten ist, wenn der „Auszug" eines der Hausbewohner möglichst wenig berührt wird. Natürlich muß man auch hier, wie stets beim Beobachten, individualisieren. Zwischen der Ansicht Marie Ebner Eschenbachs, daß das Alter verkläre oder versteinere, finden sich doch noch recht mannigfache Schattierungen. Gerade ein.Besuch der Alterversorgung macht es begreiflich, wie entgegengesetzte Wertschätzung das Greisenalter sich gefallen lassen muß. Hat man sich beim Verlassen eines Stübchens gerade eben des Wortes erinnert „das Urteil des Greises zittert weniger als sein Haupt", so fällt einem vielleicht nach zehn Minuten beim Abschied von einem andern Sophokles'gallige Bemerkung ein: „Wertlos, schwach, freudlos kommt das Greisentum." Immerhin wird es nicht viel Sechsundsiebzigjährige geben, die so lebenslustig sind wie jener Alte, der mir kürzlich aus Amerika schrieb: „Seitdem wir uns sahen, bin ich älter geworden, doch, dem Himmel sei Dank, nicht gealtert. Ich bin mir wohl bewußt, daß „die Jeschichte" nicht ewig dauert, und daß alles seinen Anfang, aber auch sein Ende hat, daß eine verlorene Stunde nicht wiederkehrt, dementsprechend wird sie bei mir verwertet und so finden Sie nach stets als Bruder Lustig." Wer Geld fortschenkt, ist zwar ein Helfer, dem Dank gebührt, jedoch zum Wohltäter erhebt das Herz erst denjenigen, dem zarte Schonung für die Seele des Armen eigen. Die weiten Felder, auf denen Not heimisch ist, haben neuerdings einsichtsvollen Menschen — ganz besonders in der Großstadt — einst unbeachtete Gelegenheiten für gut anzuwendende Wohltaten erschlossen.- Je nach Neigung oder Erkenntnis betätigt sich werktätige Milde. Der Erfolgreiche beginnt seine Verantwortlichkeit dein Zertretenen gegenüber zu fühlen. Man lernt allmählich, sich seltener zu empören, sich hingegen verständnisvoller zu erbarmen. Beim Durchschreiten des Heims der Greise war mir's, als sähe ich starke Arme, die fast Vernichtete in der letzten Sekunde einem dahinsausenden Gespann entreißen. Und weiter schien es mir, als zögen diese kraftvollen Finger liebevoll 'die zittrigen Schwachen ein wenig in die Abendsonne. . . . Lrirk aus Koken. o früher die Ghettomauern die Jndenstadt von dem anderen Posen abschlossen, erhebt sich heute die neue Gemeindesynagoge — ein Monumentalbau, der vielleicht nicht seinesgleichen hat. Massig in den äußeren Formen und doch in den Einzelheiten mit all der Kleinheit, die der romanische Stil in so reichem Maße zur Verfügung hat. Innen hingegen überall lichtfrohe Farben, viele maurische Motive und eine ebensolche prachtvolle Kuppel. Eine Sehenswürdigkeit, heißt es in den lokalen Zeitungsberichten. Wirklich eine Sehenswürdigkeit. Aber auch ein Stück emsiger Arbeit, ein Aufrechthalten religiöser Tradition, durchaus eine Synagoge der Inden. Nicht weit — etwa 200 Schritte ab — steht das alte Gotteshaus der Juden. Ein Bau, dem man das Epitheton „historisch" mit Fug und Recht zusprechen kann. Keine Urkunde erzählt uns, wann er errichtet wurde, nichts ist erhalten geblieben von der Art der Erbauer. Nur wißen wir, daß diese Synagoge vor etwa 350 Jahren renoviert wurde. Dann aber fehlen wieder alle Nachrichten. Wie aber immer, wenn das tatsächliche Material fehlt, die Sage lebendiger wird, hat auch hier die Legende einen schier unentwirrbaren Knäuel von Märchen und Mythen gewoben. Von Geschlecht zu Geschlecht vererbten sich diese, die Synagoge fand indessen keinen Historiker. Sie war uns in ihrer schmucklosen Eigenart, mit ihren Winkeln und ihrer Enge lieb geworden, und man konnte in ihr so schön das Wehen einer alten, längst vergessenen Zeit spüren, sich hier besser wie überall der Juden Geschichte vergegenwärtigen. Um sie herum hat so oft der Kampf getobt, sind Revolutionen gewesen, politische und ökonomische Verhältnisse, als wären sie ein Nichts, geändert worden. Nur sie selbst stand und bestand, aber auch sie machte der Zeit Konnivenzen. Aus der Judenschule wurde der Judentempel und dann die Gemeindesynagoge. Und jetzt weist man sie einer ganz anderen Bestimmung zu. Die Einweihung der monumentalen neuen Synagoge am 5. September bildet zweifellos einen Glanzpunkt in der Geschichte der Posener jüdischen Gemeinde. Nicht nur durch das Arrangement, nicht durch das wirksame und die Ehrfurcht herausfordernde Zeremonial, auch nicht durch die Beteiligung der hohen Staatsbehörden. Die Energie und die Opferwilligkeit, mit der dieser Bau durchgeführt wurde, und die hierbei zutage getretene Einigung der verschiedenen religiösen Strömungen innerhalb der Gemeinde, das Entgegenkommen auf allen Seiten fordern unsere Bewunderung heraus. Es war ein schöner Augenblick, als der greise Rabbiner Dr. Feilchenfeld die neue Synagoge öffnete, und als unter seiner Führung die Vertreter der Staatsbehörden, der Militärbehörden und der Stadt das Gotteshaus betraten. Das Ma tauwuh ertönte, von einem mehr als hundertstimmigen Chor mit voller Orchesterbegleitung gesungen. Dann wurden die Thorarollen hereingebracht und zum erstenmal das 8chemah gesagt. Ganz programmäßig verlief der Umzug mit den Thorarollen und das Einheben. Alte, liebgewordene Klänge hörten wir und dann begann der achtzigjährige Dr. Feilchenfeld seine Festpredigt. Wer den ehrwürdigen Mann nur auf der Kanzel sah, wurde schon durch dessen bloßes Austreten hingerissen. Eine so sympathische Erscheinung, die, ungebeugt von dem hohen Alter, ohne jedes Zeichen von Schwerfälligkeit noch heute warm und lebendig für die hohen ethischen Aufgaben des Judentums einzutreten verstand. Seine Festrede definierte den Begriff eines Gotteshauses. Er erinnerte an die biblischen Zeiten, er blickte zurück auf die Geschichte dieses Baues, und

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