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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. 8 Das Laubhiittenkelt. U Berlin, 19, September, nd Du sollst dich freuen an deinem Feste, du und dein Sohn und deine Tochter, und dein Knecht und deine Magd, und der Levite und der Fremdling, und das Waisenkind und die Witwe, die in deinen Toren wohnen!" So heißt es in der Heiligen Schrift auch vom Laubhüttenfeste. Nach der Feier des hohen Sühnetages ruft uns das Fest zu: Kehret heim wieder zum Lebensgenüsse, aber euer Genuß sei ein gemeinsam freudiger, ein wechselseitig erfreuender! Es war also ein Fest der Freude, des Lebensgenusses, das Sukotsest. Wer von der älteren Generation bewahrt nicht noch die schönsten Erinnerungen gerade an diese Festzeit? Und was ist dieses Fest heute? Kaum noch der Schatten dessen, was es unfern Vätern und Müttern, was es uns selbst in frohen Jugeudtagen gewesen. Woher kommt das? Die Aufforderung zum Lebensgenuß ist doch sonst unserm Geschlecht so willkommen? Freilich das, was unsere Alten unter Lebensgenuß verstanden, ist himmelweit verschieden von dem, was die moderne Zeit darunter begreift. Und dies ist vielleicht auch der Grund, warum unsere Zeit eigentlich gar nicht zum wahren Lebensgenuß kommt, sondern ihr Leben lang in dem Suchen nach diesem verbringt. Es fehlt ihr, was unsere Alten in so hohem Grad besaßen: Die Heiterkeit, die Heiligung und die Gemeinsamkeit des Genusses. Und darum verzehrt sie sich in beständigem Sehnen, und im Genuß „verschmachtet sie nach Begierde". Was uns heute am meisten fehlt, das ist die erste Bedingung jedes wahren Lebensgenusses: die Heiterkeit. Freilich, wer wollte solche sich nicht gern gefallen lassen? Und ihr möchtet wohl der Ansicht sein, dies verstehe sich so von selbst, daß es als ausdrückliche Bedingung gar nicht müsse aufgestellt werden? — Allein da die Religion es ist, welche diese Bedingung stellt, so muß es doch damit eine besondere Bewandtnis haben. Und so ist es. Jene Heiterkeit des Lebensgenusses ist die unzerstörbare Freudigkeit des Weisen, die aus einem klaren-Gemüte, aus einem vorwurfsfreien Gewissen, aus dem Bewußtsein treugeübter Pflicht stanunt. Es ist jene Heiterkeit der Natur, wenn der Sturm vorüber — die Luft so rein, der Himmel so klar, die Berge so tiefblau, und der Vogel die Regentropfen von seinen Flügeln schüttelt und sich jubilierend zur Höhe schwingt, und die Sonne die Tränen trocknet aus den Blumenaugen und sie mit frischem Trieb durchglüht. Es ist jene Heiterkeit, welche den Menschen beseligt, nachdem er manchen Seelenkampf durchgekämpft, Hindernisse besiegt, Zweifel überwunden, grundsätzliche Sittlichkeit in sich befestigt, und er, den Hort des Guten in sich, vor den Bedingungen der äußerlichen Wandelbarkeit sich gesichert weiß. Es ist jene Heiterkeit, wofür uns die Religion alljährlich den Quell der Läuterung in ihrem großen Sühnetage eröffnet, die wir so beseligt empfinden, wenn sich am Schlußabend der Sturm unserer Gefühle gelegt, die Luft sich geklärt, die Höhen reinmenschlichen Strebens sich uns offenbaren, die Sonne der göttlichen Gnade die Tränen der Reue aus unserem Seelenauge trocknet und uns mit neuer Glut für alles Edle und Schöne durch dringt. Daran reihet die Religion ihr Freudenfest und fordert uns auf: Genießet das Leben, aber unter Wahrung jener Gemütsheiterkeit, wenn euch daS Gewissen selbst zurufet: „Nun möget ihr euch freuen vor dem Ewigen, eurem Gotte." Dazu gehört freilich aber etwas, was, so fürchten wir, unsere Generation kaum noch verstehen, geschweige denn erfüllen kann, nämlich die Heiligung auch des Genusses! „Freuet euch mit Beben!" (Psalm 2,11). Der Gedanke, daß Gott über euch walte, verlasse euch nie in der Freude, „auf daß seine Furcht euch gegenwärtig bleibe, damit ihr nicht sündiget" (2. B. M. 20, 20). — Und hat unser Kampf in der heiligen Zeit ein siegreiches Ergebnis geliefert, und fordert uns die Religion selbst auf, nachdem wir am Sühnetage über den Erdensinn uns erhoben, wieder in Frieden und Freuden zum Lebensgenüsse heimzukehren, so macht sie uns doch in ihrer ernsten Weise die Heiligung des Genusses, seine Weihe durch den Gedanken an Gott zur unerläßlichen Pflicht: „Freuet euch vor dem Ewigen, eurem Gotte!" Das aber tut durchaus jener Heiterkeit des Lebensgenusses keinen Eintrag — im Gegenteil, erhöhet dieselbe. Liebvolle Eltern, wohlwollende Erzieher nehmen gern teil an den Erheiterungen ihrer Kinder. Denn die Lust der Kinder artet leicht aus, wenn sie sich nicht von jenen beachtet wissen. Also befiehlt uns die Religion: „Freuet euch vor dem Ewigen, eurem Gotte!" Er nimmt väterlichen Anteil an euren heitern Genüssen — er heiligt sie. Wehe denen, die sich Freuden, Genüssen hingeben, wobei sie den Aufblick zu Gott scheuen, wobei ihnen die gefährliche Stimme im Innern den Trost der Lüge geben muß: „Dich sieht kein Gott!" Daß du von Gott gekannt, erkannt, gewußt, gesehen, durchschaut seiest bis in die innersten Kanrmern deines Hauses, bis in die geheimsten Falten deines Herzens, das ist der Hauptgewinn der heiligen Zeit im Herzen aller, welche durch die erhabenen Tage — sie heißen deshalb: „,lomim noroim", die ehrfurchtgebietenden Tage — wieder Gott sich unterworfen und zu frommen Gesinnungen zurückgekehrt sind. Sie mögen

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