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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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446 wohl wieder heimkehren zum Lebensgenüsse, aber unter der Voraussetzung,' daß ihr Genuß ein heiliger sei und bleibe. Auch die dritte Bedingung, die Gemeinsamkeit des Genusses, die das an die Spitze unserer Betrachtung gestellte Schristwort vor allem fordert, ist in unserer zwar nivellierenden, trotzdem aber die Standes- und Klassenunterschiede mit merkwürdiger Zähigkeit festhaltenden Zeitperiode nur schwer zu erreichen. Dein Lebensgenuß sei ein heiterer — du sollst dich mit Geryütsruhe freuen; dein Lebensgenuß sei ein heiliger — du sollst dich mit Weihe freuen; dein Lebensgenuß sei ein gemeinsamer — du sollst dich nicht allein freuen! Das ist in erschöpfender Weise die Beschaffenheit des echt menschlichen Genusses, wie er Gott gefällt, wie er unserer edleren Natur würdig. Nichts entfremdet die Menschenherzen mehr als der Gedanke: „Ich bin mehr als du! Ich Hab' mehr als du!" — Aber nichts nähert die Menschenherzen mehr einander als der Gedanke, der in heiliger Bußezeit, in ernstem Seelenkampfe in uns sich unwiderstehlich geltend machte: „Wir sind alle gleich fehlerhafte Wesen; wir sind alle nur vergängliche Schatten!" Und wenn wir am Jahresschlüsse zur Hand nahmen die „Verlustliste" und musterten die neben uns dem Tode Verfallenen, und jenes: „Heute mir, morgen dir" sich uns so erschütternd aufdrängte, und wir im dieila-Gebet zerknirscht ausriefen: „Was sind wir?, was ist unser Leben?, was ist unsere Kraft?, was ist unsere Stärke?" — wozu rief dies alles uns auf? — Daß wir uns alle rein und innig und hingebungsvoll und aufopfernd lieben, so lange wir leben, und daß unser gemeinsamer Kampf und unser gemeinsamer Sieg uns führe zu gemeinsamer Freude, zu gemeinsam heiterem, gottgeweihtem Lebensgenuß, durchdrungen von jenem großen Gefühl, daß wir seien. Hoch und Nieder, auf den verschiedenen Rangstufen, wohin uns unser oberster Herr und Gebieter versetzt hat, innig verbrüderte Genossen des Einen großen Menschenbundes. „Und du sollst dich freuen an deinem Feste, du, und dein Sohn und deine Tochter, und dein Knecht und deine Magd, und der Levite und der Fremdling, und das Waisenkind und die Witwe, die in deinen Toren wohnen." Diese Mahnung zum rechten Lebensgenuß versinnlichen auch in anmutiger Weise die Symbole des Laubhüttenfestes; denn sie sollen uns eben die innige Verbindung der Herzen, die Zusammengehörigkeit der Menschen im Bilde veranschaulichen. Die Myrthe, in ihrer dichtgedrängten Fülle, mit ihren saftgrünen, strahlenden Blättern, Bild des Reichtums — und die Bachweide, mit ihren spärlichen, glanzlosen, blaßgelben Blättern, Bild der Dürftigkeit, sie sind beide innig verbunden dem ragenden Palmzweig, brüderlich geeinigt mit dem Sinnbilde der Einheit und des Friedens in Gott. „Und die Frucht von» schönen Baume", der heitere Lebensgenuß, er ist von Gott eben so nahe gestellt dem arbeitsamen, pflichtgetreuen, gottesfürchtigen Armen, wie dem Reichen — ja, weit mehr als diesem, wenn dieser arbeitsscheu, Pflicht- und gottvergessen ist. — Das ist der große Ertrag des Versöhnungstages, daß es uns lehre die Gleichheit aller vor Gott; daß vor dessen erhabenem Richterstuhle kein Unterschied gilt der Reichen und Armen, aber wohl der Bösen und Guten, der Hoffärtigen und Demütigen, der Lieblosen und Hingebungsvollen; daß in jener Gemeinschaft der Menschen, von welcher wir in der heiligen Zeit gebetet, „daß sie alle werden mögen Ein Bund, um den Willen Gottes zu üben mit ganzem Herzen", die