Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch sei hier erwähnt, daß die Peah nicht nur eine Handelsstätte für Händler, sondern auch ein Kaufhaus für arme Leute ist, die ihren Hausstand ergänzen möchten. Sie stellen sich als Käufer ein und erhalten zu einem erstaunlich billigen Preise die gewünschten Dinge, und kann in dieser Beziehung weder die größte Fabrik noch das erstklassigste Warenhaus mit der Peah konkurrieren. Daß auch vieles, sobald man sich von der Würdigkeit und Bedürftigkeit des Reflektanten überzeugt hat, aus unkündbaren Kredit verkauft wird, liegt nun einmal in der Natur des Geschäftsbetriebes und hat sich so bewährt, daß die Leiter der Anstalt bis heute noch niemals gezwungen waren, einen Kunden verklagen zu müssen. Daß bei einem solchen Geschäftsbetrieb mit solchen unanfechtbaren Prinzipien der Warenbedarf und damit der Umsatz ein gar beträchtlicher ist. braucht nicht erst durch Beispiele erhärtet zu werden. Und hier, nachdem den verehrten Lesern ein Einblick in die Tätigkeit der Peah gewährt worden ist, hoffe ich ein solches Interesse für dieselbe erweckt zu haben, daß der Wunsch, ein Mitglied zu werden, rege genug ist, den Willen in die Tat umzusetzen, zumal kein Geldbeitrag erforderlich ist und obendrein eine kostenlose und gründliche Reinigung von allem alten, im Wege stehenden Gerümpel erlangt werden kann. Vor den hohen Festtagen wird manche Hausfrau wünschen, beim „großen Reinemachen" manches los zu werden, was nicht mehr verkäuflich ist oder so wenig vom Händler einbringt, daß es nicht der Mühe lohnt, es für ihn zu verwahren. Ferner steht der große Umzugstermin vor der Tür, und dabei zeigt es sich, daß sich so viel unnützes Zeug angesammelt hat, daß die Kosten des Mitnehmens nur eine Verschwendung wäre. Und nun wende ich mich in erster Linie an die gütigen Leserinnen, an die Damen des Hauses, mit der dringenden Bitte, schon heute sich der Peah in der Neuen Friedrichstraße Nr. 5/8 und an die Telephonnummer 10156, Amt 7, erinnern zu wollen, Tag und Stunde zu bestimmen, an der sie ihre überflüssigen Sachen abgeholt zu sehen wünschen, auch, wie groß und welcher Art die Gegenstände sind, damit der geeignete Wagen zum Abholen geschickt werden kann. Dann bitte ich alle Geschäftsinhaber und Fabrikanten, der Peah ihre „Ladenhüter", Abfälle und sonst nicht mehr verwendbaren Artikel zu überlassen, und Herren, welche sich zu verheiraten und eine neue Wohnungseinrichtung zu beschaffen gedenken, uns die alten Möbel zu schenken. Durch solch einen Akt der Munifizenz erwirbt man sich die dauernde Ehrenmitgliedschaft, jedenfalls aber das Verdienst, eine gute Sache, bei der armen, arbeitslosen jüdischen Familienvätern und armen, sonst brotlosen Frauen Verdienst geboten und über schwere Tage hinweggeholfen wird, unterstützt zu haben. Also nochmals: kein Geld, — obgleich wir es zum Besten unserer Institution nicht ganz von der Hand weisen wollen, — sondern nur eure alten, für euch unnütz gewordenen Sachen, bitte ich euch, liebe Brüder und Schwestern, der Peah zu überweisen. Und wenn Sie wissen wollen, warum ich mich so besonders für die Peah verwende, so will ich Ihnen gestehen, daß ich zum Kuratorium gehöre und mir deshalb das Gedeihen der Anstalt, im Interesse einer sehr großen Zahl Armer, die bei uns Brot suchen, am Herzen liegt. Zu jeder gewünschten Auskunft bin ich stets gern bereit. Aus der Geburtsttadt Carmen Syloas, der Sänisin um Sumämen. Von Dr. Adolph Kohut. II. eben Herrn A. Lichtenstein hat nicht wenig zum Gedeihen der Gemeinde sowohl wie zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse namentlich auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur der Sohn des Genannten, der ausgezeichnete und vielgesuchte praktische Arzt Dr. Lichtenstein — seit vielen Jahren Vorsitzender des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur — beigetragen. Lichtenstein ist auch als ein gedankenreicher, feinempfindender und formvollendeter Lyriker von glänzender Begabung in den weitesten Kreisen bekannt und hat seine Muse wiederholt in den Dienst des Judentums, seiner Ethik und Humanität gestellt. Die Dichtungen, die er bei verschiedenen Anlässen, namentlich in den verschiedenen Bnai-Berith-Logen vortrug, haben ihn nicht allein bei den Ordensbrüdern, sondern auch in allen Kreisen, wo man für Glaubensfreiheit und Menschenwürde Sinn nnd Verständnis hat, einen klangvollen Namen erworben. Anläßlich der Gründung der „Eintracht-Loge" am 18. November 1900 hielt er eine zündende Rede in Versen, der wir nur die nachfolgenden Stellen entnehmen wollen: „Geboren aus dem Geiste reinster Nächstenliebe Göttliches Neis Dn! Wuchsest aus zu kräftigem Stamm, Und aus dem Baume grünen immer neue Reise, Kinder der Tugend, Kinder edlen Menschentums: Schutz den Bedrängten, den verfolgten Glaubensbrüdern, Ein Hort zu sein den Witwen und den Waisen, Gebeugte aufzurichten, zu stützen die Gefallnen, Zu fördern jedes Werk der opferfreudigen Nächstenliebe Allen zu helfen ohne Unterschied des Glaubens, Uns selbst zu bessern, zu veredlen ist die Losung, Was Edles, Gutes, Wahres nur die Menschenbrnst erklingen läßt, Das will der Orden Bne Beris. Er rufet alle wackren Söhne unsres Stammes, Sie zu vereinen durch die Liebe, durch die Pflicht, Daß Brüder wir uns nennen, zu wirken nur Zu Gottes Ehre und des Nächsten Frieden. Das sei die Losung für und für! Auf daß die Welt dereinst erfahre, daß Lieb', Wohltun, Eintracht nicht allein Nur eines Glaubens Banner ziert; „Daß alle edlen Menschen, Brüder sind im Geiste Gottes." Dann wollen wir die alte Fahne, blutgetränkt, zerfetzt, Erhoben zeigen einst vor Gottes Thron, Wenn er uns ruft, „die Söhne seines Bundes", Zum ew'gen Frieden." Besonders bemerkenswert ist eine poetische Rede Dr. Lichtensteins, die er in der „Frankfurt-Loge" zu Frankfurt am 5. Januar 1901 gehalten, weil er darin in ergreifender dichterischer Sprache das geschichtliche Martyrium des Frankfurter Judentums in finsteren Jahrhunderten schildert, eine Rede, die von den historischen Kenntnissen des Verfassers zeugt. Man wird gewiß nicht ohne tiefe Ergriffenheit die nachfolgenden Stellen aus diesem Vortrag lesen: Die Luft wird dicker, Schwere zieht durch alle Glieder Und mehr nnd mehr färbt bleiern sich das Firmament. Vom Pesthauch zieht ein Strom durch Frankfurts Gassen. Schon grollt fernher der Donner, Blitze zucken hin am grauen Himmel, Grell die Nacht durchleuchtend, Es grollt und zuckt und kracht und weitert. Als wollte auftun sich der Erde Schlund Hinwegzuraffen alles über sich. Doch keine Tropfen fallen nnd kein Naß Erquickt das gierige Land, die durstigen Menschen! Zerteilt der Wolken Heer! Die Sternlein funkeln hell! Und durch die Nacht erklingt voll Inbrunst eine alte Weise. Der fromme Rabbi Süßkind ist's. Ein Zeichen ward ihm kund, Daß Böses ihm und seiner Herde drohte. Drum findet Ruh' er nicht, als im Gebet zu dem, Der aller Welten Schicksal lenkt. Da plötzlich in der Ferne welch ein Poltern, Schrein Durchdringt die Totenstille! Verworrnes Rusen, Pochen, dann der Aexte Hieb; Kein Zweifel; sie stnd's! Die Satansbande steht vor Frankfurts Toren.