Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Frohlockend berichtet die „Deutsche Tageszeitung" über den erwachenden Antisemitismus in Amerika; und was ist der Grund zu diesem Jubel? Ein New Iorker Blatt beklagt sich über die rapide Zunahme der jüdischen Bevölkerung in dieser Stadt und zwar in folgender Weise: „Die Judeneinwanderung nimmt Dimensionen und Formen an, daß man von einer wahren Judeninvasion sprechen muß. Von den elf Millionen Juden, die cs auf der ganzen Welt gibt, hat Rußland fünf Millionen, Oesterreich-Ungarn zwei Millionen und Nord-Amerika eineinhalb Millionen. In Rußland nimmt die Zahl der Juden ab, in Oesterreich-Ungarn ist sie stabil, in den Vereinigten Staaten aber wächst sie rapid. Wenn das bei uns so sortgeht, werden wir in Amerika noch vor dem Jahre 1910 soviel Juden haben wie Oesterreich- Ungarn, und im Jahre 1925 wird Amerika in der Zahl der Juden Rußland überflügeln und den ersten Platz als Judenresidenz einnehmen. Heute schon hat die Stadt New Aork 750 OOO Juden, also halb soviel wie die Vereinigten Staaten zusammen, und mehr als irgend ein Land der Welt, ausgenommen Rußland, Oesterreich-Ungarn und die Vereinigten Staaten; siebenmal soviel wie London und dreißigmal soviel wie — Jerusalem! Ja, New Uork hat heute zwanzigmal soviel Juden wie Jerusalem zur Zeit, da es Hauptstadt des jüdischen Reiches war und seine Glanzperiode als eine der größten Hauptstädte der Welt e-rlebte. Angesichts dieser furchtbaren Ueberflutuug unseres Landes mit Juden ist es kein Wunder, daß diese von Tag zu Tag immer mehr an geschäftlichem und sozialem Einfluß gewinnen, daß wir Juden im Kongreß und im Bundesgericht und den Juden Oskar Strauß als Staatssekretär für Handel und Arbeit im Kabinett haben, daß ein Haufe von Juden mit Joses Politzer an der Spitze in unserer Presse die erste Violine spielt . . ." Wie aus dem Schlußsatz deutlich hervorgeht, ist doch nur der Brotneid der Urheber dieses Artikels und nichts anderes. Die „Deutsche Tageszeitung" kann ruhig sein. Eine antisemitische Bewegung wie im alten Europa wird in der neuen Welt kaum Platz greifen. Dazu fehlen dort alle Vorbedingungen: vor allem die Junker und die Agrarier. Und ohne diese ist eine antisemitische Bewegung gar nicht möglich. In Kanada scheint sich die Situation für die dort einwandernden Juden zu bessern. Jüngst erschien in einer jüdischen Versammlung der Premierminister Patterson und erklärte, daß, als er von den Greueln hörte, denen die Juden Rußlands ausgesetzt sind, und als er von der Tätigkeit der Männer vernommen habe, die den Juden eine eigene Heimstätte schaffen wollen, es keiner langen Ueberlegung bei ihm bedurft hätte, um zu dieser Versammlung zu gehen und seine Meinung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Gerade weil in Kanada die Freiheit und Gleichheit jeden Bürgers gewährleistet sei, sei es das Recht und die Pflicht der kanadischen Juden, für ihre unglücklichen Brüder einzutreten. Auch der.Minister Aylesworth betonte in seiner Ansprache, daß er diese für die einzig mögliche Lösung der Judenfrage halte. Die kanadische Regierung werde solche Bemühungen mit größter Sympathie verfolgen und diesbezügliche Bestrebungen und Pläne gern unterstützen. Nach den Italienern und den Engländern stellen die Juden die größte Zahl von Immigranten in Kanada, nämlich 7127, um 588 weniger als im Vorjahr. Davon sind Russen 