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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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Auf Rabbi! Nicht gesäumt, Du hast vergeblich nicht gewacht. Doch hier Hilst keine Flucht, Fluch über den, der jetzt In Graus und Not den Seinen sich entzieht! „Wacht auf ihr Brüder, seht, was euch bedroht!" Schon hat die Nacht in tiefes Dunkel eingehüllt die öden Gassen, Enthoben aller Daseins Not und Kümmernis Ruht manche Brust in süßem Frieden, Manche auch verfolgt die bange Furcht bis in den tiefsten Schlaf Und böse Träume wecken Folterqual an Leib und Seele! Jutta, des großen Rabbis treues Weib, ist ihm zur Seit', indes Guttlin, des Hauses holde Zier, und David, der geliebte Sohn, Eilends die Botschaft von der Horde Nah'n den Juden künden. Nicht unverhofft kam solche Kunde! Längst erwogen war im Rat der Zwölfe Was zu gescheh'n. wenn das Geschick auch Frankfurts Mauern nahte. Einmütig hatt' ein jeder zugeschwor'n: Zu opfern sich samt Weib und Kind und aller Habe Und trüben Auges, schweren Herzens, hoffnungslos, Doch gern bereit, der andern Los zu teilen, hatt' Jedwedes Weib sein Jawort auch dahingegeben! Hereingebrochen war die Scheidensstunde! Erbrochen war das Tor! Da gab's kein Säumen mehr. Und immer näher, wilder wälzt heran der Höllenbande Toben sich. „In Gottes Namen denn!" Verramnielt Tor und Tür, kein Ein- und Ausgang mehr. Der Rabbi gibt das Zeichen. Nun ein schriller Ton Die wohlgetränkte Feuermasse sängt zugleich An hundert Stellen an zu loh'n. Kein Lied verkündetes und kein Pinsel malt's, Was in der Todesstunde, nur mit Gott verbunden. Erhaben über Zeit und Wett, dem Irdischen entrückt, Im Judenviertel sich allda vollzog! Kein Murren gegen Gott, kein sündhaft Denken; Rein, befreit von allem Staub und aller Not, Enteilt der Frommen Seelenschar Vereint in sel'gern Tod. Hinauf! Zu Gott! Zum ew'gen Frieden! Ein Ruf durchhallt die Nacht, kein Angstruf und kein Klageton, Nein, hell und weithin tönend schallt's: „Schema Isroel, adonai elochenu, adonai echod!" Und lodernd von der Opferbrände Zahl erglänzt Blutrot im Feuerschein der rauchenden Altäre Die dunkle Nacht. Vorbei! Genarrt die Feinde! Um hohen Preis. Jedoch die Geldgier ungesättigt, der Blutdurst ungestillt. Zu Asche sank dahin ein edler Stamm und seine Habe. Verschachert von des deutschen Kaisers Majestät Um sünfzehntausend Pfund. Was Gott verheißen einst durch der Propheten Mund, Es ward erfüllt. Kein Untergang, Nein, schwere Schicksalsprüfung nur Ward auferlegt dem auserwählten Volk, Und um zu retten ihrer Seele Heil vom Abgrund der Verderbnis! Wunderbar sind Gottes Wege! Neu aufgerichtet, hell erstrahlend über Deutschlands Gaue Steht Israel in Frankfurts Mauern! Wohlstand und Eintracht, Gottesfurcht und Nächstenliebe Sie fanden neue Heimat hier. Und wenn auch böse Höllenbrut und Gotteslästerer Verleumdung, Gift und Bosheit schleudern wider uns. Vorüber sind die Zeiten stillen Duldertums! Wir haben Recht, zu fordern Schutz und Gleichheit. Und gehen unbekümmert unfern graben Weg. Schon dämmert's! Doch es muß das Dunkel schwinden, Und hell erstrahlend in der Morgenröte Glanz Wird einst der Welt zum Heil die „Wahrheit" strahlen! Wenn alle Menschen Brüder sind, in Gott allein vereint! Es ist nicht gerade ein Zufall, sondern eine wohlerklärliche. und berechtigte