Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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449 Nachmittags 3V4 Uhr: „Stellenvermittlung". Referat von Frau B. Leiser-Köln. Korreferent: Frau Glaß-Breslau. Diskussion. (Vorsitzende Frau Martha Schlesinger-Frankfurt a. M.) Abends 8V2 Uhr: Erste öffentliche Versammlung. „Jüdische Vereinsorganisationen." Vortrag von Frau Henriette Mah-Berlin. Diskussion. (Vorsitzende Fräulein Bertha Pappenheim-Frankfurt a. M.) Dienstag den 8. Oktober, zweite öffentliche Sitzung. Vormittags 9l/2 Uhr: „Mädchenhandel". Referat von Fräulein Sidonie Werner-Hamburg. Diskussion. (Vorsitzende Frau Henr. Mah-Berlin.) Vormittags IOV4 Uhr: Anträge der angeschlossenen Vereine, Ergänzung der Statuten, Geschäftliches. Mittags 1 Uhr: Frühstück in der „Frankfurt-Loge". Nachmittags 5*/2 Uhr: Tee bei Frl. Bertha Pappenheim, Praunheimerstraße 9 p. Abends S1/2 Uhr: Zweite öffentliche Versammlung. „Erziehung der Töchter". Vortrag von Frau Henriette Fürth-Frankfurt a. M. Diskussion. (Vorsitzende Frau Ella Seligmann-Frankfurt a. M.) Mittwoch den 9. Oktober. Vormittags: Besichtigung des Heims des „Jüdischen Frauenbundes" in Neu-Isenburg. Nachmittags: Besichtigungen; Milchküche (Referent Herr Dr. Deutsch), Siechenhaus, Kinderheim, Kindergarten, Witwenheim. Altersheim, Waisenhaus des Israelitischen Frauenvereins u. a. unter Fachführung. Sämtliche öffentlichen Sitzungen"und Versammlungen finden in den Räumen der „Frankfurt-Loge", Eschersheimer Landstraße 27, statt. Lktztr Halteltelle. Von Franziska Mann. „Keine Kunst ift'§, alt zu werden. Es ist Kunst, es zu ertragen." undertfacher Ueberwindung aber bedarf es, wenn Armut und Alter sich einen, wenn der Abnahme der Körperkräfte sich die Sorge um den kommenden Tag zugesellt. Alterversorgung! Einsichtsvolle und bemittelte Menschen schufen ein Heim in Berlin für Greise, das diesen Namen trägt. Am Rande des Friedhofs in der Schönhauser Allee liegt der wuchtige Bau, der die hundert Alten gastlich beherbergt, die bis zum großen Finale ihres Lebens hier gehegt und gepflegt werden. So mannigfache Wege die Insassen gewandert sein mögen, bis sie in dieses Haus gelangten; wenn sie zu dauerndem Aufenthalt die Schwelle der Anstalt überschreiten, werden alle von der gleichen Erkenntnis durchzittert sein: Endstation! Hier wird nicht mehr umgestiegen. Die Bevorzugten, die in die Alterversorgung ausgenommen sind, haben die großen Schlachten ihres Lebens hinter sich. Kraft zu tiefer Schmerzfähigkeit fehlt meist denen, die von Schicksalsschlägen bis hierher verfolgt werden. Sind sie still aus Stumpfheit geworden oder kämpften sie sich wirklich zu tiefsinniger Auffassung aller Geschehnisse durch? Des Fremden, der das Haus besucht, bemächtigt sich eine seltsame Stimmung. Warten auf den Tod, friedliche Vorbereitung auf das Ende, scheint ihm die ganze Atmosphäre auszuströmen. Die Einwohner hingegen werden augenscheinlich weniger von solchen Vorstellungen bewegt. Wer erst etliche Sechzig zählt, blickt mitleidig auf die Achtzigjährigen. Jung aber fühlen sich die gegen jene, welche ihnen ein Jahrzehnt voraus sind, besonders jung aber gegen Riffle Wols, die sich — geistig rege und körperlich nicht zu verfallen — ihre 106 Jahre durchaus nicht abstreiten lassen will. Nach dem Wortlaut ihrer Papiere soll sie zwar erst am Ende der SO sein, ihre Erinnerungen aber scheinen