6056. Dem Beruf nach waren von den männlichen jüdischen Einwanderern: Landwirte 267, Arbeiter 489, Handwerker 1870, Händler und dergleichen 183 und Bergleute 5. Im Distrikt Wapella gibt es sehr tüchtige jüdische Farmer, die je 75 bis 250 Acres bewirtschaften. Der Inspektor für den Distrikt Lipton teilt mit, daß die jüdische Ansiedlung im Osten und Nordosten 40000—50000 Bushels Getreide im Berichtsjahr auf den Markt gebracht habe. Danach werden in diesem Distrikt 6000—8000 Acres von Juden bebaut. Der Medizinalbeamte stellte fest, daß von 186 145 Einwanderern 284 auf Grund der Untersuchung zurückgewiesen wurden. Von 7091 Juden, die man untersuchte, betraf das 29, oder einen unter 245. Der zweite Delegiertenlas des Wdilchen Frauenbundes. in Frankfurt a. M. bereitet sich eben die zweite Delegierten- * Versammlung des Jüdischen Frauenbundes vor, über deren erste Tagung die „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 5. Januar 1906 berichtete. Während auf der ersten Tagung der Bund noch seine Daseinsberechtigung zu verteidigen hatte und sich die Versammlung hauptsächlich mit der Gestaltung der Organisation beschäftigte und darüber diskutierte, welches die Aufgaben des Bundes sowohl in idealer wie in Praktischer Richtung fein würden, so zeigt das Programm dieser zweiten Tagung schon eine gewisse Sicherheit. Es bleibt ja noch abzuwarten, ob der Verlauf der Verhandlungen ganz das bringen wird, was die Verbandsleitung erhofft: Anregung für alle angeschlossenen Vereine zur Vertiefung itt ihre speziellen Aufgaben und Aufnahme neuer Ideen. Der Erfolg nach dieser Richtung wird doch wesentlich davon abhängen, wie viele der bereits angeschlossenen 85 Vereine gewillt sind, Delegierte oder Gäste nach Frankfurt zu schicken. Es ist ja sehr bedauerlich, daß viele Vereine sich noch an den Wortlaut ihrer Statuten halten und eine Delegation nicht als „Vereinszweck" anerkennen. Diese Vereine sollten doch erwägen daß es sehr wohl Dereinszweck ist, ihre Aufgabe so gut als möglich zu erfüllen, und daß es sehr oft möglich ist, das Gute besser zu tun, wenn man hört und sieht, wie andere arbeiten, wenn man sich über Weg und Ziel der Arbeit ausspricht und lernt, wie man es machen kann, und vielleicht auch, wie man es nicht machen soll. Das Programm dieses zweiten Delegiertentages bietet, wie es scheint, absichtlich viel Raum für solche Aussprache unter den Delegierten. Und auch Frankfurt selbst bietet in seiner Fülle von Anstalten jüdischer und interkonfessioneller Tendenz, wie selten eine Stadt, die Möglichkeit lebhafter Anschauung Es wäre sehr wünschenswert, wenn durch zahlreichen Besuch die beabsichtigte Wirkung der Tagung: Anregung und Anschauung in einen weiten Kreis der jüdischen Frauenwelt hinauszutragen, gelingen würde. Das Programm lautet folgendermaßen: Vorabend, Sonntag den 6. Oktober. 5 Uhr: Vorstandssitznng, Praunheimerstraße 9. 8 Uhr: Begrüßung und geselliges Zusammensein der Delegierten im Lokal des Mädchenklubs, Langestraße 3011. Montag den 7. Oktober, erste ösfentliche Sitzung in der „Frankfurt-Loge", Eschersheimer Landstraße 27. Vormittags 9 Uhr: Bureaubildung, Prüfung der Mandate, Geschäftliches u. a. 10 Uhr: „Zur Sittlichkeitssrage". Referat von Fräulein Bertha Pappenheim-Frankfurt a. M. (Vorsitzende Frl. Sidonie Werner-Hamburg.) Mittags 1 Uhr: Frühstück der Delegierten bei Frau Cl. Cramer, Fellnerstraße 7.