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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 442 (sequence 10)
Language
German
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der vollen Bürgerrechte gelangt ist. Tag für Tag verspottet^ wird, so kann das nur schädigend wirken. Ucberhaupt nehmen Unzählige die jüdische Frage nicht ernst genug. Es gibt viel brave Leute, die kaum imstande sind, ernsthaft über das Judentum zu sprechen, und die der Versuchung nicht widerstehen können, dasselbe zum Gegenstand unpassender Witze zu machen. Die Juden haben die tatsächliche Gleichstellung und Gleichberechtigung in der Gesellschaft nicht etwa als eine Gnade zu erbitten, sondern als ein gutes Recht zu fordern. Die Juden gehorchen den Gesetzen des Vaterlandes, sie bezahlen ihre Steuern und genügen ihrer Wehrpflicht, um im Falle der Gefahr ihr Blut fürs Vaterland zu vergießen, sie tragen wesentlich zur Entwicklung des Handels und der Gewerbe bei, sie reden dieselbe Sprache wie ihre Mitbürger — weshalb also sollen sie immernoch Bürger zweiter Klasse sein? Ein braver Jude, der für die volle Gleichberechtigung seiner Standesgenossen kämpft, der kämpft einen guten Kampf um seill gutes Recht, und alle vorurteilslosen Männer sollten ihn unterstützen." Möchte jener Friede und jene Eintracht, die in Neuwied unter allen Konfessionen herrschen, auch in anderen Städten sich geltend machen! Dann würde wenigstens ein mächtiger Schritt zur endgültigen Lösung der Judenfrage vorwärts getan sein! Neuwied, o schöne Stadt am Rhein, Voll Lust und Lieb' gedenk ich Dein! mumcüw. Bor Toresschluß (Neiiah). Bon Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pnlvermann. I. / E^erold Gawrilows Junggesellenwohnung konnte man zu jeder Zeit als ein allerliebstes Schmuckkästchen bezeichnen, und sie war ganz besonders behaglich und komfortabel an diesem trüben, regnerischen Herbstnachmittag, da die Abenddämmerung bereits hereinbrach und das nächtliche Dunkel sich mehr und mehr ausbreitete. Seit einer halben Stunde saß der Eigentümer dieser herrlichen Räume und sein Gast, Saul Mogilow, in bequemen, weichgepolsterten Lehnsesseln, die förmlich zum Nichtstun einluden und die darum sicherlich viel dazu beitrugen, daß die Unterhaltung nur schläfrig, monoton sich hinschleppte und nicht recht in Fluß konunen wollte. Und doch war Saul Mogilow, der junge und begabte Mediziner, als ein vortrefflicher Gesellschafter allgemein bekannt — und er mußte es wohl sein, sonst würde er auch nicht mit Gerold Gawrilow auf so vertrautein Fuße stehen können, denn Gerold gab sich nicht so billig weg in seinen Freundschaften — er war ja mit irdischen Gütern reich gesegnet, was ja schon seine ganze vornehme Umgebung bekundete, er hatte auch Welt und Menschen kennen gelernt, und konnte es sich darum auch leisten, in der Wahl seiner Bekanntschaften sehr vorsichtig und auch sehr wählerisch und anspruchsvoll zu sein. Saul schien all seinen Ansprüchen zu genügen. „Allem Anscheine nach hast Du heute vergessen, Deine Zunge gehörig einzuölen, Saul," sprach er endlich, nachdem beide eine ganze Weile schweigend vor sich hin gebrütet hatten. „Das tut mir wirklich leid, Gerold," war Sauls Antwort. „Ich weiß es selbst, daß ich Dir heute langweilig erscheinen muß. Und in der Tat, ich fühle mich ganz und gar nicht in der Stimmung, jetzt eine alltägliche Unterhaltung zu führen, und wäre überhaupt gar nicht hergekommen, wenn Du nicht durchaus darauf bestanden hättest." „Warum? Was ist denn heute los mit Dir? — Bist Du etwa wieder mit einer neuen Erfindung beschäftigt, die die Welt abermals elektrisieren wird? — Um des Himmels willen, Saul, höre endlich auf mit Deinen Entdeckungen, die uns Laien immer mehr die niederschmetternde Gewißheit vor Augen führen, welch ein gebrechlicher, miserabler Mechanismus das Menschenwesen ist, und daß er nur aus so und so viele» Teilchen Sauerstoff, Eiweiß usw. besteht!" „Weißt Du, Freundchen," fuhr er lächelnd fort, „Du tust alles Mögliche, um uns zu beweisen, daß der Mensch nur ein elender Wurm ist, und wir sind albern genug, als Gegenleistung Dich als einen bedeutenden, klugen Manu zu preisen. Weißt Du, ich halte dieses für kein ehrliches Tauschgeschäft!" „Darum, Gerold, sollst Du wenigstens die nächsten zwei Tage vor mir und meinen Entdeckungen sicher sein; denn für so lange werde ich das Studieren und Erfinden an den Nagel hängen." „Meinst Du es wirklich so?" ries Gerold lebhaft, „dann werde ich Dich ganz und gar mit Beschlag belegen, und Du kannst Dich darauf verlassen, langweilen wirst Du Dich unter meiner Führung sicherlich nicht. Darum höre das Programm, das ich nur ausgedacht: zunächst speisen wir zusammen im „Russischen Adler", dann besuchen wir das Theater, lvo das neue französische Stück gegeben wird, von dem alle Welt schon seit Wochen spricht; sodann." Er hielt inne, als er Sauls abwehrende Kopfbewegung wahrnahm. „Hast Du denn keine Lust, ins Theater 51t gehen?" fragte er ein wenig verwundert. „Ist mir auch recht, dann gehen wir zur Soiree beim Professor Kunow, der schon lange den Wunsch geäußert, Dich persönlich kennen zu lernen. Er hat Deine letzte Abhandlung." „Gerold, ich danke Dir herzlich für Deine guten Absichten," unterbrach ihn Saul, „allein ich bitte Dich, sei nicht ungehalten, daß ich diesen einen Tag für mich ganz allein verleben möchte." „Willst Du aufs Land gehen?" „Nein, ich bleibe in der Stadt." Gerold sah ihn verblüfft an. „Hast Du Geheimnisse vor mir, Saul? Heraus damit, und quäle mich nicht länger mit Deinen halben Andeutungen." „Es war durchaus nicht meine Absicht, ein Geheimnis daraus zu machen," erwiderte Saul gelassen, „morgen, oder heute feiern wir unfern Versöhnungstag." „Nun, und," Gerold lachte auf, „also ein rotangestrichener Tag im jüdischen Kalender! Aber, was hast Du damit zu tun? Das erklärt mir immer noch nicht Dein unbegreifliches Verhalten." „Ich habe diesen Tag stets als eine Zeit der Selbstprüfung, der inneren Einkehr gefeiert," fuhr Saul ruhig fort, als wollte er seinem leichtlebigen Freunde jedes Wort ganz einprägen, „und da Du doch auch in meinem Glauben geboren bist, so kann ich es mir wohl ersparen, Dir noch über die Bedeutung dieses Tages eine besondere Erklärung geben zu müssen."

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