wechselseitige Verpflichtung der Menschen ausgesprochen sei, damit, wie in dem Bunde — „Agudda" — der vereinten Sinnbilder des Freudenfestes das Licht der schimmernden Myrthe die Erscheinung der blassen Bachweide erhebe, also der Reiche zur Lebenserheiterung seines armen, im Menschew bunde ihm nahegestellten Bruders das Seinige freudig und nach Kräften beitrage. Als Sieger gezogen aus dem Kamp » über die gewinnbegierige, sinnlich verlangende, selbstsüchtig: Natur, kehren wir heim zum Lebensgenüsse — heiteren Gemüte j heilig gestimmt, und beglückt, und einander beglückend in Liebe! Ach, wenn doch das Geschlecht der Gegenwart, das sich mitten im rauschenden Lebensgenüsse nach der naiven Heite - keit der Altvordern gar oft zurücksehnt, es verstände, d c Bedingungen zu erfüllen, die sich an jene stillzufriedene, genügsame, gerade darum aber so herzliche Lebensfreude knüpften! Es stände dann wahrhaftig besser um unsere Zeit und vi r allem um uns selbst und unsere Kinder und unsere Familien! r-ÄM Sir Woche. B Berlin, 19. Sepkembeeit einigen Jahren bemüht man sich in jung-jüdischen Kreisen mit heißem Eifer nachzuweisen, daß das Jude: - tum krank sei. Man spricht unaufhörlich von „Problemen und in sogenannten modernen, aus fremdem Revier gewaltsa u herbeigezogenen Begriffsbestimmungen sucht man nach eine» „jüdischen Ideal". Dagegen wäre an sich nichts einzuwende >, wenn diese Versuche und Studien nur nicht unfern Gegner ,, die auf jede Stimme aus dem ihnen verhaßten Lager awmerksam lauschen, immer wieder willkommenen Stoff zu neun, Angriffen gegen Juden und Judentum geben würden. Ta hat vor kurzem in den „Preußischen Jahrbüchern" ein solch» Aufsatz über „Probleme im modernen Judentum" gestände Man könnte einen Preis ausschreiben für den, der in klare» Worten zu sagen vermöchte, was der Aufsatz eigentlich en - halte, welche Probleme gemeint seien und welche Lösung vo - geschlagen werde. Vielleicht kommen wir auf, diesen Essay a's ein Muster der ganzen Gattung noch zurück. Aber das ist a Nebensache. Die Hauptsache ist, daß die „Kreuzzeitung" si h des Autors väterlich annimmt und ihn, sowie die Richtung die er vertritt, mit jener gleißnerischen Heuchelei, die wir » seit Jahrzehnten zur Genüge kennen, geradezu als das Ideal des modernen Judentums hinstellt. Wir müssen, wie sc» uns auch dies ganze Treiben anwidert, doch die eigenen Wo» e des neuen Rundschauers des Junkerblatts hierhersetze Mögen dann die Leser selbst urteilen! „Wie anders mutet dieser schöne Idealismus an als die scheinb »' bescheidene, in Wirklichkeit hochmütige Art der Assimilationsjudc >, die uns den reinen Monotheismus und die wahre Moral» die eck e Bürgertugend und die freiheitliche Gesinnung, die höchste Kultur u»d Kunst, die feinste weltbürgerliche Gesittung lehren wollen und tut, selber recht selten über eine fchauspielermästige Nachahmung ihr r Wirtsvölker hinauskommen. Wie leicht muß man sich mit eine," wirklich jüdisch-national empfindenden Juden verständigen könne», der frank und frei sich hinstellt: „Ich bin Jude, du b;it Deutscher — jeder mache sich nach seiner Art geltend"' Aber das sind Zukunitshoffnungen. Heute noch sehen die „moderner," Juden ihre Aufgabe darin, uns zu imitieren, und die Deutschen, , ' allzu nahe mit ihnen verkehren, nehmen in deutscher Anpassung rfähigkeit leicht diese unechte Art an, in Haltung und Gebärde, " Sprache und Stil, in Kunst und Politik, sogar ost im sittlichen und religiösen Denken." Wenn etwas jenen jung-jüdischen Weltverbesserern zu denken geben sollte, so wären es diese und ähnliche Enunziu-

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