ihre Behauptung nicht unglaubhaft zu machen. Es ist wohl nicht unmöglich, daß in dem Dörfchen, welchem sie entstammt, Buchführung in damaliger Zeit gerade nicht sehr zuverlässig gehandhabt wurde. — Den Moment zum Beispiel, der ins Posensche die Botschaft voin Tode der Königin Luise brachte, schildert Risske ergreifend; laut ahmt sie das Weinen der Leute nach, die am 19. Juli 1810 klagend ihr Dörfchen mit den Worten durchliefen: „Unsere gute Königin ist tot, tot ist unsere gute Königin!" — Riffle rühmt sich mit Recht ihres vorzüglichen Gedächtnisses und liefert im Laufe des Gesprächs genügend Beweise desselben. Ihre Köchinlanfbahn gibt Veranlassung zu unnachahmlich drastischen Schilderungen. Ganz besonders dankbar ist sie der Alterversorgnng, daß sie am Ende ihres Lebens wieder „frommes" Essen bekommt, denn gekocht hat sie, weil sie arm war, auf jegliche Weise. Sie hofft aber, der liebe Gott werde ihr die Sünde verziehen haben. Die Worte, mit denen sie einst „Großväterchen" und „Väterchen" ins Leben entließen, gibt sie anscheinend wortgetreu wieder, und sie versichert in sichtlicher Erregung, daß, was die Zehnjährige versprochen, bis zum heutigen Tage heilig gehalten ist. Sie gerät bei dieser Erzählung in solches Pathos, als müsse sie noch jetzt vor ihrer Unschuld auf der Hut sein. Natürlich kochen wir auch zusammen; von wunderbaren Gerichten ist die Rede. Risfkes Appetit muß noch ein ausgezeichneter sein. Trotz ihrer eigenen unerreichbaren Kochkunst lobt sie die Anstaltsverpflegung beinahe mit Begeisterung. Am meisten scheinen sie ihre Blumen zu beschäftigen, nur Stecklinge, die sie hegen und pflegen kann, deren Wachsen sie gewisserinaßen in all ihren beschäftigungslosen Stunden beobachtet. Weiter bin ich von Stube zu Stube geschritten. Sofort beim Qeffnen der Tür erkennt man ein gut Teil vom Geist des Insassen. Die Mehrzahl hat in die Stube eigene Möbel gestellt, und dieses Inventar ist keineswegs stumm. Es spricht beredter zu dem, der zu horchen gewohnt ist, als die alten Leutchen selbst. Riffle Wolf gehört der niedrigsten Gesellschaftssphäre an, der größte Teil der hier Wohnenden aber rühmt sich wenigstens seiner guten Familie. Manch ein graues Frauchen spricht fein und gewählt, manchem alten Mädchen merkt man noch heute die gute Erziehung an. Eine merkwürdige Vereinigung von Geistesruhe und Griesgrämigkeit bringt diese Gesellschaft zum Ausdruck. „An alte Schuh is alsfort zu flicke", meint eine taube Alte auf meine Frage, womit sie den Tag hinbringe, und eine andere versichert: „Alte Haut' dürfen viel Schmierens." Der liebe Nächste spielt eine große Rolle bei den Alten. Man hat's so bequem, ein wenig zu klatschen; Tür an Tür begeben sich die großen Ereignisse. Selbst der Gichtischste oder der Asthmatischste schlürft gern ein paar Schritte auf den langen Korridor hinaus, wenn er wissen will, was in der Welt Passiert. Zu erfahren gibt es in diesem abgeschlossenen Reich genug. Da bilden sich Kreise und Cliquen, Standesunterschiede herrschen, obgleich fast jeder die Hohlheit aller Herrlichkeiten „draußen" durchschaut haben könnte. Merkwürdig berührt es, wie den Alten hier die Jahre hinfliegen. Jeder äußerte auf meine Frage, er wisse nicht, wo die zehn, zwölf Jahre des Aufenthaltes im Heim ihm geblieben. Das wichtigste Ereignis des Tages bildet die Mahlzeit. Die Alten leben etwa wie Badegäste, bei denen der