Erscheinung, daß gerade in Neuwied ein protestantischer Oberlehrer eines dortigen Königlichen Gymnasiums, namens Dr. Walter Pohlmann, bereits vor 16 Jahren im Verlage von Louis Heuser eine Schrift, betitelt „Das Judentum und sein Recht", herausgegeben hat, worin er einerseits mit dem Antisemitismus gründlich Abrechnung hält und andererseits in seiner scharfsinnigen und logisch unwiderlegbaren Art den Beweis führt, daß es keine besonderen jüdischen Fehler gebe, und daß gegenseitige Behauptungen nur infolge der Trübung der Urteilskraft durch den Haß entstanden seien. Gewiß werden so manche Ausführungen in dieser hochinteressanten und leider nur wenig bekannt gewordenen Broschüre noch heute für unsere Leser von Interesse sein. Mag hier nur das Schlußkapitel, worin der Verfasser das Fazit seiner Betrachtungen zieht, nämlich die „Lösung der jüdischen Frage", auszugsweise mitgeteilt werden: „Es gibt nur einen Weg, vollen Frieden zwischen Christen und Juden zu schaffen. Die durch das Gesetz gewährleistete volle Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger ist durch die Christen ohne jede Ausnahme in die Tat zu übersetzen. Die Juden sind bei nachgewiesener Befähigung zu sämtlichen Aemtern zuzulassen. Auch der Offiziersstand darf in Zukunft keine Ausnahme mehr machen. Noch wichtiger ist jedoch die gesellschaftliche Gleichberechtigung. Wir alle fühlen es: Ein gewisses Etwas liegt immer noch zwischen Christen und Juden, selbst dort, wo kein ausgesprochener Antisemitismus herrscht. Diese Kluft muß endlich überbrückt werden. Ob jemandes Vorfahren in Palästina gewohnt haben, muß uns so gleichgültig und unwesentlich werden wie die Abstammung Tausender unsrer Mitbürger von französischen und slawischen Vorfahren. Wir alle haben wohl schon gegen die Juden gesündigt, und unsere Kinder saugen mit der Muttermilch die Ueberzeugung ein, daß ein Jude etwas ganz anderes sei als ein Christ. Fast ohne es zu wissen, nennen wir eine unedle Handlungsweise eine „jüdische"; wer lange feilscht, handelt wie ein „Jude", und wer Mißtrauen gegen uns hegt, den: rufen wir voll Entrüstung zu: „Hältst Du mich etwa für einen Juden?" Für alle möglichen Fehler muß immer das Judentum den Namen hergeben; besonders in den nnteren Ständen hört man täglich Redensarten wie: „Er betrügt wie ein Jude", oder „er wuchert wie ein Jude", oder „er schachert wie ein Jude". Ehe dies nicht ein Ende nimmt, wird der Jude niemals die volle gesellschaftliche Gleichberechtigkeit erlangen. Sehr kennzeichnend und auffällig ist die Erscheinung, daß man gerade in solchen Gegenden, in denen fast gar keine Juden wohnen, den jüdischen Charakter in sprichwörtlichen Redensarten als sehr gehässig und verächtlich darstellt. So hat auch Shakespeare, der ja den jüdischen Charakter als so grausam und geldgierig dargestellt hat, nachweislich niemals einen Juden gesehen, da zu seiner Zeit sich kein Jude in England aufhalten durste. Von sehr schädlichem Einfluß sind auch jene Witzblätter, welche fast in jeder Nummer am Judentum ihr Mütchen kühlen. Wenn zum Beispiel die Offiziere zum Gegenstand heiteren Spottes gemacht werden, so ist das etwas ganz anderes. Ein Stand, der allgemein die größte Achtung genießt, kann das vertragen; wenn aber eine Klaffe von Bürgern, die noch immer nicht in den tatsächlichen Genuß

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